- PS. 107:29; MK 4:35-41 -
Es wird angenommen, dass das Wirken unseres Herrn zum Zeitpunkt des Wunders der Beruhigung des Sees, das in dieser Lektion beschrieben wird, bereits zwei Jahre gedauert hatte. Nach der Auswahl der zwölf Apostel und der Bergpredigt usw. kehrte unser Herr nach Kapernaum zurück und begann bald darauf Seine zweite Reise durch Galiläa. Während dieser Zwischenzeit erweckte Er den Sohn der Witwe von Nain aus dem Tod – das erste dokumentierte Beispiel dieser Art im Wirken unseres Herrn. Dann folgten Lehren in Form von Gleichnissen, und am Nachmittag eines arbeitsreichen Lehrtages – nach drei Uhr, während Er noch wie schon zuvor in einem der Boote saß, nachdem Er Seine Lehren beendet hatte – wies Er an, das Boot auf die andere Seite des Sees zu bringen. Nachdem die Menge erfahren hatte, dass die Predigten beendet waren, wurde sie entlassen, und ohne Verzögerung legte das Boot ab. Aus den verschiedenen Berichten schließen wir, dass alle zwölf Jünger bei Ihm waren, und offenbar auch andere „Männer“ – Seeleute, wie der Bericht des Matthäus andeutet.
Reisende berichten uns, dass der See Genezareth recht anfällig für Stürme ist. Dr. Thompson beschreibt seine eigenen Erfahrungen auf diesem kleinen See wie folgt: „Kaum war die Sonne untergegangen, begann der Wind in Richtung See zu wehen, und er hielt die ganze Nacht über mit ständig zunehmender Heftigkeit an, sodass der See, als wir am nächsten Morgen das Ufer erreichten, wie ein riesiger Kessel aussah. Der Wind peitschte mit solcher Wucht aus dem Nordosten und Osten über jedes Wadi, dass keine Anstrengungen der Ruderer das Boot an irgendeiner Stelle entlang dieser Küste ans Ufer hätten bringen können. Um die Ursachen dieser plötzlichen Stürme zu verstehen, müssen wir bedenken, dass der See tief liegt, 600 Fuß tiefer als der Ozean; dass die weiten, kahlen Hochebenen des Jaulan sich zu großer Höhe erheben und sich nach hinten bis in die Wildnis von Hauran und nach oben bis zum schneebedeckten Berg Hermon erstrecken; dass die Wasserläufe tiefe Schluchten und breite Täler gegraben haben, die zum Kopf des Sees zusammenlaufen und wie riesige Trichter wirken, die die kalten Winde aus den Bergen herabziehen.
„SEINE GEDANKEN SIND UNS NICHT UNBEKANNT“
Wir sind der Auffassung, dass „der Fürst der Gewalt der Luft“ (Eph. 2:2) etwas mit der Entstehung dieses Sturms zu tun hatte – dass er mehr als nur natürliche Ursachen hatte, obwohl diese möglicherweise dazu beigetragen haben oder sogar ausreichend gewesen sein könnten. Wir erinnern uns, dass der Widersacher bereits versucht hatte, unseren Herrn dazu zu verleiten, sich vom Dach des Tempels zu stürzen, aber keinen Erfolg hatte. Nun wollte er Ihn offenbar im Meer ertränken. Aber der Herr, der Sich selbst für fähig erklärt, den Zorn der Menschen dazu zu nutzen, Ihn zu preisen, veranlasste den Zorn Satans oder die Wildheit der Elemente, was auch immer den Sturm ausgelöst hatte, Ihn zu preisen – um Seine mächtige Kraft zu zeigen.
