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DIE FORDERUNGEN DER LIEBE UND DER GERECHTIGKEIT.

Es gibt nichts, was für den Frieden und das Wohlergehen der Kirche Gottes notwendiger wäre, als dass ihre Glieder ein klares Verständnis und eine Wertschätzung moralischer Grundsätze haben und fest entschlossen sind, sich von ihnen leiten zu lassen. Selbst unter Christen gibt es oft Meinungsverschiedenheiten in Bezug auf Handlungsgrundsätze, die das geistliche Wachstum und das Wohlergehen stark beeinträchtigen. Solche Schwierigkeiten entstehen meistens dadurch, dass nicht richtig zwischen den jeweiligen Forderungen der Liebe und der Gerechtigkeit unterschieden wird. Daher halten wir es für nützlich, diese Grundsätze und ihre Funktionsweise unter den Kindern Gottes kurz zu betrachten.

Die Gerechtigkeit wird manchmal durch ein Paar gleichmäßig ausbalancierter Waagen dargestellt, manchmal durch Winkelmaß und Zirkel, die beide passende Symbole für ihr Wesen sind. Die Gerechtigkeit kennt keine Kompromisse und keine Abweichung von ihren festen Handlungsregeln. Sie ist mathematisch präzise. Sie gibt nichts für „gutes Gewicht“ oder „gutes Maß“ auf: Sie hat keine Gnade, kein Herz, keine Liebe, kein Mitgefühl, keine Gunst irgendeiner Art. Es ist das kalte, berechnende, genaue Maß für Wahrheit und Gerechtigkeit. Wenn Gerechtigkeit ausgeübt wird, gebührt dem, der sie ausübt, kein Dank. Ein solcher hat nur seine Pflicht erfüllt, deren Vernachlässigung strafbar gewesen wäre und deren Erfüllung weder Gunst noch Lob verdient. Und doch, so kalt, fest und unerbittlich dieses Prinzip auch ist, wird es als das eigentliche Fundament von Gottes Thron erklärt. Es ist das Prinzip, das all Seinem Umgang mit all Seinen Geschöpfen zugrunde liegt: Es ist Sein unveränderliches Handlungsprinzip. Und wie fest Er daran festhält, ist für jeden, der mit dem Erlösungsplan vertraut ist, offensichtlich. Der erste Schritt bestand darin, die Ansprüche der Gerechtigkeit gegen unser Geschlecht zu befriedigen. Obwohl es das Leben Seines eingeborenen und vielgeliebten Sohnes kostete, dies zu tun, war dieser Grundsatz so wichtig, dass Er Ihn freiwillig für uns alle hingab – um ihre gesetzlichen Ansprüche gegen uns zu befriedigen.

Das Prinzip der Liebe sprudelt im Gegensatz zu dem der Gerechtigkeit vor Zärtlichkeit und sehnt sich danach zu segnen. Es ist voller Gnade und erfreut sich an Geschenken der Gunst. Es ist jedoch offensichtlich, dass keine Handlung als Gunst oder Ausdruck von Liebe angesehen werden kann, die nicht dem wesentlichen Fundament der Gerechtigkeit unterstellt ist. Wenn z.B. jemand mit einem Geschenk zu dir kommt und gleichzeitig eine berechtigte Forderung dir gegenüber missachtet, ist das Geschenk weit davon entfernt ein Ausdruck der Liebe zu sein. Du sagst dann: „Wir sollten gerecht sein, bevor wir versuchen, großzügig zu sein“.

Und das ist richtig: Wenn Gerechtigkeit das Grundprinzip in allen Handlungen Gottes ist, sollte sie es auch in unseren sein; und das gilt umso mehr unter Brüdern in Christus als unter denen der Welt. Als Brüder in Christus haben wir kein Recht, die Gunst des anderen zu vorauszusetzen. Alles, was wir voneinander verlangen können, ist einfache Gerechtigkeit – Gerechtigkeit bei der Begleichung unserer ehrlichen Schulden untereinander, Gerechtigkeit bei unserem Urteil über den anderen (das Schwächen usw. gebührend berücksichtigen muss, weil wir in uns selbst ein gewisses Maß an ähnlicher Unvollkommenheit erkennen) und Gerechtigkeit bei der fairen und freundlichen Behandlung des anderen. Das ist alles, was wir zu fordern berechtigt sind; und wir müssen auch bedenken, dass wir zwar das Recht haben, dies von anderen zu fordern, aber ebenso verpflichtet sind, ihnen dasselbe zu gewähren.

