- JOH. 21:15-22 -
Wir kommen jetzt zur fünften Erscheinung unseres Herrn nach Seiner Auferstehung – manche würden sagen zur siebten, da sie nicht wie wir die Erscheinung unseres Herrn vor Maria als dieselbe betrachten, die in Matthäus als Seine Erscheinung vor „den Frauen” bezeichnet wird, und dass Er sich Petrus auf dem Weg nach Emmaus gezeigt hat. Alle diese Erscheinungen, ob wir nun vier oder sechs zählen, ereigneten sich innerhalb der ersten acht Tage nach der Auferstehung unseres Herrn – an den beiden ersten Tagen oder Sonntagen – und fanden in oder in der Nähe von Jerusalem statt. Was wir als fünfte Erscheinung bezeichnen, fand in einem ganz anderen Teil des Landes statt – in Galiläa – und war wahrscheinlich mindestens zwei Wochen später. Über die Taten der Apostel in der Zwischenzeit gibt es keine Berichte, aber wir können sie vermuten. Wahrscheinlich harrten sie in Jerusalem in Erwartung über den dritten und möglicherweise über den vierten Sonntag nach der Auferstehung und waren enttäuscht, dass unser Herr sich nicht ein weiteres Mal offenbarte. Dann erinnerten sie sich vielleicht an die Botschaft, die Jesus durch Maria gesandt hatte, dass Er sie in Galiläa treffen würde.
Da sie in Jerusalem nichts mehr zu tun hatten und ihr Meister und Anführer verschwunden war, „verwandelt“ war, sodass sie zwar glaubten, dass Er nicht mehr tot war, Er für sie unsichtbar war, außer wenn Er für einige Augenblicke erschien, um mit ihnen zu sprechen, und dann wieder auf unbestimmte Zeit verschwand, waren sie ratlos, was sie tun sollten, und beschlossen, in ihre Heimat am See Genezareth zurückzukehren. Mehr noch, als aktive Männer in den besten Jahren mussten sie etwas tun. Einige von ihnen waren Fischer gewesen, und Jesus hatte sie von ihren Netzen weggerufen, um „Menschenfischer“ zu werden, und sie hatten alles aufgegeben, um Ihm zu folgen; aber jetzt konnten sie Ihm nicht mehr folgen. Soweit sie es erkennen konnten, hatte sich alles mit Seiner Verwandlung geändert. Sie konnten ihre Arbeit nicht mehr fortsetzen, denn was sollten sie predigen? Wie konnten sie anderen von ihrer Hoffnung auf einen König erzählen, der gekreuzigt worden war und den sie, obwohl Er auferstanden war, nicht mehr sehen und anderen zeigen konnten? Sie hatten noch keinen neuen Auftrag erhalten und waren auch noch nicht wirklich bereit dafür.
Es ist nicht verwunderlich, dass unter diesen Umständen sieben von ihnen unter der Führung von Petrus einstimmig beschlossen, wieder in das Fischereigeschäft einzusteigen. Dies war das einzige Geschäft, in dem sie Erfahrung hatten, und das auch erst drei Jahre zurücklag. Sie fischten mit Netzen, und es scheint üblich gewesen zu sein, nachts zu fischen. Dies war genau der Moment, auf den Jesus gewartet hatte. Er wollte, dass die Jünger ihre Überlegungen und Gedankengänge über die Angelegenheit Seiner Auferstehung und darüber, was sie jetzt tun sollten, bis zum äußersten trieben, damit sie bereit wären, die Anweisungen, die Er ihnen bezüglich ihres weiteren Weges geben würde, zuverlässig und gewinnbringend anzunehmen. Die rückschrittliche Bereitschaft, sich vom Predigen dem Fischereigeschäft zuzuwenden, würde mit Sicherheit eintreten; und Er hielt es für zweckmäßig, dass dies geschah, während Er bei ihnen war, damit sie in dieser Hinsicht den größtmöglichen Nutzen daraus ziehen konnten. Jetzt, da sie wieder mit dem Fischfang begonnen hatten, war für unseren Herrn die Zeit gekommen, ihnen zwei Dinge zu zeigen: (1) Dass Er für sie eine Mission hatte, die im Zusammenhang mit dem Menschenfischen ausführen sollten, die sie noch nicht erfüllt hatten und die durch Seinen Tod und Seine Auferstehung nicht beeinträchtigt, sondern vielmehr angeregt und tatsächlich wirksam werden würde. (2) Es würde Ihm die Gelegenheit geben, auf sehr praktische Weise zu zeigen, dass die göttliche Kraft, durch die Er bisher für ihre Bedürfnisse gesorgt und manchmal auch Menschenmengen gespeist hatte, immer noch Ihm gehörte und weiterhin zu ihrem Vorteil eingesetzt werden würde, wenn sie Ihm weiterhin Gehorsam leisteten.
