Mt. 4:25 - 5:12.
Welche Charaktereigenschaften sind unerlässlich, damit wir die gesegneten Zustände erreichen, die Gott zu verschenken hat? Wie müssen wir sein, um das Königreich zu erben, mit Gerechtigkeit erfüllt zu werden, göttliche Barmherzigkeit und ewigen Trost zu erlangen, Söhne Gottes genannt zu werden und Sein Angesicht sehen zu dürfen, um einen großen Lohn im Himmel zu erhalten? Welche Frage, welches Thema, welche Bibelstelle könnte für uns interessanter und lehrreicher sein als diese? Der große Lehrer machte sie zum Thema, zum Text einer Seiner wichtigsten Reden bei Seinem Ersten Advent, und ließ den Kern Seiner Argumentation zur Ermahnung Seiner wahren Nachfolger während des gesamten Evangelium-Zeitalters niederschreiben.
Obwohl der Charakter unseres Herrn, den wir als Seine Nachfolger nachahmen sollen, ein einziger ist und das Erreichen dieses einen Charakters oder dieser einen Gesinnung das Erreichen aller Segnungen bedeutet, die Gott zu vergeben hat, teilt der Herr diesen einen Charakter oder diese eine Gesinnung dennoch in verschiedene Abschnitte, um unseren Sinnen die Angelegenheit deutlicher darzustellen, und gibt uns einen Einblick in jeden einzelnen Teil, so wie ein Fotograf eine Vorderansicht, eine rechte Seitenansicht, eine linke Seitenansicht, Rückansicht und Schrägansichten von einem interessanten Motiv aufnimmt, damit alle Details der Konstruktion deutlich erkennbar sind.
DIE ERSTE WESENTLICHE EIGENSCHAFT
Das erste Charakterbild, das unser Herr uns darstellt, war, wie wir vernünftig können, zumindest in gewisser Hinsicht von größter Bedeutung: Es ist die Demut. „Glückselig die Armen im Geist (die Demütigen), denn ihrer ist das Königreich der Himmel“ [J]. Wir verstehen dies nicht so, dass Demut die einzige wesentliche Gnade ist und dass jeder, der demütig ist, deshalb das Königreich erlangen wird, sondern vielmehr, dass Demut eine Voraussetzung von höchster Wichtigkeit für das Erreichen des Königreichs ist. Mit anderen Worten, während nicht alle demütigen Menschen das Königreich erlangen, kann niemand, der nicht demütig ist, kann das Königreich erlangen. Das Königreich gehört ihnen in dem Sinne, dass es dieser Klasse möglich ist, die Bedingungen anzunehmen und die Ehren und Segnungen zu erlangen, während alle, die ein anderes Verhalten an den Tag legen – die Stolzen, die Hochmütigen, die Selbstgefälligen – von jeder Möglichkeit ausgeschlossen sind, das Königreich zu erlangen, solange diese gegenteiligen Zustände die Grundlage ihres Charakters bilden.
O dass doch alle aus dem Volk des Herrn diesen Punkt deutlich und klar erkennen und ein für alle Mal erkennen, dass „Gott den Hochmütigen widersteht, den Demütigen aber seine Gnade gibt!“ [Jak. 4:6]. Wie sollte dieser Gedanke jeden der Kleinen des Herrn, der danach strebt, dem Bild des lieben Sohnes Gottes gleichförmig zu werden, in seiner Wachsamkeit bestärken! Wie eifersüchtig würden sie die Entwicklung dieses Geistes der Demut in ihren eigenen Herzen beobachten und fördern, und wie würde er für andere auf ihrem täglichen Weg immer mehr erkennbar werden, und was für ein Segen und was für ein guter Einfluss, besonders auf die „Brüder“, würde daraus entstehen!