Während des Sturms schlief unser Herr im hinteren Teil des Bootes auf einem Kissen. Offensichtlich war er von den Anstrengungen Seiner Reise und Seines Dienstes völlig erschöpft. Unterdessen nahm der Sturm zu, und das Boot mit seiner kostbaren Ladung begann sich schneller mit Wasser zu füllen, als es ausgeschöpft werden konnte. Kein Wunder, dass die Jünger, obwohl sie Fischer und erfahrene Seemänner waren, alarmiert waren. Wir kommen nicht umhin zu denken, dass die Vorsehung des Herrn in gewisser Weise etwas mit Seinem langen Schlaf unter solchen Umständen zu tun hatte und dass die Absicht darin bestand, den Glauben der Jünger auf die Probe zu stellen. Sie hatten Seine mächtigen Taten gesehen, Seine Krankenheilungen und Seine Auferweckungen von Toten, sie hatten Seine Lehren gehört und unter Seiner Anleitung einen wundersamen Fischfang gemacht, wo sie zuvor gescheitert waren, und zu diesem Zeitpunkt hätten sie bereits beträchtlichen Glauben an Seine Macht in jeder Hinsicht haben müssen. Die Tatsache, dass sie sich überhaupt an Ihn wandten, zeigt, dass sie doch bis zu einem gewissen Grad Glauben hatten, wenn auch keinen bedingungslosen Glauben.
Die leicht unterschiedlichen Berichte über dieses Ereignis, die Matthäus, Markus und Lukas geben, hat jemand wie folgt paraphrasiert: Matthäus: „Rette uns, Herr, wir gehen zugrunde!“ Markus: „Meister, kümmert es dich nicht, dass wir zugrunde gehen?“ Lukas: „Meister, Meister, wir gehen zugrunde!“ Alle drei Berichte sind korrekt – ein Jünger rief auf eine bestimmte Weise, die anderen mit anderen Worten. Jemand drückt es so aus: „Der kleine Glaube betete: ‚Rette uns!‘ Die große Angst schrie: ‚Wir gehen zugrunde!‘ Das Misstrauen drängte: ‚Ist dir das egal?‘ Der größere Glaube sagte: ‚Herr!‘ Die Jünger riefen: ‚Meister!‘ Die schwache Hoffnung schrie: ‚Meister, du mit deiner Autorität!‘“ Jesus stand auf (erwachte) und befahl Frieden und Ruhe, die sofort eintraten. Der Bericht erwähnt das Aufhören des Windes und zusätzlich die Beruhigung des Meeres. Jemand könnte behaupten, dass ein plötzlich aufkommender Sturm ebenso plötzlich wieder aufhören könnte, aber das würde die Beruhigung des Meeres nicht erklären. Wasser, das so in Wut geraten war, konnte nicht so schnell beruhigt werden, außer durch übermenschliche Kraft. Dies können wir in der Tat als ein herausragendes Merkmal des Wunders annehmen.
Es ist ziemlich merkwürdig, dass das griechische Wort, das in diesem Text für „Verstumme“ verwendet wird, dasselbe Wort ist, das unser Herr gegenüber dem Dämon verwendet hat (Mk. 1:25). Dies bestätigt eher die vorstehende Vermutung, dass der Sturm das Werk des Widersachers war. Auf jeden Fall zeigt dieses Wunder deutlich, dass Stürme nicht, wie es häufig geschieht, der Boshaftigkeit Gottes zugeschrieben werden sollten; denn hätte der Vater den Sturm verursacht, hätte der Sohn nicht eingegriffen. Wir wollen damit auch nicht andeuten, dass jeder Sturm satanischen Ursprungs ist; wir bestreiten nicht, dass viele von ihnen natürliche Ursachen haben; aber wir sind der Meinung, dass einige von ihnen übernatürlich sind und vom Widersacher stammen, und als biblischen Beweis dafür führen wir den Wirbelsturm an, den Satan entfacht hat und der das Haus traf, in dem Hiobs Kinder ein Festmahl feierten (Hi. 1:13, 19).
Dass unser Herr diese Erfahrung als Lehre für die Jünger im Sinne des Glaubens an Ihn beabsichtigte, scheint durch die Verse 40 und 41 bestätigt zu werden. Er sprach zu ihnen: „Was seid ihr so furchtsam? Wie, habt ihr keinen Glauben?“ Ist euer Glaube noch nicht so weit entwickelt, dass ihr Mir vertrauen könnt und erkennt, dass die Gnade und Macht des Vaters immer mit Mir ist, um Mich zu beschützen, und dass euch nichts Böses widerfahren kann, solange ihr bei Mir seid – nichts, was nicht vollständig unter Meiner Kontrolle steht? Kein Wunder, dass die Apostel durch dieses Wunder noch mehr Ehrfurcht vor dem Herrn entwickelten. Anscheinend kam es genau zum richtigen Zeitpunkt und in der richtigen Reihenfolge, um ihnen die passende Lektion zu erteilen. Tatsächlich können wir zu dem Schluss kommen, dass jede ihrer Erfahrungen und jede Handlung, Lehre und jedes mächtige Werk unseres Herrn speziell zur Unterweisung dieser Zwölf diente, die Seine Zeugen für uns und die Völker der Erde in Bezug auf dieses Amt sein sollten.
