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DIE BEIDEN TEILE DER HEILIGUNG
„Heilige sie durch die Wahrheit: dein Wort ist Wahrheit“ - Joh. 17:17.

Das Gebet, das im 17. Kapitel des Johannesevangeliums aufgezeichnet ist, wurde gesprochen, als unser Herr auf dem Weg vom Gedächtnismahl zum Garten Gethsemane war. Aus dem Gebet erfahren wir, dass es für die Apostel und alle diejenigen gesprochen wurde, die durch das Wort des Herrn Seine Jünger oder Nachfolger werden sollten.

Das Wort „heiligen” hat die Bedeutung „absondern, heilig machen”. Dieses Werk der Heiligung besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil ist das, was wir ganz am Anfang tun, wenn wir uns mit dem Wunsch, den Willen Gottes zu erkennen und zu tun, absondern. Der zweite Teil kommt allmählich hinzu – die Lehren und Anweisungen, die uns Dinge vor Augen führen, die wir zuvor nicht wahrgenommen haben – bestimmte Grundsätze der Gerechtigkeit, die wir zuvor nicht erkannt haben. Dies ist eine tiefere Absonderung, die von Gott vorgenommen wird, insofern sie auf die Anordnung des Vaters zurückgeht.

Diese tiefere Bedeutung der Heiligung ist im Text gemeint. Deshalb bittet unser Herr den Vater, dieses Werk zu tun. Die Jünger hatten alles aufgegeben, um Jesus nachzufolgen, und waren in dem Sinne abgesondert, dass sie den Willen des Vaters kennen und tun wollten. Unser Herr betete, dass das Werk der göttlichen Anweisung in ihnen weitergehen möge, wie geschrieben steht: „Sie alle werden von Gott gelehrt sein.“ Der Meister wünschte, dass die Jünger unter die göttliche, vorsehende Unterweisung kommen sollten, die, wie er andeutete, durch das Wort Gottes kommen würde.

Zu dieser Zeit war das Wort nicht die Bibel, wie wir sie jetzt haben, denn das Neue Testament war damals noch nicht geschrieben. Die im Neuen Testament dargelegte Wahrheit ist jedoch nicht das vollständige Wort Gottes, noch ist sie die ganze Wahrheit, sondern nur ein Teil davon. Unser Herr betete nicht darum, dass die Wahrheit allgemein nach unterschiedlichen Richtlinien Seinen Nachfolgern zuteilwerden möge, sondern dass sie Kenntnis vom göttlichen Plan und von den göttlichen Absichten haben sollten.

Es kann mehr oder weniger Wahrheit in das Leben eines Menschen kommen, die seinen Sinn erweckt. Es kann die Wahrheit über die Chemie sein, oder es kann anderes wissenschaftliches Wissen sein. Es gibt Wahrheiten über die Geologie, Wahrheiten über die Sonne usw. Diese können den Sinn beeinflussen und einen Menschen etwas aus seiner gefallenen Bedingung herausheben. Aber dies ist nicht die Wahrheit, auf die sich unser Herr bezieht, und die weit notwendiger ist als das Wissen über das Gewicht der Erde oder die Entfernung der Sterne.

Alle verschiedenen Wahrheiten, die allgemein in die Welt kommen, die die Menschen zum Nachdenken anregen und schließlich einige auf ihre Notwendigkeit eines Erlösers hinweisen, sind vorbereitend. Aber diese Letzteren haben nicht nur eine solche Anziehung durch Gott, sondern sie müssen sich auch selbst absondern. Und diese allgemeinen Wahrheiten, die mehr oder weniger deutlich sind, können den Einzelnen zur eigentlichen Schule bringen. Diese können wir als vorbereitenden Weg bezeichnen. Es muss eine solche Vorbereitung stattfinden, bevor man den wirklichen Weg der Schule Christi erreicht.

DER ERSTE TEIL DER HEILIGUNG

Bevor die eigentliche Heiligung beginnt, findet eine andere Heiligung statt. Der Herr sagte zum Volk Israel: „Heiligt euch, und seid heilig“. Das bedeutete, dass sie sich durch eine bestimmte Hoffnung absonderten. Aber sich selbst abzusondern ist eine Sache, und dass Gott jemanden heiligt, ist eine andere. Was den Ruf dieses Zeitalters betrifft, so kommt niemand zum Vater außer durch den Sohn, und niemand kommt zum Sohn, es sei denn, der Vater hat ihn zuvor gezogen [Joh. 6:44].

