R 3153
JÜNGER CHRISTI
„Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaft meine Jünger; und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“ – Joh. 8:31, 32.

DIE Predigten unseres Herrn hatten immer zwei gegensätzliche Auswirkungen auf die vermischten Menschenmengen, die Ihm zuhörten. Sie zogen die eine Klasse an und stießen die andere ab. Diejenigen, die voller Stolz und Selbstgefälligkeit waren und die Dunkelheit dem Licht vorzogen, weil ihre Taten böse waren und weil sie erkannten, dass sie, wenn sie das Licht der Wahrheit zuließen, notwendigerweise ihren Charakter daran anpassen mussten, wurden alle von den Lehren Christi abgestoßen. Und wenn der Herr das Werk des Dienstes mit den heute angewandten Methoden durchgeführt hätte, indem Er sich auf den guten Willen und die Spenden der Menschen verlassen hätte, wäre diese Unterstützung oft sehr dürftig oder zumindest sehr schwankend gewesen. Bei manchen Gelegenheiten nahm eine Menschenmenge Sein Zeugnis an, verließ Ihn später aber und schloss sich Ihm nicht mehr an, als Er weiterhin die Lehren der göttlichen Wahrheit verkündete (Lk. 4:14, 15, 22, 28, 29). Manchmal hingen die Menschenmengen an Seinen Worten und wunderten sich über die gnadenvollen Worte, die aus Seinem Mund kamen; aber immer wieder verließen sie Ihn, bis nur noch eine Handvoll übrigblieb (Joh. 6:60, 66-69). Welche Bestürzung würde in den verschiedenen Kirchen von heute folgen, wenn die angeblichen Prediger des Evangeliums dem Beispiel des Meisters folgen und auf ähnliche Weise den ganzen Ratschluss Gottes verkünden würden. Wie schnell würden sie sich unbeliebt machen und beschuldigt werden, die Kirche zu spalten. Die großen Gemeinden, die jetzt die Tempel der Mode, die dem Dienst Gottes und den Lehren Christi gewidmet sind, überfüllen, würden das nicht ertragen! Sie gehen dorthin, um sich mit gefälligen und eloquenten Reden von angesehenen Herren unterhalten zu lassen, die vermutlich ihren Geschmack und ihre Vorstellungen kennen und ihnen zu Gefallen predigen werden. Sie sind durchaus bereit, ihr Geld für das zu bezahlen, was sie wollen, aber sie wollen nicht die Wahrheit.

Diejenigen, die dem Herrn nur eine kurze Zeit lang folgten und Ihn dann verließen, hörten natürlich auf, Seine Jünger zu sein, und wurden nicht länger als solche anerkannt; noch maßten sie sich länger an, Seine Jünger zu sein. Ein Jünger ist ein Schüler, ein Lernender; und wenn jemand aufhört, ein Lernender und Schüler Christi, des großen Lehrers, zu sein, ist er nicht länger ein Jünger Christi. Dies wurde sehr deutlich, als der Herr gegenwärtig war und Sein Name unter den Menschen verachtet wurde; aber später, als Er nicht mehr gegenwärtig war und Seine Doktrinen skrupellos mit menschlichen Philosophien vermischt wurden, so dass sie ihren Vorwurf verloren und sie wirkungslos machten, da begannen die Menschen zu behaupten, Seine Jünger zu sein – lange nachdem sie Seine Lehren völlig abgelehnt hatten.

Mit dem Ausdruck des Herrn – „wahrhaft meine Jünger“ – wird eine Unterscheidung zwischen echten und lediglich nominellen Jüngern getroffen. Und da wir weiterhin Seine wahren, aufrichtigen Jünger sein wollen, sollten wir uns die ausdrückliche Bedingung vor Augen halten: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaft meine Jünger“. Die Heuchelei einer lediglich nominellen Jüngerschaft ist dem Herrn ein Gräuel.

Es ist ein Segen, den ersten Schritt im christlichen Leben zu tun – den Glauben an und die Annahme von Christus als unseren Erlöser und Herrn; aber der Lohn für diesen Schritt hängt ganz davon ab, ob wir in Seinem Wort verbleiben, in der Geisteshaltung wahrer Jünger. Es ist nicht so schwer, dies zu tun, doch die Gesinnung des menschlichen Stolzes ist es, sich von der Einfachheit der göttlichen Wahrheit abzuwenden und nach neuen eigenen Theorien und Philosophien zu suchen oder sich den Theorien und Philosophien anderer Menschen zuzuwenden, die nach dem Maßstab dieser Welt als weise und groß angesehen werden wollen.

Der Lohn für eine beständige Jüngerschaft ist: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen“ – nicht, dass wir „allezeit lernen und niemals zur Erkenntnis der Wahrheit kommen können“ (2 Tim. 3:7). Hier liegt der Fehler, den viele begehen: Indem sie nicht im Wort des Herrn bleiben, vertiefen sie sich in verschiedene menschliche Philosophien, die das Wort des Herrn ignorieren oder verdrehen und gegensätzliche Theorien aufstellen. Es gibt keine Verheißung für diejenigen, die in diesen nach der Wahrheit suchen, dass sie sie jemals finden werden. Und das werden sie auch nie. Göttliche Wahrheit kann nicht anders als nur in den von Gott bestimmten Kanälen gefunden werden. Diese Kanäle sind der Herr, die Apostel und die Propheten. In dem Wort des Herrn zu bleiben bedeutet, in den Doktrinen, die in ihren inspirierten Schriften enthalten sind, zu bleiben, sie zu studieren, über sie nachzusinnen, ihnen unbedingt zu vertrauen und treu unseren Charakter danach zu bilden.

