WIR ERINNERN uns an die Umstände, unter denen unser Erlöser diese Worte gesprochen hat: Wenige Tage vor Seiner Kreuzigung hatte Jesus Seinen Jüngern versprochen, dass sie mit Ihm auf Seinem Thron in Seinem Reich sitzen würden. Sie waren so zuversichtlich, dass es so sein würde, wie der Herr gesagt hatte, dass sie über die Position diskutierten, die sie einnehmen würden. Die Mutter der beiden Jünger Jakobus und Johannes kam zu Ihm und fragte, ob ihre beiden Söhne zur Rechten und zur Linken des Herrn im Reich Gottes sitzen dürften. Jesus wandte sich an die beiden Jünger und antwortete ihnen mit einer Frage: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinken werde, und getauft werden mit der Taufe, mit der ich getauft werde?“
Wir wissen, dass die Wassertaufe Jesu zu Beginn Seines Dienstes stattfand. In Übereinstimmung mit dem göttlichen Plan sollte Er als Erlöser der Menschen sterben. Und Er symbolisierte diesen Tod, sobald Er dreißig Jahre alt war - so schnell, wie es nach dem Gesetz möglich war. Während der dreieinhalb Jahre Seines Dienstes vollzog Er diese Taufe, Er schüttete Seine Seele in den Tod aus, und diesen Tod vollendete Er auf Golgatha. Jesus sagte: "Die Taufe, mit der ich getauft werde“ – JETZT - keine Taufe, die in der Zukunft oder in der Vergangenheit liegt.
Aber Er sprach anders über den Kelch - „den Kelch, den ich trinken werde“. Damit deutete er an, dass der Kelch in der Zukunft liegt - weder in der Gegenwart noch in der Vergangenheit. Er hatte Seinen Jüngern gesagt, dass Er nach Jerusalem hinaufgehen, dort gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen würde. Bei einer anderen Gelegenheit sagte Er: „Es sei denn dass ihr das Fleisch des Sohnes des Menschen esst und sein Blut trinkt, so habt ihr kein Leben in euch selbst“ [Joh. 6:53]. Was der Meister über Seine Kreuzigung sagte, verstanden die Jünger nicht. Aber Jesus verstand die Situation, und Er wusste, dass dieser Kelch für Ihn ausgegossen werden würde. Und so sprach Er erneut davon und sagte von sich selbst: „Den Kelch, den mir der Vater gegeben hat, soll ich den nicht trinken?“.
DIE BESONDERE PRÜFUNG UNSERES HERRN
Man könnte meinen, dass das Wort Kelch für verschiedene Lebenserfahrungen steht - dass jeder seinen Kelch hat, in dem sich Freude und Leid mischen. Aber Jesus benutzte das Wort in einem unterschiedlichen Sinn. Als Er im Garten Gethsemane war, betete Er: " Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“. Und noch in derselben Nacht betete Er: „Mein Vater, wenn dieser Kelch nicht [an mir] vorübergehen kann, ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille“ [Mt. 26:39, 42]. In der Angelegenheit Seiner Taufe in den Tod gab es kein Zögern von Seiten unseres Herrn. Im Gegenteil, Er hat von Anfang an freiwillig daran teilgenommen. Der schändliche Tod war das, wofür Er betete, dass er vorübergehen möge, wenn es möglich wäre. Aber Er erfuhr, dass dies der Wille des Vaters für Ihn war, und Er war damit zufrieden.
Nichts im Gesetz deutete darauf hin, dass unser Herr als Lästerer des göttlichen Gesetzes hingerichtet werden sollte. Dennoch wurde Er der Gotteslästerung angeklagt. Der Sanhedrin entschied, dass Er ein Gotteslästerer war, weil Er gesagt hatte: „Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen werde ich ihn aufrichten“ [Joh. 2:19], und weil Er behauptet hatte, der Sohn Gottes zu sein. Die Schmach und die Schande, als Verbrecher gekreuzigt zu werden, als Lästerer des Vaters, den Er so sehr liebte, war es also, die besonders auf Seinem Sinn lastete und von der Er sich gerne befreit hätte.