Während wir das Recht haben, Gerechtigkeit zu fordern – obwohl es keine Verpflichtung gibt, sie für uns selbst zu fordern; wir können, wenn wir es vorziehen, auch klaglos Ungerechtigkeit ertragen – müssen wir vor allem, wenn wir Christus angehören, sie leisten. Mit anderen Worten, wir sind in dieser Hinsicht nicht für die Taten anderer verantwortlich, wie sind jedoch für unsere eigenen verantwortlich. Und deshalb müssen wir dafür sorgen, dass all unsere Taten mit den genauen Regeln der Gerechtigkeit übereinstimmen, bevor wir auch nur eine einzige Tat als Ausdruck der Liebe darlegen.

Das Prinzip der Liebe ist kein exaktes Prinzip, das gemessen und gewogen werden kann wie das der Gerechtigkeit. Es ist dreifach in seinem Charakter, es ist mitfühlend, verständnisvoll oder ehrfurchtsvoll, je nachdem auf welchen Zweck es sich zentriert. Die Liebe des Mitleids ist die niedrigste Form der Liebe: Sie nimmt selbst das Abscheuliche und Erniedrigende zur Kenntnis und ist aktiv, um Abhilfe zu schaffen. Die Liebe des Mitgefühls erhebt sich höher und bietet Gemeinschaft an. Aber die Liebe der Ehrfrucht erhebt sich über all diese und erfreut sich an der Betrachtung des Guten, des Reinen und des Schönen. In diesem letztgenannten Sinne können wir Gott in der Tat über alles lieben, als die Personifizierung all dessen, was wahrhaft bewunderns- und ehrwürdig ist, und unsere Mitmenschen in dem Maße, wie sie Ihm gleichen.

Obwohl wir jedem Menschen die Pflicht der Liebe in mach einem dieser Sinne schulden, können wir sie nicht gegenseitig einfordern, wie wir es mit dem Prinzip der Gerechtigkeit tun können; denn Liebe ist der Überlauf der Gerechtigkeit. Die Gerechtigkeit gibt ein volles Maß, die Liebe aber schüttelt, rüttelt, häuft es und bringt die Gerechtigkeit zum Überfließen. Deshalb ist sie etwas, was nicht gefordert werden kann, auch kann ihr Fehlen nicht beklagt werden, sondern man soll sie voller Dankbarkeit als eine Gunst wertschätzen und großzügig erwidern. Jeder, der sie ersehnt, sollte sie in ihrer höchsten Bedeutung ersehnen - in der Bedeutung von Bewunderung und Verehrung. Doch diese Art der Liebe ist die kostbarste, und der einzige Weg, sich diese Liebe zu sichern ist, jenen edlen Charakter zu zeigen, der sie bei anderen, die wahrhaft edel sind, hervorruft [Manna vom 29. Februar; Hervorhebung von uns].

Die Liebe aus Mitgefühl und Verbundenheit ist ebenfalls sehr kostbar; aber wenn sie nur als Reaktion auf eine Forderung entsteht, wird sie ihres auserlesensten Aroma beraubt. Fordere sie daher niemals, sondern werbe durch die Manifestation dieser Liebe gegenüber anderen um ihre Erwiderung.

Die Liebe des Mitleids wird nicht durch den Edelmut des Empfängers hervorgerufen, sondern durch den Edelmut des Gebers, der so sehr von dem Prinzip der Liebe erfüllt ist, dass es in seinen großzügigen Impulsen sogar gegenüber den Unwürdigen überfließt. Nicht alle Empfänger von Mitleid sind jedoch der Liebe im höheren Sinne unwürdig; und manche von ihnen ziehen unsere Liebe oft in jeder Hinsicht auf sich.

Zu verlangen, dass die Liebe im Überfluss Segen spendet – was über die Ansprüche der Gerechtigkeit hinausgeht – ist nur eine Zurschaustellung von Begehrlichkeit. Wir können selbst nach diesem Prinzip der Liebe handeln, aber wir können es nicht von anderen verlangen. Das Gegenteil davon zeugt von einem offensichtlichen Mangel an Liebe und einem beträchtlichen Maß an Selbstsucht.

So wohnten zum Beispiel einst zwei Kinder des Herrn zusammen, und weil sie die relativen Forderungen von Liebe und Gerechtigkeit nicht richtig berücksichtigt hatten, maßte sich der eine die brüderliche Liebe des anderen in dem Maße an, dass er von ihm erwartete, die gesamte Miete zu bezahlen; und als der andere auf die Forderungen der Gerechtigkeit drängte, schob er die Forderung der brüderlichen Liebe beiseite, und der erste gab widerwillig nach, da er nicht wusste, wie er die Forderung widerlegen sollte, aber das Gefühl hatte, dass einige Christen weniger Prinzipien hätten als viele weltliche Menschen. Wie seltsam, dass eines von Gottes Kindern eine so enge und einseitige Sichtweise haben sollte! Kann nicht jeder sehen, dass Liebe und Gerechtigkeit in beide Richtungen wirken sollten und dass es die Aufgabe eines jeden ist, andere in dieser Hinsicht nicht zu übersehen, sondern gut auf seinen eigenen Weg zu achten, und wenn er andere lehren möchte, dann lasst es lieber durch Beispiel als durch Vorschrift geschehen?