Zuerst kommt das Ziehen des Vaters durch den natürlichen Sinn. Das Gehirn des Menschen ist so beschaffen, dass es ein natürliches Ziehen gibt – ein Verlangen, den Schöpfer zu erkennen. Das sehen wir bei den Heiden, die Gott nie gekannt haben und nie die Bibel hatten. Diese Menschen haben eine natürliche Neigung oder ein Verlangen, Gott anzubeten. Diejenigen, die diese natürliche Neigung des Gehirns haben, die durch den Sündenfall nicht allzu sehr verdorben ist, werden durch die Vorsehung unseres Herrn zur Wahrheit, zum Licht geführt, ohne das niemand zu Ihm kommen kann. Vielleicht finden sie Jesus durch ein Lied, eine Broschüre oder ein Buch.

Die Bereitschaft, Gott zu erkennen, ist sozusagen nur der erste Schritt als Antwort auf diese natürliche Anziehung. Wenn sie den Weg betreten, erkennen sie, dass er schmal und schwierig ist und dass die „Pforte“ niedrig ist. Natürlich werden viele davon abgehalten. Gott sucht nicht alle. Er sucht eine ganz besondere Klasse; und deshalb sucht Er nicht diejenigen, die sich von der Enge des Weges und der Niedrigkeit der Pforte entmutigen lassen. Diese Bedingungen sind gerade zu dem Zweck geschaffen, solche Menschen abzuweisen.

Früher dachten wir, dass diejenigen, die sich wegen der Enge des Weges und der Niedrigkeit der Pforte abwandten, in ewige Qualen kommen würden. Jetzt sehen wir, dass Gott eine besondere Klasse sucht, um eine gute Arbeit zu tun – diejenigen, die danach streben, Seinen Willen zu tun. Wer nicht das richtige Maß an Eifer zeigt, würde sich wahrscheinlich schaden, wenn er sich bemühte, weiterzugehen. Deshalb sagt der Herr: Erwäge die Bedingungen, berechne die Kosten, wäge die Angelegenheit ab, bevor du dich entscheidest, Mein Jünger zu sein. Wenn du dich dann entscheidest, Mein Jünger zu sein, dann komm und folge Mir nach.

Nachdem jemand ein Jünger des Herrn geworden ist, kommt er in die Bedingung der Klasse, die in unserem Text durch das Wort „sie” repräsentiert wird. Zu dieser Klasse gehörten die zwölf Apostel, die fünfhundert anderen Brüder, die der heilige Paulus erwähnt, und alle, die während des Evangelium-Zeitalters unseren Herrn aufrichtig und von ganzem Herzen angenommen haben. Auf alle diese trifft das Gebet zu: „Heilige sie durch die Wahrheit: dein Wort ist Wahrheit!“.

Seltsamerweise ist das, was wir für das Ende des Weges hielten, nur der Anfang. Früher dachten wir, dass es alles sei, was wir tun müssten, Jesus anzunehmen. Unsere Freunde sagten: „Du hast von Jesus gehört; du hast Ihn angenommen. Das ist alles. Jetzt erzähle anderen von Jesus“.

Aber nachdem wir die Wahrheit erkannt haben, benötigen wir mehr Wissen. Wenn jeder von uns zurückdenkt und sich daran zu erinnern versucht, wie viel er anfangs verstanden hat, würde er erkennen, dass er wusste, dass er ein Sünder war und dass der Vater ihn aussondern würde, wenn er zu Jesus käme. Darauf bezieht sich der heilige Paulus, wenn er sagt: „Denn wir sind sein Werk, geschaffen in Christus Jesus zu guten Werken“ (Eph. 2:10). Diese Absonderung vollzieht der Vater durch Seine Wahrheit, wie zuvor dargelegt.

WAHRHEIT, DIE HEILIGT

Diese heiligende Wahrheit ist nicht vom Standpunkt des Allgemeinwissens aus zu betrachten, denn diese Wahrheit ist nicht für die Welt – sie ist nicht für sie bestimmt. Sie ist für die Geweihten – für diejenigen, die Gottes Kinder geworden sind. Es ist die Art von Wahrheit, die Gott Seiner Familie gibt. Der Apostel Paulus sagt, dass Gott uns nach Seinem Vorsatz berufen hat, „damit er in den kommenden Zeitaltern den überschwänglichen Reichtum seiner Gnade in Güte gegen uns erwiese in Christus Jesus“ (Eph. 2:7). Gott hat einen Vorsatz, der in zukünftigen Zeitaltern in der weiteren Entwicklung Seines großen Plans voll zum Ausdruck kommen wird.