Jesus wusste, dass Er in die Welt gekommen war, um zu sterben, und dass Er leiden musste. Aber diesen Teil Seiner Erfahrung hatte Er nicht ganz verstanden. Offensichtlich wusste Er, dass „wie Mose in der Wüste die Schlange erhöhte, so muss der Sohn des Menschen erhöht werden“ [Joh. 3:14]; denn schon relativ früh in Seinem Dienst hatte Er dies in Seinem Gespräch mit Nikodemus gesagt. Doch als Er zunehmend näher an die Zeit Seiner Erniedrigung, seiner Entwürdigung herankam und erkannte, was dies alles bedeutete, empfand Er eine große Furcht davor und schüttete Sein Herz aus in dem Ruf: „Wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber!“ Aber er fügte sogleich hinzu: „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“ (Mt. 26:39) und bewies damit, dass Sein Bekenntnis zu dieser Zeit der Weihung „Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun, o Gott“ keine leeren Worte waren.
SIND WIR BEREIT, SEINE SCHMACH ZU TEILEN?
Und so sagte unser Erlöser zu Seinen Jüngern: Seid ihr fähig, euer Leben ganz niederzulegen, auch wenn dies für euch Ungerechtigkeit bedeutet, wenn euer Leben weggenommen wird? Seid ihr fähig, den Kelch zu trinken, den ich trinken werde? Es wird mit Schande und Schmach verbunden sein. Seid ihr bereit, mit mir diesen Kelch zu teilen? Sie antworteten: „Wir sind fähig“. Sie waren bereit.
Wir sehen, dass dies derselbe Kelch ist, der bei der Abendmahlsfeier dargestellt wird. Das Brot steht für den Leib und der Wein für das Blut unseres Herrn. Der Kelch steht vor allem für die Schande und die Schmach, die mit Seinem Tod verbunden sind. Die beiden Jünger sagten, dass sie bereit seien, Seinen Kelch zu teilen - sie zögerten nicht. Um jeden Preis würden sie Ihm treu sein. Sie würden jede Bedingung erfüllen, die Er stellen würde. Natürlich wussten sie noch nicht, was das Wort „Taufe“ oder „Kelch“ bedeutete. Das waren Dinge, nach denen sich alle Seine Jünger sehnten. Wenn Pfingsten kommen würde, würden sie sich an das erinnern, was Jesus zu ihnen gesagt hatte, so wie Er es vorausgesagt hatte (Joh.16:4; 13:19). Aber sie waren willig und ängstlich. Und das ist alles, was wir sein können. Jesus garantierte ihnen, dass sie, wenn sie willig waren, diese Erfahrungen machen würden; dass sie, wenn sie weiterhin willig waren und mit Ihm hier leiden würden, mit Ihm auf Seinem Thron regieren würden. Aber welchen Platz jeder von ihnen auf dem Thron einnehmen wird, das kann nicht Er bestimmen, sondern nur der Vater.
Der Mut, die Tapferkeit unseres lieben Erlösers, der den schmalen Weg ging, erfüllt uns mit Bewunderung. Wie stark und tapfer war Sein Charakter! Er dachte nicht daran, zurückzublicken; Sein ganzes Wesen war darauf ausgerichtet, den Willen Seines Vaters im Himmel zu erfüllen - sich für das Wohl der Welt zu opfern. Was für ein edles Beispiel wurde den Aposteln vor Augen geführt: Größe in Demut, Sieg durch völlige Selbstaufgabe!
DAS TRINKEN DES KELCHS DES HERRN DURCH DIE KIRCHE
Das Trinken aus dem Kelch des Herrn durch die Kirche steht für unsere Teilhabe an den Leiden Christi in der heutigen Zeit. Niemand wird ein Glied am Leib des großen Mittlers des Neuen Bundes sein, wenn er nicht jetzt unter den richtigen Bedingungen eintritt. Das Trinken des Blutes ist also das Teilen des Kelches. Denn wenn wir nicht aus Seinem Kelch trinken, werden wir auch nicht mit Ihm an Seiner Herrlichkeit teilhaben. Er sagte: „Trinkt alle davon“. Alle müssen trinken, und der gesamte Kelch muss während dieses Zeitalters geleert werden.