Es ist für uns interessant zu bemerken, dass, während unser Herr für die Jünger unsichtbar war, sie für Ihn sichtbar waren, und alle ihre Pläne, Anordnungen und Taten waren Ihm vollständig bekannt; und Er war bereit, jede Gelegenheit zu nutzen und alles zu ihrem Besten wirken zu lassen. So verhinderte Er durch eine uns unbekannte Wunderkraft, dass in dieser Nacht Fische in ihre Netze kamen. Da sie die wahre Situation nicht kannten, waren sie zweifellos sehr enttäuscht, betrübt und verärgert über ihren mageren Erfolg und betrachteten ihn vielleicht als Teil des Scheiterns und der Trübsal, die sie in gewisser Weise seit ihrer Entscheidung für die Sache Jesu begleitet hatten. Darin liegt eine Lehre für alle, die heute zum Volk des Herrn gehören: Wir wissen nicht was unserem höchsten Wohlergehen dient. Manchmal können die Dinge, nach denen wir uns sehnen und die wir zu ergreifen wünschen, weil wir sie für gut halten, in Wirklichkeit zu unserem Nachteil sein. Glückselig sind diejenigen, die durch Glauben in der Lage sind, das Dunkel jeder Prüfung, Schwierigkeit und Bestürzung zu durchdringen und sich bewusst zu werden, dass „der Herr kennt, die sein sind“, und alle Dinge zu ihrem Guten mitwirken lässt [Manna vom 2. November, 1. Teil, Hervorhebung von uns]. So war es auch bei den Aposteln: Ihre Enttäuschung wurde zu einem Kanal segensreicher Unterweisung.
Bei Tagesanbruch erschien ihnen Jesus als Mann, der am Seeufer stand. Er rief ihnen zu, ob sie Fisch hätten, den er kaufen wolle. Sie antworteten, dass sie die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen hätten. Der Fremde schlug ihnen daraufhin vor, das Netz auf der anderen Seite des Bootes auszuwerfen, und sie waren so demütig durch ihre Enttäuschung, dass sie nicht innehalten, um zu diskutieren und zu erklären, dass sie alte, erfahrene Fischer seien und nicht wüssten, ob er überhaupt Erfahrung habe; sie kamen lediglich zu dem Schluss, dass sie, da sie die ganze Nacht lang das Netz gehoben und ausgeworfen hatten, dies genauso gut noch einmal tun könnten, um dem Fremden zu zeigen, dass es in dieser Gegend keine Fische gab. Aber siehe da! Sofort füllte sich das Netz mit großen Fischen, so dass diese sieben starken Männer (Petrus, Thomas, Jakobus, Johannes, Nathanael und zwei andere, deren Namen nicht genannt werden) es nicht einholen konnten und gezwungen waren, es an Land zu ziehen.
Sofort begriffen die Jünger, dass der Fremde am Ufer Jesus war, und keiner von ihnen schneller als der liebende Johannes. Der hingebungsvolle und impulsive Petrus, dessen Herz noch immer brannte, wenn er sich an die Worte des Herrn erinnerte, und vielleicht auch an seine eigenen Schwächen in Verbindung mit der letzten Nacht unseres Herrn auf Erden, konnte nicht warten, bis das Boot ihn ans Ufer brachte, sondern schwamm hinüber – offenbar weil er fürchtete, der Meister könnte wieder verschwinden, bevor er eine weitere Gelegenheit hätte, Ihn zu sehen und mit Ihm zu sprechen. Als die Jünger mit ihrem Netz voller Fische ans Ufer kamen, fanden sie dort nicht nur Jesus, sondern auch ein Feuer und darauf bereits gebratene Fische. Hier lernten sie die Lektion, dass sie unter der Obhut und Aufsicht des Herrn entweder erfolgreich oder erfolglos im Fischgeschäft sein konnten und dass Er die Macht hatte, ihnen nicht nur auf gewöhnliche Weise Fische zu geben, sondern ihnen durch wundersame Kraft auch gebratene Fische zu verschaffen, wenn dies Seinem Zweck besser diente.