Hüten wir uns vor der Gesinnung der Begehrlichkeit, und jeder möge sich daran erinnern, dass er Verwalter seiner eigenen Güter ist und nicht der seines Nachbarn, und dass jeder dem Herrn Rechenschaft schuldet und nicht seinem Bruder, für die richtige Verwendung dessen, was der Meister ihm anvertraut hat. Es gibt nichts Liebloseres und Unpassenderes für die Kinder Gottes als die Gesinnung, kleinliche Kritik an den individuellen Angelegenheiten der anderen zu üben. Das ist eine Angelegenheit, die für die Heiligen zu unbedeutend ist, und sie offenbart einen traurigen Mangel an jener brüderlichen Liebe, die sich besonders in einer umfassenden und großzügigen Rücksichtnahme zeigen sollte, die lieber eine Vielzahl von Sünden bedecken würde, als eine einzelne zu verstärken.

Mögen Liebe und Gerechtigkeit ihren angemessenen und entsprechenden Platz im Herzen des ganzen Volkes Gottes finden, damit der Feind keinen Grund zur Freude hat! Der Psalmist sagt: „Wie liebe ich dein Gesetz (das Gesetz der Liebe, dessen Grundlage Gerechtigkeit ist)! Es ist mein Nachdenken den ganzen Tag“ (Ps 119:97). Wenn dies das ständige Nachdenken aller wäre, gäbe es sicherlich geringere und weniger eklatante Fehler, als wir oft sehen. Lasst uns wachsam sein und nüchtern bleiben, damit der Feind keinen Vorteil über uns erlangt.

DAMIT ICH IHN ERKENNEN KANN – Phil. 3 :8-10

„Herr, lass mich mit Dir über alles sprechen, was ich tue,
alles, was mir wichtig ist, alles, was ich mir wünsche.
Herr, lass mich Deine Sympathie, Deine Macht,
Deine liebevolle Aufsicht von Stunde zu Stunde erfahren!
Wenn ich Rat brauche, lass mich Dich fragen:
Was auch immer meine Ratlosigkeit sein mag,
sie kann nicht zu unbedeutend sein, um sie
Jemandem vorzutragen, der den herabhängenden Flügel des Spatzen bemerkt.
Noch zu irdisch, da Du gesagt hast
,Selbst die Haare auf unserem Kopf sind gezählt‘.
Durch solche Lücken zielt der Feind,
und Funken, die unbeachtet bleiben, entfachen ein Feuer.
Drücken Geldsorgen? Du kannst
die Zweifel und Gefahren lösen, die solche Sorgen mit sich bringen.
Sind diejenigen, die ich liebe, der Grund für ängstliche Sorge?
Du kannst die Lasten, die sie tragen mögen, lösen.
Vor den Geheimnissen Deines Wortes oder Willens
kann deine Stimme meinem Herzen milde befehlen, still zu sein,
denn alles, was jetzt schwer zu verstehen ist,
wird in jenem himmlischen Land enträtselt werden.
Oder trauere ich um die oft auftretende Sünde,
die Listen des Versuchers, die den inneren Frieden stören?
Präsentiere dich, Herr, als den freisprechenden Priester,
zu dem ich bekennend freigesprochen hinausgehe.
Dringen Schwäche, Müdigkeit, Krankheit
dieses irdische Haus, das Du selbst geschaffen hast?
Nur Du, Herr, kannst die verborgene Quelle
des Unheils berühren und die verstimmte Saite stimmen.
Möchte ich lernen, was Du von mir erwartest,
die Bedürfnisse der Benachteiligten zu lindern?
Du kannst meine Hand so führen, dass ich
ein großzügiger, fröhlicher Geber bin, Herr wie Du.
Zweifle ich an der Mission meines Lebens?
Du weißt es und kannst es mir klar zeigen.
Wohin ich gehe, entscheidest Du selbst
und wählst die Freunde und Diener an meiner Seite.
Die Bücher, die ich lese, möchte ich Dir unterbreiten,
lass sie mich erfrischen, unterweisen und trösten.
Ich möchte mich täglich mit Dir unterhalten
und dabei mit ganzem Herzen auf das hören, was Du zu sagen hast;
Und während meiner Pilgerreise, was auch immer geschehen mag,
will ich mit Dir, oh Herr, über alles sprechen.
Da Du bereit bist, Dich herabzulassen
und mein vertrauter Freund zu sein,
oh, lass mich zu der großen Gelegenheit aufsteigen
und Deine Freundschaft als den herrlichsten Preis des Lebens betrachten!“