GEISTLICHE LEKTIONEN FÜR DEN GEISTLICHEN HAUSHALT.
Dieses Wunder enthält auch für alle Nachfolger des Herrn außerhalb des Apostelamtes eine wertvolle Lektion. Auch wir brauchen Glauben und Prüfungen unseres Glaubens. Seitdem wir Nachfolger des Herrn geworden sind, werden unsere täglichen Erfahrungen offensichtlich von der unsichtbaren Macht geleitet und beaufsichtigt zu dem Zweck, dass wir alle als Schüler in der Schule Christi von Ihm belehrt werden und immer mehr die Gnaden des Geistes, besonders vermehrten Glauben, entwickeln. Eine wie wichtige Sache der Glaube ist, können wir jetzt wahrscheinlich nicht völlig wertschätzen. Es scheint, dass der Glaube die eine Sache ist, nach der der Herr besonders bei denen sucht, die jetzt berufen sind, Nachfolger zu werden [Manna vom 15. Oktober; 1. Teil]. „Ohne Glauben ist es unmöglich, ihm wohlzugefallen“ [Hebr. 11:6]. „Dem Glaubenden ist alles möglich“ [Mk. 9:23]. Unter richtigem Glauben versteht man natürlich nicht Leichtgläubigkeit oder das Vertrauen auf die Worte von Menschen, sondern das bedingungslose Vertrauen in den Herrn für alles, was er versprochen hat. „Euch geschehe nach eurem Glauben” [Mt. 9:29].
Eine so wichtige Gnade erfordert zwangsläufig viele Lektionen, um sich richtig zu entfalten, und es überrascht uns nicht, dass wir in unseren individuellen Erfahrungen als Christen solche finden, die den Erfahrungen der Apostel entsprechen, die in dieser Lektion erwähnt werden. Wie plötzlich kann der Widersacher manchmal einen Wirbelsturm der Versuchung, des Widerstands oder der Verfolgung über uns bringen. Wie verfinstert, dunkel und bedrohlich erscheint uns in solchen Zeiten der Himmel; wie haben uns die Wellen des Unglücks oder des Leids fast überwältigt, und wie schien der Herr zu schlafen und unsere Not nicht zu bemerken und unseren Bedürfnissen gegenüber gleichgültig zu sein! Solche Erfahrungen sind Prüfungen unseres Glaubens, so wie diese eine Prüfung für den Glauben der Apostel war. Wenn unser Glaube unter solchen Umständen stark genug ist, würden wir unsere Bemühungen fortsetzen, die Dinge entsprechend dem Schöpfen des Bootes und dem Rudern in Ordnung zu bringen; aber in der Zwischenzeit würden wir mit einem unerschütterlichen Glauben an die Verheißung des Herrn, dass „alle Dinge zum Guten mitwirken“ [Röm. 8:28], singen können, wie es der Apostel Paulus und Silas taten, nachdem sie wegen ihrer Treue zum Herrn geschlagen und an den Pranger gestellt worden waren. Sie freuten sich, dass sie würdig waren, für den Namen Christi zu leiden. Daher werden wir gemäß unseres Glaubens fähig sein, uns sogar in Trübsal zu freuen. Wir können uns nicht über die Leiden freuen, aber wir können uns über den Gedanken freuen, den der Glaube damit verknüpft, nämlich dass sie nur leichte Betrübnisse sind, die für uns ein überaus überschwängliches und ewiges Gewicht von Herrlichkeit bewirken [Manna vom 15. Oktober; 2. Teil].