Sie frühstückten mit Jesus, denn sie erkannten Ihn – nicht an den Nagelmahlen, sondern an dem Wunder, das Er vollbracht hatte. Wir lesen etwas Merkwürdiges: „Keiner von den Jüngern wagte ihn zu fragen, da sie wussten, dass es der Herr war“. Sie waren sich so sicher, dass Er es war, dass sie nicht einmal daran denken konnten, diese Tatsache durch eine Frage anzuzweifeln. Das Gespräch während des Frühstücks wird nicht aufgezeichnet, der Evangelist kommt direkt zu den wichtigen Worten, die unser Herr an Petrus richtete, den Ältesten und Anführer dieser neuen Fischereigesellschaft. Er sprach Petrus nicht wie gewohnt mit seinem neuen Namen Petrus an, sondern mit seinem alten Namen Simon, möglicherweise um Petrus zu verstehen zu geben, dass er in den letzten Tagen nicht die in seinem Nachnamen enthaltenen felsenfesten Eigenschaften gezeigt hatte und jetzt geneigt war, die Arbeit für die Kirche zugunsten weltlicher Geschäfte zu verlassen. Und die Frage war sehr direkt: „Liebst du mich mehr als diese?“ – Boote, Netze, Angelgeräte usw.? Du hast begonnen, Mein Jünger zu sein, und jetzt stelle ich dir die Frage: Wo ist dein Herz – bei mir im Dienst für das Königreich oder im Fischgeschäft? Petrus gab prompt seine Antwort: „Herr, du weißt, dass ich dich liebe“. Jesus antwortete daraufhin: „Weide meine Lämmer“ – meine Kleinen – anstatt weiter dem Fischgeschäft nachzugehen. Dann fragte Jesus ihn ein zweites Mal dasselbe, und Petrus gab dieselbe Antwort, woraufhin unser Herr antwortete: „Hüte meine Schafe“ – widme ihnen deine Gedanken, deine Aufmerksamkeit, deine Fürsorge, statt diesen Fischereigeräten, Booten usw. Jesus stellte ihm ein drittes Mal dieselbe Frage. Petrus war darüber betrübt: Es schien Zweifel seitens des Herrn zu beinhalten, und vielleicht erinnerte ihn das dritte Mal daran, dass er den Herrn dreimal verleugnet hatte und dass der Herr jetzt dreimal von ihm verlangte, seine Liebe zu Ihm zu bekennen. Das traf einen sehr empfindlichen Punkt in Petrus' Herz und seinen Erfahrungen, und wir können sicher sein, dass unser Herr dies nicht getan hat, selbst auf diese feinfühlige Weise, nur um Petrus zu verletzen, sondern um ihm Segen und Nutzen zu bringen. Petrus' Bekennen war diesmal noch stärker: „Herr, du weißt, dass ich dich liebe“. Jesus sagte zu ihm: „Weide meine Schafe“.
Es ist bemerkenswert, dass die Worte unseres Herrn bei diesen drei Gelegenheiten nicht genau dieselben waren, obwohl sie in der KJV [so auch in den meisten deutschen Übersetzungen] so wiedergegeben werden. Im Griechischen des Neuen Testaments werden zwei Wörter für „Liebe“ verwendet: agapee und phileo. Als unser Herr in den ersten beiden Fragen „liebst du” sagte, verwendete Er das erste Wort, agapas, das freundliche Liebe in ihrer stärksten, reinsten und selbstlosesten Form bedeutet; in Seiner dritten Frage verwendete unser Herr jedoch die andere Form, phileis, die Zuneigung, Pflicht, die Pflichtliebe bedeutet, wie sie Verwandte füreinander empfinden, auch wenn die andere, tiefere Liebe fehlt. Petrus verwendet in all seinen Antworten die letztere Form des Wortes und bekräftigt damit seine persönliche Zuneigung und Hingabe an den Herrn, aber angesichts der jüngsten Erfahrungen verzichtete er darauf, die höchste Liebe zu beanspruchen, nach der unser Herr gefragt hatte. Diese Demut war ein ausgezeichnetes Zeichen dafür, dass Petrus eine notwendige Lektion gelernt hatte und aufgehört hatte, sich zu rühmen, sondern vielmehr Furcht vor seiner eigenen Schwäche hatte. Die Verwendung des Wortes für Pflichtliebe beim dritten Mal durch unseren Herrn betrübte Petrus besonders, weil Er durch die Änderung des Wortes andeutete: Bist du dir sicher, dass du überhaupt die Pflichtliebe hast, Petrus? Diese Unterscheidung zwischen diesen beiden Wörtern wird durch andere Verwendungen derselben im Neuen Testament bestätigt.