Es ist ein großes Privileg, dass wir an den Leiden Christi teilhaben dürfen. "Wenn wir [mit ihm] ausharren, werden wir auch mitherrschen" [2. Tim. 2:12]. Wir werden an der Einweihung der neuen religiösen Ordnung und an der Verteilung ihrer Segnungen teilhaben. Das Gegenbild des Mose, der die Besprengung vornehmen wird, ist Christus, das Haupt, und die Kirche Sein verherrlichter Leib, von dem wir in Apg. 3:22 lesen: „Mose hat schon gesagt: „Einen Propheten wird euch der Herr, euer Gott, aus euren Brüdern erwecken, gleich mir; auf ihn sollt ihr hören in allem, was irgend er zu euch reden wird“ - das heißt, Mose war Sein Vorbild, in kleinerem Maßstab. Der Leib wird jetzt auferweckt. Zuerst wurde Jesus auferweckt, dann die Apostel und danach die übrigen Glieder Seines Leibes.
Wie Mose das ganze Volk besprengte, so wird dieser gegenbildliche Mose, wenn er vollendet ist, die Welt der Menschheit „besprengen“; und das wird bedeuten, dass sie in Übereinstimmung mit dem göttlichen Gesetz gebracht wird. Es wird tausend Jahre dauern, bis die Menschheit „besprengt“ ist. Es gibt also einen großen Unterschied zwischen dem Trinken aus dem Kelch und der Besprengung mit dem Blut. Die Besprengung mit dem Blut steht für die Rechtfertigung, während das Trinken des Kelches durch die Kirche nicht nur für die Rechtfertigung, sondern auch für die Heiligung steht.
DIE ERKENNUNG DER GÖTTLICHEN ABSICHTEN DURCH UNSEREN HERRN
Mit Seinen denkwürdigen Worten an Petrus - „Den Kelch, den mir der Vater gegeben hat, soll ich den nicht trinken?“ - bezog sich unser Herr offensichtlich auf Seine Erfahrungen bei Seinem Sterben, die äußerst hart waren. Er wurde von den Menschen verachtet und wurde als Feind Gottes geächtet - ein Gotteslästerer. Er wusste, dass Seine körperlichen Leiden sehr schwer sein würden, aber für Seinen vollkommenen Sinn verstärkte die Schande, die Schmach und die Verachtung den Grad Seiner Qual noch mehr. Doch dies war der Kelch, den der Vater Ihm gegeben hatte; es war die göttliche Bestimmung für Ihn.
Unser Herr hatte alle Erfahrungen, die nötig waren, um Seine Loyalität zu beweisen und zu prüfen; denn es war notwendig, dass Er Seine Loyalität sowohl vor den Engeln als auch vor den Menschen offenbarte. Die ganze Angelegenheit war schon vor der Erschaffung des Menschen göttlich angeordnet worden. Er war „das geschlachtete Lamm von Grundlegung der Welt an“ (Offb. 13:8). Alles, was mit diesem geschlachteten Lamm zu tun hatte, war vom Vater vorherbestimmt. Jesus sollte den Kelch des Sünders trinken, um die Menschen zu erlösen und so ein treuer und barmherziger Hohepriester zu sein. Dies war der Kelch des Leidens und des Todes. Es war notwendig, dass Jesus den Tod am Kreuz erlitt, damit Er die Juden erlösen konnte.