Aus dieser ersten wesentlichen Charaktereigenschaft wachsen, wie die vielen Zweige aus der Wurzel eines Baumes, die anderen Gnaden des Geistes hervor, die der Herr für segensreich erklärt hat – für göttlich bewährt. Wie unterschiedlich sind doch die Lehren unseres Herrn in dieser Hinsicht von allen menschlichen Lehren! Die irdische Weisheit würde im Gegenteil sagen: Halte deinen Kopf hoch; denke gut von dir selbst, wenn du willst, dass andere gut von dir denken; sei übermütig, anstatt arm im Geiste, ein wenig überheblich, statt demütig; das wird in vielerlei Hinsicht einen größeren Einfluss haben, denn niemand wird mehr von dir halten, als du von dir selbst hältst, noch dir mehr zugestehen, als du für dich beanspruchst; halte also viel von dir selbst, beanspruche viel, trage den Kopf hoch und habe ein erhabenes und selbstherrliches Auftreten.
Zweifellos steckt in dem weltlichen Rat einige weltliche Weisheit, und zweifellos ist an dem weltlichen Vorschlag etwas Wahres, soweit es um den Erfolg in irdischen Angelegenheiten in der gegenwärtigen Zeit geht. Aber hier wie auch in anderen Fällen zeigt uns der Herr, dass Seine Wege nicht die Wege der Menschen sind, sondern höhere, so wie der Himmel höher ist als die Erde. Er versichert uns, dass der, der sich selbst erniedrigt, zur rechten Zeit erhöht werden wird, während der, der sich selbst erhöht, zur rechten Zeit erniedrigt werden wird (Mt. 23:12). In der Heiligen Schrift weist Er uns auf unseren lieben Erlöser als Beispiel für den Demütigen und Gehorsamen, den Er jetzt zur Rechten der göttlichen Macht erhöht hat; und unsere Aufmerksamkeit wird auch auf den großen Widersacher gelenkt, der einen entgegengesetzten Weg eingeschlagen hat, sich selbst zu erhöhen suchte, erniedrigt wurde und schließlich vernichtet werden wird – Phil. 2:9; Hebr. 2:14.
Es sollte klar unterschieden werden zwischen Armut im Geiste und Armut in Bezug auf Geld oder intellektuelle Begabungen und Errungenschaften. Wir alle haben Menschen gesehen, die in diesem irdischen Sinne arm waren, aber dennoch hochmütig im Geist. Der wichtige Punkt hierbei ist, dass unabhängig von unseren finanziellen oder intellektuellen Begabungen und Verhältnissen das, was in den Augen Gottes annehmbar ist, die Demut des Geistes ist. Für diejenigen, die die Weisheit, die von oben kommt, erhalten möchten, ist eine solche Veranlagung unbedingt erforderlich. Sie müssen ihre eigenen Unzulänglichkeiten und den Mangel an Weisheit demütig anerkennen, andernfalls können sie die Weisheit nicht bereitwillig und von ganzem Herzen aufnehmen, die Gott gegenwärtig nur denjenigen gerne schenkt, die in der Herzensstellung sind, um sie aufzunehmen. Man wird auch feststellen, dass diese Demut der Gesinnung eine notwendige Grundlage ist, um den Geist des gesunden Sinnes zu besitzen. Denn wer ist in der richtigen Verfassung um gerecht, vernünftig und unparteiisch zu denken, wenn eine demütige Veranlagung nicht an der ersten Stelle steht? Daher müssen wir dem zustimmen, dass Demut ein primäres Element in der Veranlagung oder Gesinnung Christi ist [Manna vom 31. Januar, Hervorhebung von uns].