PFLICHT-LIEBE (PHILEO) VERANSCHAULICHT
„Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig“ – Mt. 10:37.
Die Pflichtliebe zu unseren Familienangehörigen ist richtig, aber sie darf nicht unserer Pflichtliebe gegenüber dem Herrn gleichkommen, sonst können wir Ihm niemals als „Überwinder“ folgen.
„Wer sein Leben liebt, wird es verlieren“ – Joh. 12:25.
Es ist unsere Pflicht, das Leben zu lieben, indem Sinne, dass wir es schätzen und nicht bereit sind, es zu zerstören oder törichterweise zu verschwenden; aber wer ein Jünger Christi geworden ist und sich verpflichtet hat, in Seinen Fußstapfen zu wandeln, sogar bis zum Tod, muss daran denken, dass er sein Leben als Mensch bereits aufgegeben hat und es gegen die Hoffnung auf ein Leben als „Neue Schöpfung”, als geistliches Wesen, eingetauscht hat. Er darf sich nicht länger von phileo oder Pflichtliebe gegenüber dem irdischen Leben leiten lassen, sondern muss, bewegt von agapee-Liebe, bereit sein, sein natürliches Leben im Dienst Gottes – „für die Brüder“ – niederzulegen.
„Denn der Vater selbst liebt euch, WEIL ihr mich geliebt habt“ – Joh. 16:27.
In beiden Fällen bedeutet phileo Pflichtliebe. Dies war die höchste Form der Liebe, die die Jünger in ihrer Gesamtheit bisher schätzen konnten, wie Petrus bezeugte. Und die Liebe des Vaters zu ihnen war dieselbe Pflichtliebe: Die Jünger hatten noch nicht den Heiligen Geist und seine agapee oder höhere selbstlose Liebe und ihren Charakter empfangen, und daher konnte der Vater sie nicht um ihrer selbst willen lieben, sondern übte ihnen gegenüber lediglich eine Pflichtliebe aus, weil sie eine Pflichtliebe zu Christus erlangt hatten und Seine Freunde und Jünger geworden waren.
„Wenn ihr von der Welt wärt, würde die Welt das Ihre lieben.“ – Joh. 15:19.
Phileo oder Pflichtliebe wird von weltlichen Eltern und Kindern und Nächsten auf selbstsüchtiger Grundlage ausgeübt – „das Ihre“.
„Wenn jemand den Herrn (Jesus Christus) nicht liebt, der sei Anatema; Maranatha (er soll verflucht oder zum Zweiten Tod verurteilt sein, wenn der Herr kommt)“ – 1. Kor. 16:22.
Von allen wird erwartet, dass sie die Werke Christi würdigen, wenn sie von der Erlösung erfahren, die Gott in Ihm bereitgestellt hat: Und wer sich weigert, mit phileo oder Pflichtliebe zu reagieren, wird früh in der Millenniumsherrschaft vom Leben abgeschnitten werden. Von denen jedoch, die phileo oder Pflichtliebe ausüben, wird erwartet, dass sie voran drängen und das „Ziel” der agapee-Liebe, der wahren, selbstlosen Charakterliebe, erreichen – wenn sie das ewige Leben erlangen wollen. Gott sei Dank, dass das gegenwärtige Leben niemandem die Tür der Gelegenheit verschließt, der phileo oder Pflichtliebe nie erfahren hat, und auch nicht den vielen, die diese zwar kannten haben, aber noch nicht agapee erreicht haben.