Gott hatte ein besonderes Ziel, als Er eine besondere Klasse berief und absonderte. Die besondere Wahrheit, die dieses heiligende Werk vollbringt, ist die Wahrheit Seines großen Plans für die Zeitalter. Er offenbart nicht alles auf einmal. Die Offenbarung Seines Plans dauert schon seit Jahrhunderten an. Einige dieser Offenbarungen sind durch die Propheten zu uns gekommen, andere durch Jesus und wieder andere durch die Apostel. Diese Offenbarungen bilden die himmlische Vorsehung für die Heiligung.

Es ist jedoch notwendig, dass wir den Plan haben, und noch etwas mehr als den Plan. Verschiedene andere Dinge sind zu berücksichtigen, obwohl diese Wahrheit der Kanal der Heiligung ist: „Heilige sie durch die Wahrheit: dein Wort ist Wahrheit“. Wenn man sich zum Beispiel um ein Kind kümmert, denkt man an seine Nahrung, frische Luft, Bewegung usw. So ist es auch mit Gottes Volk. Die Wahrheiten werden ihnen nach und nach offenbart. Unser Vater führt uns in verschiedene Erfahrungen hinein, damit unsere Sinne geschult werden. Unsere Erfahrungen und die Vorsehung bringen uns zum Nachdenken, zum Wertschätzen, zum Studieren, zum Forschen; und während wir das tun, entwickeln wir uns durch diese Erfahrungen und die Vorsehung weiter. Wir werden dazu gebracht, darüber nachzudenken: Was bedeutet diese Erfahrung, und was lehrt uns jene?

Obwohl Gottes Wort die Grundlage für alle unsere Unterweisungen ist, ist es doch nicht unsere einzige Wissensquelle. Es gibt verschiedene Lektionen, die durch die vielfältigen Erfahrungen des Lebens gelernt werden müssen. Ein Kind, das nur Nahrung zu sich nimmt und dann still daliegt – nur isst und schläft, ohne jemals die Gelegenheit zu haben, herumzutollen – würde nicht laufen lernen. So verhält es sich auch mit Gottes Kindern.

DER ZWEITE TEIL DER HEILIGUNG

Wir sehen, dass Gott uns mit einem neuen Ruf berufen hat. Wir sollen eine neue Natur erhalten. Unsere Natur soll nicht irdisch sein. Das eigentliche Ziel und der Zweck unserer Berufung ist es, uns für Seine Neue Schöpfung tauglich zu machen und vorzubereiten, die den Menschen und Engeln überlegen ist. Wir sollen göttliche Kanäle des Segens für alle Schöpfungen sein – Engel und Menschen – für die Entwicklung des gesamten Universums Gottes, einschließlich anderer Welten, wenn diese bewohnt werden. Wenn wir den Umfang von Gottes Plan erkennen, sehen wir einen Grund, warum Gott uns Prüfungen und Erfahrungen gibt. Unser Herr Jesus sollte ein barmherziger Hohepriester sein; daher Seine Erfahrungen, Seine Leiden. Und wenn es notwendig war, dass unser Herr Jesus, der Hirte der Herde, leiden musste, wie viel mehr ist es dann für unsere Vervollkommnung notwendig, dass wir leiden müssen!

Wir werden viele Prüfungen, Leiden und Versuchungen erleben, und wenn wir dabei Hilfe erfahren, werden wir wissen, wie wir anderen helfen können. Diejenigen, die jetzt unter dem Volk des Herrn treu sind, entwickeln eine besondere Charakterähnlichkeit mit dem Meister. Sie haben das Vorrecht, Älteste zu werden, damit sie die Jungen weiden und die Herde unterweisen können, damit diese in den Früchten und Gnaden des Geistes wachsen können – Sanftmut, Milde, Geduld, Langmut, brüderliche Güte – Liebe. Daher ist die wichtigste Eigenschaft derer, die als Aufseher unter dem Volk des Herrn stehen wollen, dass sie treu und loyal sind und keinen herrischen Geist, sondern einen demütigen Geist, einen Geist des Dienens, an den Tag legen.