TROST, DIE BELOHNUNG FÜR MITGEFÜHL
Die zweite Seligpreisung oder der zweite gesegnete Zustand, den unser Herr erwähnt, steht in engem Zusammenhang mit dem ersten: „Glückselig die Trauernden“. Trauer an sich ist keine Gnade, aber sie zeugt von einem Verhalten, das in den Augen des Herrn annehmbar ist. Wir sollten auch nicht denken, dass eine traurige Gesinnung ohne Trost und Freude eine christliche Gesinnung ist. Wir können nicht annehmen, dass unser himmlischer Vater und die heiligen Engel ständig trauern, denn das müssten sie sicherlich tun, wenn das Trauern an sich einen Wert hätte. Der Gedanke ist vielmehr: gesegnet sind, die jetzt trauern – denen die gegenwärtigen irdischen Bedingungen nicht ganz zufriedenstellend und erfreulich sind – die nicht blind sind für die Schwierigkeiten und Prüfungen, durch die die gesamte Menschheit geht – Sünde und Krankheit, Schmerz und Leid, Sterben und Weinen. Gesegnet sind diejenigen, die unter den gegenwärtigen Verhältnissen Mitgefühl im Herzen haben und mit diesen Zuständen nicht zufrieden sind; denn die Zeit kommt, in der durch Gottes Vorsehung eine bessere Ordnung der Dinge eingeführt wird, und ihre Unzufriedenheit mit den gegenwärtigen Zuständen wird sie nur in engere Sympathie und Gemeinschaft mit den besseren Dingen bringen, auf die der göttliche Plan vorbereitet. Wenn Gottes Königreich kommen wird und Sein Wille auf Erden wie im Himmel geschieht, wird jeder Grund zum Trauern, zur Trübsal und zu Tränen beseitigt sein: Das wird für diese Klasse eine Zeit des Trostes und der Zufriedenheit sein.
In der Tat kommt dem Volk des Herrn auch im gegenwärtigen Zeitalter ein Maß an Trost zu – durch den Glauben, der auf den überaus großen und kostbaren Verheißungen des göttlichen Wortes gegründet ist. Die Tatsache, dass sie in der Lage sind, das Unrecht, die Ungerechtigkeiten und die Nöte der heutigen Zeit zu erkennen, schafft in dieser Klasse genau den Zustand des Herzens, an den sich die göttlichen Verheißungen richten, während andere, die nicht so sehr von Mitgefühl für die seufzende Schöpfung berührt sind, nicht in der Lage sind, die Hoffnungen, die uns im Evangelium gesetzt sind, so umfassend zu würdigen. Daher ist es ein Naturgesetz, dass solche zum Wort des Herrn hingezogen werden und aus ihm Trost schöpfen können, der ihren Herzen Frieden zuspricht und ihnen eine innere Freude schenkt, die die weniger mitfühlenden Menschen unter den gegenwärtigen Verhältnissen nicht kennen können. Gesegnet sind die Mitfühlenden!
So wie wir die erste dieser Gnaden, die Demut des Sinnes, pflegen und durch Pflege mehr und mehr von dieser ersten und wesentlichen Eigenschaft entwickeln können, so können wir auch die zweite Gnade, den mitfühlenden Geist, pflegen. Um dies zu tun, sollten wir häufig an andere denken – an ihre Interessen, ihre Prüfungen, ihre Schwierigkeiten – und versuchen, uns in sie hineinzuversetzen, als wären es unsere eigenen, und ihnen eine helfende Hand reichen und „das Gute wirken gegen alle, wie wir Gelegenheit haben, am meisten aber gegen die Hausgenossen des Glaubens“ (Gal. 6:10).
WIE DIE SANFTMÜTIGEN DAS ERBE ERLANGEN
Die dritte dieser Gnaden, die der Herr glückselig bezeichnet, ist Sanftmut oder, wie wir sagen würden, Milde. Webster's Dictionary definiert Sanftmut als „Unterwerfung unter den göttlichen Willen; Geduld und Milde aus moralischen und religiösen Motiven“. Es wird deutlich, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen dieser geduldigen, milden Unterwerfung unter den göttlichen Willen und der gewöhnlichen Milde und Geduld, die häufig einfach zur Befriedigung selbstsüchtiger Wünsche ausgeübt wird. Geduldige Unterwerfung unter den göttlichen Willen ist für diejenigen unmöglich, die nicht die erste Tugend in der Liste besitzen, nämlich einen demütigen Sinn: Die Stolzen und Eigenwilligen finden es unmöglich, sich göttlichen Bedingungen zu unterwerfen; das Ich erhebt sich, verdreht ihr Urteil und verführt die Gewissen in einem solchen Maße, dass sie kein volles Vertrauen in die göttliche Vorsehung haben können, sondern das Gefühl haben, dass sie ihre Hand ausstrecken und die Lade stabilisieren müssen [siehe 2. Sam. 6:6].