„Die Liebe zum Geld“, „die Liebe zu sich selbst“, „die Liebe zur Vorrangstellung“, „die Liebe zum Vergnügen“, „die Liebe zur Gastfreundschaft“ und „die Liebe zu Freunden“ stammen von phileo, der Pflichtliebe oder einer Liebe, die einen Grund oder eine Forderung darauf hat. Petrus ermahnt uns, zur brüderlichen Freundschaft (phileo) [siehe K] die nächste und höhere Stufe der selbstlosen Liebe hinzuzufügen – agapee – 2. Petr. 1:7.
DIE SELBSTLOSE LIEBE (agapee) VERANSCHAULICHT
„Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab“ – Joh. 3:16.
Die Liebe, die zur Erlösung des Menschen führte, war keine phileo-Liebe oder Pflichtliebe, denn Gott hatte Seiner Schöpfung mit dem Todesurteil kein Unrecht getan; noch hatte der Mensch jemals etwas für seinen Schöpfer getan, was diesen zu einer Gegenleistung oder Pflichtliebe verpflichtet hätte. Die Liebe Gottes, die zu unserer Erlösung führte, war agapee, also selbstlose Barmherzigkeit, Güte und Liebe.
„Gott erweist seine Liebe gegen uns darin, dass Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist“ – Röm. 5:8.
Diese Liebe (agapee), die Gott vorgelebt hat, ist die Art von Liebe, die Er uns als höchsten Maßstab oder „Ziel“ vor Augen führt, auf das wir hinzurennen müssen, wenn wir den Preis gewinnen wollen – ein Ziel, das für unser gefallenes Fleisch unmöglich zu erreichen ist, aber für unseren erneuerten Sinn, unseren Willen und unser Herz erreichbar ist. Dieser Maßstab kommt in den folgenden Worten zum Ausdruck:
„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Verstand, und deinen Nächsten wie dich selbst“ – Lk. 10:27; Röm. 3:9.
„Das Endziel des Gebotes aber ist Liebe“ – 1. Tim. 1:5.
Das heißt, das Ziel aller Unterweisung und Erziehung seitens Gottes ist es, uns zu dieser Charakterähnlichkeit mit Ihm zu führen, die in diesem Wort agapee – Liebe – zum Ausdruck kommt; denn „Gott ist Liebe (agapee), und wer in der Liebe (agapee) bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“ – 1. Joh. 4:16.
Wir sollen diejenigen, die nur den Grad der Pflichtliebe (phileo) haben, als „Brüder“ anerkennen, wie Paulus es tat, als er schrieb: „Grüße (für mich) die uns lieben (phileo) im Glauben“ (Tit. 3:15); aber wir sollen darauf achten, dass wir „die Brüderschaft lieben“ (1. Petr. 2:17) mit agapee oder höherer Liebe, die das gegenwärtige Leben nicht als kostbar und rettenswert betrachtet, sondern gerne ihr Leben für die Brüder niederlegt – in täglichen und stündlichen Opfern von Zeit und Geld und allen irdischen Interessen zu ihren Gunsten – 1. Joh. 3:16.
Petrus stellt die beiden Arten der Liebe in einem Vers gegenüber und sagt: „Da ihr eure Seelen gereinigt habt durch den Gehorsam gegen die Wahrheit zur (zu einer) ungeheuchelten Bruderliebe (phileo), so liebt (agapee) einander mit Inbrunst aus reinem Herzen“ (1. Petr. 1:22).
„Die Liebe (agapee) tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe (agapee) die Erfüllung des Gesetzes“ – Röm. 13:10.
Es ist agapee, die in 1. Kor. 8:1 [in einigen Bibelübersetzungen] fälschlicherweise mit „Nächstenliebe“ übersetzt wird: „Die Erkenntnis bläht auf, die agapee aber baut auf“.
Es ist agapee, das in der großen Rede des Apostels über die Liebe in 1. Kor. 13:1, 2, 3, 4, 8, 13; 14:1 [insbesondere in den englischen Bibelübersetzungen in der Zeit von Br. Russell] fälschlicherweise mit „Nächstenliebe“ übersetzt wird. Hier bezeichnet er die agapee-Liebe als das Wichtigste im christlichen Charakter, als die Krone aller christlichen Tugenden, und sagt uns, dass ohne sie alle Opfer und Selbstverleugnungen in Gottes Augen wertlos wären, während mit ihr als inspirierendem Motiv selbst unsere schwächsten Bemühungen durch Christus annehmbar sind.