Die Heiligung ist ein allmähliches Werk, das das ganze Leben des Christen umfasst. Sie ist kein Punkt, den er erst mit dem Tod erreicht, sondern den er schon bald nach der Weihung erreichen sollte. Die Weihung öffnet ihm die Tür und gibt ihm die Stellung, gibt ihm die Beziehung, gibt ihm die Unterstützung und Ermutigung der göttlichen Verheißungen und bringt ihn somit auf den Weg, die verschiedenen Früchte des Geistes zu kultivieren und schließlich die Miterbschaft mit unserem Herrn in der himmlischen Herrlichkeit zu erlangen. Aber um diese Stellung im Leib Christi zu behalten, müssen Früchte hervorgebracht werden, Beweise der Liebe und Hingabe.

Danach werden Prüfungen kommen, um den Grad der Treue im Dienst zu prüfen und um zu sehen, wie viel Bedrängnis er ertragen würde – wie viel Gegenwind von falschen Doktrinen er aushalten könnte, wie viel Angriffe des Fleisches und des Teufels er ertragen könnte, ohne verunsichert und von der Wahrheit abgebracht zu werden.

Die Heilige Schrift sagt uns, dass der Herr unser Gebilde kennt und dass Er bei jeder Versuchung einen Ausweg schaffen wird. Wir werden alle geprüft werden. Wenn das Feuer so heiß wird, dass ein Weitergehen uns vernichten würde, wird der Herr dies verhindern. Nach und nach werden wir stärker. Dann kann er uns noch größere Prüfungen auferlegen. So „prüft euch der Herr, euer Gott, um zu erkennen, ob ihr den Herrn, euren Gott, liebt mit eurem ganzen Herzen und mit eurer ganzen Seele“ [5. Mo. 13:4].

PRÜFUNGEN IM VERHÄLTNIS ZUR STÄRKE

Ein Metallurg prüft sein Metall – er testet es. Er testet es, um die Schlacke davon zu trennen. Nachdem er einen Teil der Schlacke entfernt hat, fügt er ein weiteres Schmelzmittel hinzu, um weitere Schlacke zu entfernen, dann noch ein Schmelzmittel usw. So entfernt der Herr unsere Schlacke. Er entfernt nicht die gesamte Schlacke unseres Fleisches, denn es ist die Neue Schöpfung, die vervollkommnet wird. Wenn uns die Schlacke in unserem Sinn offenbar wird, werden wir als Neue Schöpfung mehr und mehr mit Gott bei ihrer Beseitigung zusammenarbeiten.

So soll das Volk des Herrn durch die Wahrheit immer mehr geheiligt werden. Das Wort „heiligen” vermittelt also den Gedanken, heilig zu machen. Jeder Tag unseres Lebens sollte uns mehr heiligen – mehr für den Dienst Gottes in der Zukunft geeignet machen.

Es ist nicht unbedingt wahr, dass derjenige, der die schwierigsten Erfahrungen macht, auch am meisten Schlacke hat. Unser Herr Jesus hatte mehr Prüfungen als jeder Seiner Nachfolger, und Er war vollkommen. Wie der heilige Paulus andeutet, bringen uns diese Prüfungen „ein über die Maßen überschwängliches, ewiges Gewicht von Herrlichkeit“. Und die Herrlichkeit unserer Zukunft wird von der Entwicklung unseres Herzens und unseres Charakters abhängen, die wir jetzt erreichen. Unser Herr Jesus wird die höchste Stellung einnehmen, weil Er in Prüfungen die größte Treue bewiesen hat. Einige der Brüder des Herrn werden hohe Stellungen einnehmen, weil sie sich in großen Prüfungen als treu erwiesen haben. Diese Prüfungen sollen uns für eine hohe Stellung sowohl im gegenwärtigen Leben als auch im zukünftigen Leben befähigen.

„Ja, in Gottes Schmelztiegel werden Seine Kinder geprüft;
dreimal glücklich sind diejenigen, die bis zum Ende durchhalten!
Aber wer kann die feurige Prüfung bestehen?
Wer kommt so rein aus dem Schmelztiegel hervor,
dass Er, dessen Augen wie Flammen alles durchdringen,
sein vollkommenes Abbild in der Seele sehen kann?

Nicht nur mit einem flüchtigen Blick,
wie in jenem Spiegel, das Antlitz des Läuterers;
sondern mit dem breiten Siegel des Himmels geprägt,
die Züge Immanuels, voller Wahrheit und Gnade;
und um dieses Siegel der Liebe herum steht das Motto:
‚Nicht für einen Augenblick, sondern für die Ewigkeit!‘“