Außerdem kann geduldige Unterwerfung nur bei denen entstehen, die trauern, im Sinne von großem Mitgefühl, und die durch die gesegneten Verheißungen Gottes getröstet worden sind, durch die der Heilige Geist sein Volk tröstet. Da sie sich der Übel unserer Zeit bewusst sind und wissen, dass sie von Gott aus einem weisen Grund für die Gegenwart zugelassen sind, fühlen sie nicht nur mit der seufzenden Schöpfung mit, sondern dieses Mitgefühl und der Trost, den sie als Lohn dafür empfangen, machen sie geduldig und dem göttlichen Willen unterwürfig. Da sie daran denken, dass alle Dinge denen zum Guten wirken, die Gott lieben, sind sie bereit, in allem, was ihnen widerfährt, die göttliche Vorsehung zu erkennen, und auch bereit, in diesen Fügungen Lehren zu suchen, die ihnen und anderen helfen werden, sich auf die zukünftigen und ewigen Freuden vorzubereiten.
Diese dritte Gnade – geduldige Unterwerfung unter den göttlichen Willen – die von denen bemerkt werden kann, mit denen wir in Kontakt kommen, könnte man als äußere Manifestation der zweiten Gnade bezeichnen, die innerlich, im Herzen ist und von unseren Mitgeschöpfen äußerlich nicht wahrgenommen werden kann. Die Gnade des Mitgefühls manifestiert sich in unserer geduldigen Unterwerfung in allen Angelegenheiten des Lebens, in der Erkenntnis, dass für diejenigen, die in Christus sind, alle Angelegenheiten unter göttlicher Aufsicht stehen, und diese Geduld gegenüber Gottes Vorsehung in unseren eigenen Umständen und Angelegenheiten führt auch natürlich und richtig zu Geduld gegenüber anderen in ihren Schwächen und Fehlern und ihrer Unwissenheit und führt entsprechend ihnen gegenüber zur Hilfsbereitschaft, wenn wir die Gelegenheit dazu haben.
Diese „Sanftmütigen“, die sich geduldig dem göttlichen Willen unterwerfen, werden die Erde erben. Der Herr meinte damit nicht, und es ist auch nicht wahr, dass die Geduldigen und dem göttlichen Willen Unterworfenen die Erde in der heutigen Zeit erben werden: Ganz im Gegenteil, die Arroganten, die Ungeduldigen, die Aggressiven, die Selbstsüchtigen gelangen jetzt zu Macht, Einfluss und Reichtum, während die Geduldigen und Unterwürfigen vergleichsweise wenig Chancen haben. Der Lohn dieser Gnade liegt daher, wie alle anderen auch, in der Zukunft: Unter göttlicher Führung werden diese Erben Gottes sein, Miterben Jesu Christi; und die Erde ist ein Teil dieses großen Erbes, das sie wiederum durch göttliche Anordnung am Ende des Millennium-Zeitalters der dann noch lebenden Menschheit übergeben werden – denen, die sich durch die Prüfungen des Millenniums als des ewigen Lebens würdig erwiesen haben.
Da es jedoch in gewisser Weise wahr ist, dass das Volk des Herrn jetzt getröstet wird, erbt es auch in gewisser Weise jetzt die Erde – im übertragenen Sinne, durch den Glauben. Der Apostel spricht davon, wenn er sagt: „Alles ist euer – es sei Gegenwärtiges oder Zukünftiges“ (1. Kor. 3:21-23). Diejenigen, die die richtige demütige Haltung des Sinnes haben und sich geduldig dem göttlichen Willen unterwerfen, erhalten mehr Segen aus den Dingen der Gegenwart als ihre tatsächlichen Besitzer, weil ihre Herzen in einer Haltung sind, in der es möglich ist, Segen zu empfangen. Die Welt, voller selbstsüchtiger Begierden, ist niemals zufrieden, niemals glücklich; das Kind Gottes, das sich geduldig dem göttlichen Willen unterwirft, ist immer zufrieden –
„Mit allem zufrieden, was mir widerfährt,
Denn Gottes Hand sie führet mich“.