PETRUS WURDE IN WEISER UND MILDER WEISE ZURECHTGEWIESEN
Soweit aus den Aufzeichnungen hervorgeht, waren diese Fragen bezüglich seiner derzeitigen Liebe die einzige Zurechtweisung, die unser Herr Petrus wegen seiner vorübergehenden Abkehr und Verleugnung Seiner Sache gab; und hier haben wir eine Lektion, die viele aus dem Volk des Herrn sich gut zu Herzen nehmen sollten. Viele haben das Gefühl, dass sie von einem Bruder oder einer Schwester eine sehr entschiedene Entschuldigung für jede Tat der Unhöflichkeit verlangen müssen, auch wenn diese viel weniger schwerwiegend ist als das Fehlverhalten des Petrus. Wir wollen diese Lektion gut lernen, dass wir andere auf eine sehr freundliche, sehr taktvolle und gütige Art und Weise zurechtweisen, eher durch eine Andeutung als durch eine direkte Ermahnung oder Aufzählung des Unrechts – vielmehr durch eine Anfrage hinsichtlich des gegenwärtigen Zustandes ihrer Herzen als eines früheren Zustandes, in dem sie unseres Wissens geirrt haben. Wir sollten weniger Gewicht auf die Strafen legen, die die Übeltaten nach sich ziehen, als auf die Besserung des Irrenden von dem Irrtum seines Weges. Wir sollen nicht versuchen, uns gegenseitig wegen unserer Missetaten zu richten und zu bestrafen, sondern uns daran erinnern, dass alles in den Händen des Herrn liegt. Wir sollen uns selbst in keinem Sinne des Wortes rächen oder uns gegenseitig für Böses bestrafen oder Vergeltung dafür ausüben [Manna vom 12. Januar, Hervorhebung von uns]. Dies ist nicht so zu verstehen, dass die elterliche Pflicht, Kinder zu beurteilen und zu züchtigen, aufgehoben wird; vielmehr soll auch hier das Prinzip der Liebe uneingeschränkt gelten, soweit es unser Urteil zulässt. Wir sollen allen gegenüber freundlich, liebevoll und wohlwollend sein, insbesondere gegenüber denen, die Nachfolger Jesu sind. Was Petrus und seine Verleugnung des Herrn betrifft und was die Vergehen betreffen, die uns durch Brüder widerfahren können, so können wir wissen, dass unter göttlicher Vorsehung immer eine direkte oder indirekte korrigierende Strafe oder Erziehung folgt; aber wir dürfen nicht versuchen, diese Strafen zu verhängen oder diejenigen, die im Irrtum sind und sich ihres Irrtums bewusst sind, zu verurteilen, sondern wir sollen vielmehr mit ihnen in vernünftiger Weise Mitgefühl zeigen, indem wir ihnen helfen, die richtigen Lehren daraus zu ziehen.
Andererseits hätten wir es jedoch alle als eine edle Tat von Petrus angesehen, wenn er sich bei der ersten Gelegenheit zu Füßen unseres Herrn geworfen und Ihn um Vergebung für die Schwächen der Vergangenheit gebeten hätte. Wir hätten ihn für diese herzliche Bekundung seiner Reue umso mehr geliebt und geehrt: Auch wenn dies im Bericht nicht erwähnt wird, könnte er dies tatsächlich getan haben. Und Brüder, die zu irgendeinem Zeitpunkt die Rechte, Interessen oder Gefühle anderer verletzen, sei es auch unbeabsichtigt, sollten sich umgehend und aufrichtig entschuldigen, auch wenn Brüder, die von agapee erfüllt sind, dies nicht als Bedingung für die Gemeinschaft verlangen würden.
