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DAS WIRKEN DER GNADE IM HERZEN
„Denn die Liebe des Christus drängt uns“ - 2. Kor. 5:14.

Das Wort „drängen“ [engl.: constrain] hat die doppelte Bedeutung „zusammenführen“ und „zusammenhalten“. Der Apostel hatte von seinen eigenen Aktivitäten im Dienste des Herrn berichtet und erklärt, dass sein Weg von manchen als Zeichen einer unausgeglichenen Gesinnung erschien. Er erklärte, dass dies nicht der Fall sei, dass er eine gesündere Gesinnung habe als je zuvor. Er fühlte sich Christus verbunden, durch die Liebe des Christus dazu gedrängt, Ihn und alle, die zu Ihm gehörten, von ganzem Herzen zu lieben.

Warum sollte diese Liebe uns drängen? Aus diesem Grund: Wenn wir davon ausgehen, dass alle tot sind, dann brauchen alle die Hilfe des Lebensgebers; und wenn Christus für alle gestorben ist und wir jetzt durch Ihn zum Leben gekommen sind, sollten wir fortan nicht mehr nach dem Fleisch leben. Wir sollten das Fleisch ganz aufgeben und das neue Leben leben, das wir von Christus empfangen haben. Der heilige Paulus würde sagen: Ich bin nicht verrückt, sondern ich bin so eng mit Christus verbunden, dass ich dieselbe mitfühlende Liebe für andere empfinde, die Er hatte. Wie Er Sein Leben für die Brüder niedergelegt hat, so würde ich es auch tun.

Die Liebe unseres Herrn zeigte sich besonders gegenüber Seinen Jüngern, vor allem gegenüber denen, die am eifrigsten und tatkräftigsten waren – Petrus, Jakobus und Johannes genossen die besondere Liebe des Herrn. In ähnlicher Weise wird auch die Kirche unterwiesen. Es gibt keine Aufforderung, unser Leben im Dienst der Welt niederzulegen, sondern besonders für diejenigen, die zum Haushalt des Glaubens gehören. Wir sehen, dass die Vorteile des Opfers Christi die ganze Menschheit, jedes Mitglied von Adams Geschlecht, erreichen sollen.

Wenn man jedoch annehmen würde, dass der Herr von Anfang an wusste, wer ihn verraten würde, und dass die göttliche Erkenntnis alle kennen würde, die in den Zweiten Tod gehen würden, könnten wir nicht glauben, dass der Herr etwas zugunsten von ihnen tun würde. Mit anderen Worten, der Segen Gottes gilt nur für die „wahren Israeliten”. Nur diejenigen, die mit Ihm in Übereinstimmung kommen, werden den reichen Segen und die Gunst des Herrn erfahren. Diese sind in das Erlösungswerk einbezogen, nicht wegen irgendetwas in ihnen selbst, sondern wegen der Liebe des Herrn, die weit und tief genug ist für alle, die sie empfangen wollen. Aber Gott kann böse Menschen nicht lieben. Sein Segen gilt nur denen, die jetzt Seine Kinder sind oder es unter den Segnungen und Vorrechten werden, die Er später gewähren wird. Es ist unsere Pflicht, alle im Rahmen unserer Fähigkeit zu segnen.

DAS HAUPTZIEL UNSERER AUSBILDUNG IST DIE ENTWICKLUNG DER LIEBE

Das Werk der Gnade für die Kirche während dieses Evangelium-Zeitalters besteht darin, unseren verderbten Charakter zu verwandeln und ihn wieder in das Ebenbild des göttlichen Charakters, der Liebe, zurückzuversetzen. Wer diese Verwandlung nicht erreicht, verfehlt Gottes Willen für ihn und kann folglich auch nicht den Preis gewinnen, der uns im Evangelium verheißen ist. Wir sind zunächst einmal sehr armseliges Material, aus dem die Ebenbilder des geliebten Sohnes Gottes geformt werden sollen. Wir waren „Kinder des Zorns, wie auch die übrigen“ (Eph. 2:3). Die ursprüngliche Ähnlichkeit mit Gott, die Vater Adam vor seiner Übertretung besaß, ist in den sechstausend Jahren, die seitdem vergangen sind, leider weitgehend verloren gegangen. Anstatt uns also in der göttlichen Ähnlichkeit der Liebe wiederzufinden, stellen wir fest, dass wir „in Ungerechtigkeit geboren und in Sünde empfangen“ sind [Ps. 51:7], und zwar in einem solchen Ausmaß, dass die Liebe nicht mehr das natürliche, bestimmende Prinzip in unserem Charakter ist, sondern in vielen Fällen fast vollständig ausgelöscht ist; und das, was davon übrig ist, ist weitgehend mit Bösem, Selbstliebe und fleischlicher Liebe verunreinigt – Verirrungen, die in direktem Gegensatz zu der völlig selbstlosen Liebe stehen, die das Wesen des göttlichen Charakters ausmacht.

„Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, erkennen“ – den Gott, der Liebe ist (Joh. 17:3). Gott zu erkennen bedeutet mehr, als etwas über Seinen liebevollen Plan und Seinen Charakter zu wissen; es bedeutet, Gott im Sinne einer persönlichen Bekanntschaft und einer intelligenten Wertschätzung Seines Charakters zu erkennen; und niemand kann dies haben, außer er hat Anteil am Geist Gottes, dem Geist der Heiligkeit, dem Geist der Liebe. Und dieser Geist der Heiligkeit und Liebe kann nicht sofort erworben werden; er ist ein Wachstumsprozess, und seine Entwicklung ist die Hauptaufgabe (und sollte das Hauptanliegen sein) aller, die Gott in dem vollständigen Sinne kennenlernen möchten, der mit ewigem Leben belohnt wird.

Da jedoch unsere Wandlung des Sinnes oder Willens nicht mit einer körperlichen Wandlung oder Restitution einhergeht, müssen wir, solange wir im Leib sind, gegen die uns angeborenen Schwächen und die Neigung zu Selbstsucht und Sünde ankämpfen. Dieser scharfe und andauernde Konflikt wählt jedoch nicht nur eine besondere, siegreiche Klasse aus, sondern dient auch dazu, den gewünschten Charakter schneller zu entwickeln, als dies durch die leichteren Prozesse des Millennium-Zeitalters möglich wäre. Während es also fast tausend Jahre dauern wird, bis die Welt vervollkommnet ist, kann die Vervollkommnung des Charakters der Heiligen unter der besonderen Schulung durch strenge Erziehung und den speziellen Weg, der für die „Kleine Herde” vorgesehen ist, in wenigen Jahren erreicht werden. Aber ob in wenigen Jahren oder in vielen Jahren, ob mit weniger oder mehr Reibungen durch Widrigkeiten, die Verwandlung und Läuterung des Charakters muss vollendet werden. Diese Liebesähnlichkeit unseres Willens mit dem Willen Gottes ist das Ziel, das wir anstreben müssen, wenn wir unseren Weg mit Freude und mit guter Hoffnung auf die ewige Herrlichkeit zu Ende gehen wollen.

WIR MÜSSEN DIE LEKTION DER LIEBE GRÜNDLICH LERNEN

Wenn wir die Liebe Gottes in unseren Herzen tragen, wird sie alle Angelegenheiten unseres Lebens bestimmen und uns in unseren Gedanken, Handlungen und Worten gottähnlich machen. In der Schule Christi ist die große Lektion, die uns der Meister Tag für Tag erteilt, die Lektion der Liebe, die wir gründlich lernen müssen, wenn wir „das Ziel hin zu dem Kampfpreis der Berufung Gottes“ erreichen wollen [Phil. 3:14].

In der Schule Christi dienen alle Weisungen des göttlichen Wortes und alle Fügungen dazu, unser Herz zu entwickeln und unser Verhalten in Übereinstimmung mit den Gesetzen der Liebe zu bringen. Die Früchte und Gnaden – Sanftmut, Milde, Geduld usw. – sind zwar Manifestationen des Geistes, doch muss der Heilige Geist gegenwärtig sein, bevor diese Manifestationen überhaupt erscheinen können; und obwohl der Geist vollkommen sein mag, können seine Manifestationen unvollkommen sein. Der Weinstock mag gut sein, aber eine Zeit lang sind die Trauben unreif. So verhält es sich auch mit diesen Gnaden des Geistes. Sie sind äußere Manifestationen der inneren Bedingung des Herzens, die Vollkommenheit erlangen kann, bevor diese Gnaden vollkommen sind. Tatsächlich können diese Gnaden auf dieser Seite des Vorhangs niemals vollkommen sein.