LIEBE UND LOYALITÄT, DIE SICH DURCH UNTERWERFUNG ZEIGEN
Alle Seine Leiden wurden in der Heiligen Schrift vorhergesagt. Die Kreuzigung wurde durch das Erheben der ehernen Schlange in der Wüste veranschaulicht. Alle Seine Erfahrungen waren vorherbestimmt, vorbereitet und notwendig. Als er auf die Erde kam, um den Willen des Vaters zu tun, wusste Er nicht, was alles auf Ihn zukommen würde. Aber Er lernte Gehorsam durch die Dinge, die Er erlitt, die „im Buch geschrieben standen“. Er unterwarf sich dem Willen des Vaters und bewies so Seine Loyalität. Wie Er selbst erklärte: „Denn ich bin vom Himmel herabgekommen, nicht um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat“ [Joh. 6:38]. Als die Stunde der Vollendung Seines Opfers näher rückte, betete der Meister in den einsamen Schatten von Gethsemane: „Mein Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber!“ Wir sollen nicht annehmen, dass Er darum betete, dass der Kelch des Todes an Ihm vorübergehen möge; aber Er fragte sich, ob die schändlichen Erfahrungen der Kreuzigung vorübergehen würden. Doch wir sehen, dass Er weder murrte noch rebellierte, sondern sagte: „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“
BESONDERE AUFSICHT ÜBER UNSEREN KELCH
Wir sehen, dass unser geliebter Herr aus dem bitteren Kelch bis zur Neige getrunken hat, und Er tat es mit Dankbarkeit. Und wir sollen uns daran erinnern, dass Er uns den Kelch gegeben hat, damit wir alle daraus trinken - nicht, dass wir alle genau die gleichen Erfahrungen machen, die Er gemacht hat, sondern dass wir alle aus dem Kelch des Leidens und des Todes auf des Vaters eigene Weise trinken müssen. Jesus war der Vollkommene, und der Vater ging mit Ihm auf eine ganz besondere Weise um.
In unserem Fall würden die Erfahrungen verschieden sein; wegen unserer Unvollkommenheit können wir nicht vom Standpunkt der Vollkommenheit aus behandelt werden. Deshalb dürfen wir unseren Kelch nicht als ein bestimmtes, festes Programm betrachten, so wie es der Kelch des Meisters war, sondern vielmehr als eine Erlaubnis des Vaters, dass wir mit Seinem Sohn an dem Kelch des Todes teilhaben dürfen. Unser Kelch wird von unserem Erlöser beaufsichtigt, obwohl es der Kelch ist, den der Vater ausgießt; denn es ist das Programm des Vaters.
Im Fall des Meisters war der Kelch für die Sünden der ganzen Welt notwendig. In unserem Fall ist er nicht notwendig, aber es hat dem Vater gefallen, uns Anteil an den Leiden und der Herrlichkeit unseres Herrn zu geben. Jesus gleicht unsere Mängel aus, entwickelt unseren Charakter und formt uns zu Seinem eigenen, herrlichen Bild. Ohne diese Beaufsichtigung unseres Kelches durch unseren Herrn wären wir in vielen Eigenschaften sehr schlecht entwickelt; deshalb muss unser Kelch besonders beaufsichtigt werden. Und so versichert Er uns, dass, während die notwendigen Erfahrungen auf uns zukommen, zur gleichen Zeit Seine Gnade ausreichen wird; und Seine Stärke wird in unserer Schwäche vollkommen gemacht werden, und alle Dinge werden zu unserem Wohl zusammenwirken.
Lasst uns nie vergessen, dass wir keinen Anteil an Seinem Reich der Herrlichkeit haben können, dass wir nie mit Ihm auf Seinem Thron sitzen können, wenn wir nicht an Seinem Kelch teilhaben, wenn wir nicht mit Ihm in den Tod eintauchen. Lasst uns also alle Dinge dieser Erde als Verlust und Schlacke betrachten, damit wir diese Perle des Großen Preises erlangen können. Wenn wir die Erfahrung des Leidens machen, lasst uns nicht erschrecken und „das Feuer der Verfolgung, das uns zur Versuchung geschieht, uns befremden, als begegne uns etwas Fremdes“ [1. Petr. 4:12]; denn auch „dazu sind wir berufen“, jetzt mit unserem geliebten Meister zu leiden und später zusammen mit Ihm in dem ewigen Reich verherrlicht zu werden!
"Kannst du auf dem schmalen, engen Weg gehen,
Ohne Freund an deiner Seite und ohne Arm, der dich stützt?
Kannst du tapfer durch die dunkle Nacht gehen?
Kannst du geduldig warten, bis der Herr das Licht schickt?
"Ach, wenn ihr so von dem Kelch trinken könnt, den Er ausschenken wird,
Und wenn ihr niemals die Fahne der Wahrheit senken werdet,
Seine Geliebte seid ihr, und seine Krone werdet ihr tragen,
Auf Seinem Thron werdet ihr sitzen und Seine Herrlichkeit teilen!“