In Seiner Erwiderung an Petrus verwendet unser Herr drei unterschiedliche griechische Wörter in Seinen drei unterschiedlichen Ermahnungen: Das erste Mal ermahnt Er ihn, die Lämmer zu weiden; das zweite Mal, sich um die Schafe zu kümmern oder sie zu hüten; das dritte Mal, die schwachen oder zerbrechlichen Schafe zu weiden. Dies gibt uns drei Sichtweisen auf die Herde des Herrn. Da sind die Jungen, die Neulinge, die Lämmer, die Kinder in Christus, die in ihrem christlichen Charakter noch nicht so weit entwickelt sind und die eine besondere Ernährung mit der Wahrheit brauchen – „die Milch des Wortes“. Zweitens gibt es die reiferen Schafe der Herde des Herrn, die über mehr Wissen und Charakter verfügen und gelernt haben, sich selbst mit der kostbaren Wahrheit zu ernähren, aber dennoch Pflege oder Führung, Anleitung und Aufsicht brauchen. Drittens gibt es die schwachen Schafe, die eigentlich stark sein sollten, die eigentlich in der Lage sein sollten, sich selbst von den Gaben zu ernähren, die der Herr in Seinem Wort gnädig bereitgestellt hat, die aber aufgrund von Schwächen des Fleisches, oder Verfolgungen, oder schlechtem Futter oder aus anderen Gründen keine Fortschritte gemacht haben und daher schwach im Glauben sind. Diese müssen ernährt und versorgt werden. Und all diese Angelegenheiten gehören zu den Pflichten eines Bischofs oder Aufsehers in der Herde des Herrn.
Die Worte des Herrn richteten sich zwar speziell an Petrus als Anführer der Gruppe, aber zweifellos galten die Anweisungen auch für alle „Elf“, denn die Apostel waren alle Bischöfe, alle Hüter der Herde des Herrn. Und dieselbe Botschaft hat Anwendung, wenn auch nicht im gleichen Maße, für alle Diener der Wahrheit heute; wer auch immer durch die Gnade Gottes in eine Stellung versetzt wird, wo er Gelegenheit hat, die Herde des Herrn zu weiden, sollte dies als eines der höchsten Privilegien des Lebens betrachten und bereitwillig jede Last und jedes Hindernis beiseitelegen, damit er diesen Dienst in vollem Umfang erfüllen kann. So sagte der Apostel zu den Ältesten in Ephesus: „Habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der der Heilige Geist euch als Aufseher gesetzt hat, die Versammlung Gottes zu hüten“ – Apg. 20:28.
Diese drei Klassen der Herde des Herrn sind heute zu finden: die Jungen, die Fortgeschrittenen und Starken und die Schwachen und Gebrechlichen, die besondere Hilfe benötigen. Viele aus dieser letzten Klasse befinden sich heute in Babylon und brauchen die helfende Hand, die das Volk des Herrn ihnen reichen kann – sie sind schwach, verarmt durch Mangel an Nahrung, durch eine Hungersnot, nicht nach Brot oder Wasser, sondern nach dem Hören des Wortes des Herrn (Am. 8:11). Sie haben lange Zeit die Worte menschlicher Theorien und „Überlieferungen der Ältesten” gehört und sind an deren Widersprüchlichkeiten verhungert; und so hungern und dürsten sie, wo immer sie sich befinden, nach der Wahrheit und benötigen, dass Petrus und alle Nachfolger des Herrn mit aller Kraft tun, was sie können, um sie aus den Fesseln des Irrtums und der Finsternis zu befreien, in denen sie gefangen sind – um sie zu befreien und sie mit der geistlichen Nahrung in Kontakt zu bringen, die der himmlische Vater jetzt so reichlich bereitstellt.
Angesichts der schnellen und entschlossenen Antworten des Petrus hinsichtlich seiner Kindesliebe oder Pflichtliebe gab der Herr eine Prophezeiung, die darauf hindeutete, dass er tatsächlich bis zum Ende treu bleiben würde, und die andeutete, dass er durch Kreuzigung zum Märtyrer werden würde, wobei seine Hände ausgestreckt sein würden. Und die Überlieferung berichtet uns, dass Petrus bis zum Tod treu blieb und dass er, nachdem Nero seine Kreuzigung angeordnet hatte, auf eigenen Wunsch mit dem Kopf nach unten hingerichtet wurde, da er sich nach eigener Aussage nicht würdig fühlte, wie sein Herr gekreuzigt zu werden.