Zum Zeitpunkt der Weihung, bevor wir irgendwelche Früchte des Geistes getragen hatten, waren wir noch nicht auf dem Weg zur vollkommenen Liebe. Wir waren geweiht und hatten den richtigen Geist, soweit unsere Erkenntnis reichte. Aber wir hatten nicht genügend Erkenntnis, um zu erkennen, was von uns erwartet wurde. Dazu brauchten wir eine gewisse Entwicklung, eine gewisse Unterweisung in der Schule Christi. Die Erkenntnis, was es kosten würde, Christus als Jünger nachzufolgen, kam allmählich. Würde der Wille mit der Erkenntnis Schritt halten, würde man das Ziel der vollkommenen Liebe im Herzen erreichen. Die Gnadenerscheinungen des Charakters, die dieser Zustand des Herzens hervorbringt, werden vielleicht nie im gegenwärtigen Leben vollkommen sein, sondern erst, wenn wir den vollkommenen Leib haben. Das Herz, das diese Bedingung erreicht hat, wird in vollkommener Übereinstimmung mit den Verhältnissen sein, die auf der anderen Seite herrschen werden.

„AN IHREN FRÜCHTEN WERDET IHR SIE ERKENNEN“; DOCH IST VOLLKOMMENHEIT IM FLEISCH UNMÖGLICH

Wir müssen einander erkennen in den guten Bekenntnissen, die wir einander ablegen, und in den Beweisen dieser Bekenntnisse, die offenbar sind. So wie ein Gärtner zu seinem Weinstock geht und die unterschiedlichen Zweige nach Trauben absucht, so weiß der Herr, ob das Herz in dem richtigen Verhalten ist, um Frucht zu bringen. Von denen, die sich offen zu einer vollständigen Weihung an den Herrn bekannt haben, können alle, deren Leben nicht im Widerspruch zu ihrem Bekenntnis steht und die nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist wandeln, von uns auf dieselbe Weise erkannt und anerkannt werden, wie sie uns erkennen werden. „An ihren Früchten werden wir sie erkennen“ – an ihrem äußeren Gehorsam, aber nicht an der vollen Fruchtentwicklung. Wir erkennen einander also nicht an der vollen Entwicklung der Früchte, sondern am Maß des Gehorsams und des Bemühens, dem Herrn zu gehorchen.

Absolute Vollkommenheit würde Vollkommenheit in Gedanken, Worten und Taten bedeuten, was derzeit nicht unsere Bedingung ist. Das Höchste, was jeder von uns jetzt erreichen kann, ist Vollkommenheit der Liebe in unseren Herzen, das heißt vollkommene Liebe zu Gott, zur Wahrheit und zu unseren Mitmenschen. Vollkommene Liebe führt zu Opferbereitschaft. „Wenn ihr mich liebt, so haltet meine Gebote“ (Joh. 14:15). Diejenigen, die vollkommene Liebe haben, werden ihre Opfer erfüllen. Aber jederzeit kann man von der Stufe der vollkommenen Liebe in die Stufe der Entfremdung und des Widerstands übergehen. Der Mensch kann in eine solche Bedingung des Herzens geraten, dass die Glut seiner Liebe erlischt. Allmählich würde er sich vom Herrn entfremden und sich vielleicht der Klasse der Großen Schar anschließen. Wenn dann die Züchtigungen der Zeit der Drangsal nicht zu einer gründlichen Besserung führen, würde er in den Zweiten Tod übergehen.

Nachdem die Liebe das Lamm Gottes bereitgestellt hat (den von Ihm niedergelegten Lösegeldpreis für die gesamte Menschheit und die Zurechnung Seiner Verdienste an die Kirche), folgen alle weiteren Schritte zu unserer Befreiung von der Sünde nach den Richtlinien, uns im Charakter der Liebe, dem Charakter Gottes, zu entwickeln, der allein uns gemäß dem göttlichen Maßstab vor dem Vater annehmbar macht und uns Seine Gnade des ewigen Lebens schenkt. Wie wichtig ist es daher, dass wir „von Gott gelehrt“ werden und diesen Charakter entwickeln!

Das Werk der Gnade für die Welt während des Millennium-Zeitalters wird darin bestehen, der gesamten Menschheit den gnadenreichen Charakter Gottes und Seine Vorsorge für die Erlösung aller bekannt zu machen und alle, die dazu bereit sind, von der Verdorbenheit der Sünde zur Vollkommenheit des Charakters – zur Liebe – zu verwandeln, sodass die Menschheit wieder zu einem Abbild Gottes wird. Diese Verwandlung ihres Willens, begleitet von einer allmählichen körperlichen Verwandlung, wird alle makelhaften Fehler der Sünde und alle erblichen Neigungen dazu von ihnen nehmen und sie in der Ähnlichkeit Gottes zurücklassen, mit der Erinnerung an die Unerwünschtheit der Sünde und ihre bösen Folgen.