Jede Erfahrung sollte hilfreich für uns sein. Waren wir anfangs furchtsam und haben laut geschrien, so haben wir bald die Hilfe erhalten, vielleicht mit dem Tadel: „O, ihr Kleingläubigen“. Aber nachdem wir eine Lektion nach der anderen erhalten haben, wird der Meister erwarten – und wir sollten es von uns selbst erwarten – dass wir größeren Glauben haben, größeres Vertrauen, größeren Frieden, größere Freude im Herrn, größeres Vertrauen darauf, dass Er bei uns ist und uns mit Seiner Fürsorge umgibt, größeres Vertrauen in Seine Macht, uns vom Widersacher und von allen bösen Dingen zu befreien und uns schließlich in Sicherheit, in den Hafen, den wir suchen – das Königreich – zu bringen [Manna vom 9. Oktober].
DIE ERFAHRUNGEN DER KIRCHE ANGEKÜNDIGT.
Jemand hat, offenbar aus berechtigten Gründen, vorgeschlagen, dass diese Erfahrung Jesu und der Apostel in dem Boot während der Nacht die Erfahrungen der Kirche während dieses Evangelium-Zeitalters darstellt. Der Herr versicherte Seinem Volk: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis zur Vollendung des Zeitalters“ [Mt. 28:20], und „Ich kommen wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr seid“ [Joh. 14:3], und „nichts soll euch irgendwie beschädigen“ [Lk. 10:19] usw. Das treue Volk des Herrn hat während dieses Zeitalters mehr oder weniger deutlich die Gewissheit dieser kostbaren Verheißungen erkannt; es hat gespürt, dass der Herr tatsächlich mit Seiner Kirche ist; doch manchmal schien es, als schliefe Er, als würde Er die Gebete Seiner Gläubigen nicht hören und ihre Schreie und Seufzer nicht beachten. Achtzehn Jahrhunderte lang wurden die Seinen vom Widersacher durch Stürme geworfen, verfolgt, bedrängt, geschlagen – während dieser ganzen dunklen Nacht, in der das einzige verfügbare Licht „dein Wort, eine Leuchte meinem Fuß“ [Ps. 119:105] war. Die Erfahrungen anderer in der Vergangenheit sind unsere Erfahrungen in der Gegenwart.
Heutzutage vertreten wir die Sache des Herrn inmitten der tobenden Elemente menschlicher Leidenschaften, Widersprüche usw., und wie der Apostel über seine Zeit sagt, so gilt auch heute noch: „unser Kampf ist nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Fürstentümer, gegen die Gewalten, gegen die Weltbeherrscher dieser Finsternis“ [Eph. 6:12]. Die Stürme mögen aus der Welt zu kommen scheinen, aber in Wirklichkeit steht hinter der Welt der Widersacher. „Seine Gedanken sind uns nicht unbekannt“. Unsere Herzen würden gelegentlich in Schrecken versetzt, es sei denn der Glaube ist in der Lage, den Herrn bei uns im Schiff zu sehen, und imstande, den Gedanken an Seine starke Macht zu ergreifen, die der Welt zu Seiner Zeit und auf Seine Art Frieden zusprechen wird.
Bald wird die Zeit kommen, in der Er, der für uns sorgt, Seine große Macht für uns einsetzen wird, um Sein Volk zu befreien und den tobenden Elementen zu sagen: „Schweig, verstumme!“ Dann wird eine große Ruhe einkehren, eine große Ruhe vor dem Bösen für tausend Jahre, denn er wird gebunden werden, damit er die Völker nicht mehr verführen kann. Dann wird die ewige Ruhe des Herzens für alle kommen, die jetzt mit dem Herrn im Boot sitzen, und dann wird für alle diese die Gelegenheit kommen, mit Ihm zusammen an dem großen und herrlichen Werk mitzuwirken, die Welt zu segnen. Jedoch darf es uns nicht überraschen, wenn eine dunkle Stunde vor uns liegen wird, wenn eine Zeit kommt, in der die stürmischen Winde so sehr wüten, dass viele vor Furcht schreien und zittern werden. Lasst uns die wertvollen Erfahrungen der gegenwärtigen Zeit gut lernen, so dass uns unser Glaube dann nicht im Stich lässt, so dass wir in der dunkelsten Stunde singen und uns an Ihm, der uns geliebt hat und uns mit Seinem eigenen kostbaren Blut erkauft hat, erfreuen können und das Lied von Moses und dem Lamm singen können [Manna vom 16. Oktober].