Aber die Idee ist vollständig vereinbar mit der, alle Hilfen zu beherzigen, die der Herr von Zeit zu Zeit unter unseren Brüdern im Leib Christi hervorbringt, wie sie vom Apostel Paulus aufgezählt werden (Eph. 4:11-15; 1. Kor. 12:13, 14). Der Herr hat immer solche Hilfen zur Erbauung des Leibes Christi erweckt und wird sie bis zum Ende erwecken; aber es ist die Pflicht jedes Gliedes, ihre Lehre sorgfältig durch das unfehlbare Wort zu prüfen.

Wenn wir so als ernsthafte und aufrichtige Jünger im Wort des Herrn bleiben, werden wir wahrhaftig „die Wahrheit erkennen“; wir werden „im Glauben gegründet“ werden und fähig sein, „Rechenschaft zu geben wegen der Hoffnung, die in uns ist“, „ernstlich für den einmal den Heiligen überlieferten Glauben zu kämpfen“, „den guten Kampf zu kämpfen“, „das gute Bekenntnis abzulegen“ und entschlossen sein, „Trübsale zu leiden als gute Streiter Jesu Christi“, sogar bis zum Ende unseres Laufes [Manna vom 20. März ; Hervorhebung von uns]. Wir werden nicht mit einem Schlag zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen, sondern allmählich, Schritt für Schritt, werden wir in die Wahrheit geführt. Jeder Schritt wird ein sicherer und bestimmter Fortschritt sein, und jeder wird zu einer höheren Grundlage für weitere Errungenschaften sowohl im Wissen als auch in seinen gesegneten Früchten eines gefestigten Charakters führen.

Die Wahrheit, zu der wir so Schritt für Schritt gelangen, wird zu einer heiligenden Kraft, die in unserem Leben die gesegneten Früchte der Gerechtigkeit, des Friedens, der Freude im Heiligen Geist, der Liebe, der Sanftmut, des Glaubens, der Geduld und jeder Tugend und jeder Gnade hervorbringt, die mit der Zeit und durch die Pflege zu einer glorreichen Reife gelangen.

Und nicht nur soll der wahre Jünger auf diese Weise die Wahrheit erkennen und durch sie geheiligt werden, sondern der Herr sagte auch: „Die Wahrheit wird euch frei machen“. Diejenigen, die die Wahrheit empfangen haben, wissen durch gesegnete Erfahrung etwas von ihrer befreienden Kraft. Sobald ein gutes und ehrliches Herz auch nur ein wenig davon empfängt, beginnt es, die Fesseln der Sünde, der Unwissenheit und des Aberglaubens sowie der Furcht zu sprengen. Die Wahrheit wirft ihre heilenden Strahlen in die dunkelsten Winkel unseres Herzens und unseres Sinnes und belebt so das ganze Wesen. Die Sünde kann ihr Licht nicht ertragen; und diejenigen, die weiterhin in Sünde leben, obwohl sie ausreichend Licht empfangen haben, um ihre Verdorbenheit zu erkennen, müssen das Licht unweigerlich verlieren, weil sie seiner unwürdig sind.

Unwissenheit und Aberglaube müssen vor dem Licht der Wahrheit weichen. Und was für eine gesegnete Erkenntnis ist es, auf diese Weise befreit zu werden! Millionen sind noch immer unter diesem drückenden Joch. In ihrem Irrglauben fürchten und verehren sie einige der niedrigsten Werkzeuge Satans für ihre Unterdrückung und Erniedrigung, weil diese heuchlerisch behaupten, von Gott dazu bestimmt zu sein; und sie wurden dazu gebracht, Gott als einen rachsüchtigen Tyrannen zu fürchten, der die große Mehrheit Seiner Schöpfung zu einer Ewigkeit der Qual verdammt. Gott sei Dank sind wir, die wir die Wahrheit empfangen haben, diesem schrecklichen Albtraum entkommen, und die Knechtschaft Satans über uns ist gebrochen!

Wir sind auch von der Furcht befreit, die wir jetzt über die ganze Welt kommen sehen, da die großen zivilen und kirchlichen Systeme, die die Welt so lange beherrscht haben, schrecklich erschüttert werden. Alle denkenden Menschen fürchten den möglichen Ausgang von Anarchie und Terror. Und die Angst aller wird zunehmen, wenn wir uns der schrecklichen Krise nähern, auf die wir uns schnell zubewegen, und wenn die Gefahr immer sichtbarer wird. Doch inmitten all dessen und mit der vollsten Gewissheit des unfehlbaren Wortes Gottes über die Schrecken des Konflikts, den die Welt in wenigen Jahren durchstehen muss, fürchten sich die wahren Jünger Christi, die in Seinem Wort bleiben, nicht, sondern freuen sich, denn sie wissen, dass Gott mit dem Zulassen des Sturms beabsichtigt, die moralische Atmosphäre der Welt zu reinigen, und dass nach dem Sturm durch Seine Vorsehung ein dauerhafter Frieden kommen wird. In der Wahrheit unterwiesen, erkennen sie die Notwendigkeiten der Situation und haben Vertrauen in die göttliche Vorsehung, die sogar den Zorn der Menschen dazu bringen kann, Ihn zu preisen.

Gesegnete Verheißung! „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, so seid ihr wahrhaft meine Jünger, und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen“. Geliebte, da wir diese Gnade vom Herrn empfangen haben, sollten wir dann nicht daran festhalten und verführerischen Doktrinen keine Beachtung schenken? Und sollten wir der Wahrheit nicht unter allen Umständen treu bleiben, sie gegen jeden Angriff verteidigen und mit ihr ihre Schande ertragen? Lasst uns unsere Wertschätzung für sie durch unsere Loyalität und Treue zu ihr unter Beweis stellen. R3153