Die Worte unseres Herrn „Folge du mir nach“ bezogen sich nicht nur auf eine geistliche Nachfolge, sondern Er ging am Ufer des Meeres entlang, während die Jünger Ihm folgten. Petrus, der die prophetische Aussage des Herrn über sich selbst gehört hatte und Johannes in der Nähe sah, erkundigte sich nach seiner Zukunft – Was wird er tun? Was wird mit ihm geschehen? Wird er bis zum Tod treu bleiben und wird auch er ein Märtyrer sein? Die Weigerung unseres Herrn, darauf eine Antwort zu geben, kann eher als Zurechtweisung für Petrus und als Lehre für uns alle betrachtet werden. Wir sollen die göttliche Vorsehung nicht in Frage stellen, sondern uns ihr unterwerfen. Es scheint ein Merkmal der menschlichen Natur zu sein, auch in Schwierigkeiten, Verfolgung usw. an Kameradschaft zu denken, und viele haben sich wie Petrus gefragt, warum sie andere Prüfungen und Schwierigkeiten haben sollten, die sich von denen unterscheiden, die andere aus der Herde des Herrn erfahren haben. Die Antwort des Meisters an Petrus ist Seine Antwort an alle: „Was geht es dich an? Folge du mir nach“. Jeder von uns sollte lernen, sich in allen Angelegenheiten auf die Weisheit des Herrn zu verlassen, unabhängig davon, ob Er sie ausdrücklich erwähnt oder sie noch im Dunkeln gelassen hat. Wir können Seine Liebe, Seine Weisheit und Seine Macht kennen und Ihm vertrauen, auch wenn wir Ihn nicht ergründen können, und mit allem zufrieden sein, was uns widerfährt, da wir wissen, dass es Seine Hand ist, die uns führt.
“WENN ICH WILL, DASS ER BLEIBE, BIS ICH KOMME“
Diese Worte unseres Herrn über Johannes scheinen in den Sinnen der Jünger den Gedanken geweckt zu haben, dass Johannes nicht sterben würde – dass er, während die anderen sterben würden, bis zur Wiederkunft Christi am Leben bleiben würde. Aber Johannes selbst sagt uns, dass Jesus nichts dergleichen gesagt hat; es war lediglich eine Schlussfolgerung seitens der Jünger. Wir können in Johannes eine Gestalt sehen, die für einen Teil der Kirche steht, die am Ende des Evangelium-Zeitalters lebt – bis zur Zweiten Gegenwart des Herrn. Johannes lebt nicht mehr, aber eine Klasse, die er repräsentierte, hat fortbestanden und besteht noch immer und wird dann „verwandelt” werden usw. Lasst uns, die wir das Vorrecht haben, in dieser Zeit der Gunst, der Segnung und der Erleuchtung zu leben, dem Herrn Ehre geben und uns bemühen, dass die liebevolle Gesinnung des Johannes sowie auch seine Energie und sein Eifer in uns offenbar werden. Denn gleichwohl er der geliebte Jünger genannt wird, sollen wir uns auch daran erinnern, dass er aufgrund seines feurigen Eifers zusammen mit seinem Bruder Boanerges - Söhne des Donners - genannt wurde. Wir wollen voller Energie, voller Aufopferung sein, was durch die Liebe bewirkt wird, um den Herrn in unserem Leib und Geist, die Ihm gehören, zu verherrlichen [Manna vom 11. Januar, Hervorhebung von uns]. Dazu ist es gut, wenn wir uns an die Worte des Herrn erinnern, die sowohl für die sieben als auch für Petrus galten, obwohl dieser der Sprecher für alle war: „Liebst du mich mehr als diese?“ Die gleiche Frage stellt sich heute allen, die zum Volk des Herrn gehören. Es ist notwendig, dass wir mehr oder weniger Kontakt mit der Welt haben, mit geschäftlichen Angelegenheiten, mit häuslichen Pflichten, mit gesellschaftlichen Verpflichtungen usw., und die Frage ist: Wie sollen wir unsere Pflichten erfüllen und sie mit unseren Pflichten gegenüber dem Herrn als „Neue Schöpfung“, als Seine „königliche Priesterschaft“ in Einklang bringen? Soll der Herr sehen, dass wir die irdischen Dinge mehr lieben als Ihn? Wenn ja, erklärt Er, dass wir Seiner nicht würdig sind, und Er wird uns nicht als Glieder Seiner Braut anerkennen. Er wird in dieser auserwählten Kleinen Herde nur solche haben, die Ihn über alles lieben – mehr als sie Häuser oder Ländereien, Ehemänner oder Ehefrauen oder Kinder oder irgendetwas Irdisches lieben – Mt. 10:37.
R2806-2808