GESÄTTIGT MIT GERECHTIGKEIT
Die vierte Seligpreisung ist der Hunger und Durst nach Gerechtigkeit. Niemand kann diesen Hunger und Durst haben, wenn er nicht zuvor in beträchtlichem Maße die vorherigen Eigenschaften besitzt. Wenn er nicht die Demut des Sinnes hat, wird er sich mit seinen Errungenschaften der Gerechtigkeit zufriedengeben, unfähig, über seine eigene niedrige Ebene hinauszusehen, unfähig, die Höhen und die Größe der göttlichen Vollkommenheit zu erkennen. Er kann nicht nach etwas hungern und dürsten, das er nicht in gewissem Maße versteht. Wenn er nicht den Geist der Mitgefühls hat, der das Unrecht und die Ungerechtigkeiten unserer heutigen Zeit erkennt (denen die Menschheit in hohem Maße nicht entgegenwirken kann und die sie nicht überwinden kann – wodurch manche Menschen, die sehr arm an Tugenden sind, einen Überfluss an Reichtum, Einfluss und Macht haben, während andere, die über hervorragende Tugenden verfügen, kaum das Nötigste zum Leben haben) kann er sich nicht nach dem besseren Zustand der Dinge sehnen, der, wie die Heilige Schrift erklärt, nur durch die Errichtung des Millenniumkönigreichs des Messias eingeführt werden kann. Es ist also ein segensreiches Zeichen, wenn wir in unseren Herzen einen Hunger und Durst nach Gerechtigkeit, nach Rechtschaffenheit, nach Wahrheit finden – eine Abneigung gegen jede Form von Unwahrheit und gegen alle Ungerechtigkeit und alles Unrecht – eine Abneigung, die jedoch gemildert, beeinflusst und kontrolliert wird durch die dritte Gnade dieser Liste, nämlich durch geduldige Unterwerfung unter den göttlichen Willen. Die Beherrschung dieser letzten Eigenschaft ist es, worauf sich der Apostel bezieht, wenn er sagt: „Lasst eure Milde [Mäßigung] offenbar werden allen Menschen“ [Phil. 4:5]. Es ist diese Eigenschaft, die unseren Hunger und Durst nach Gerechtigkeit und unseren Eifer dafür (sowohl in Bezug auf die Wahrheit als auch in der Praxis) daran hindert, uns in irgendeinem Sinne des Wortes zu Anarchisten oder Extremisten zu machen. Diese Eigenschaft des Hungers und Durstes nach Gerechtigkeit, die nicht durch die anderen Gnaden des Geistes kontrolliert wird, hat viele weltliche Menschen als Reformer zu wilden Exzessen geführt; während das Kind Gottes, obwohl es denselben Hunger und Durst in größerem Maße hat als andere, doch unter der Kontrolle des Geistes eines gesunden Sinnes, unterwiesen durch das Wort des Herrn, in Seinen Verheißungen ruht und auf ihre Erfüllung wartet, geduldig unterwürfig und überzeugt vom Sieg der Gerechtigkeit zu Gottes rechter Zeit, die es auch als Seine Zeit annimmt.
Diejenigen, die diesen gesegneten Hunger und Durst haben und pflegen, werden befriedigt werden, werden nach und nach reichlich befriedigt werden, wenn Gottes Königreich errichtet sein wird und wenn infolge Seiner Herrschaft alles Böse und alle Sünde, alle Ungerechtigkeiten unterdrückt sein werden und Gottes heiliger Wille „auf Erden wie im Himmel“ geschehen wird. Unser Hunger und Durst nach Gerechtigkeit wird nicht zerstört werden, sondern, wie unser Herr verheißen hat, gestillt werden. Das Verlangen nach Wahrheit und Gerechtigkeit wird weiterhin bestehen, aber die weite Verbreitung der Wahrheit und Gerechtigkeit wird seine Befriedigung sein.
In dieser Gnade, wie auch in den anderen, gibt es in gewisser Weise durch den Glauben bereits eine Vorwegnahme der künftigen Erfüllung, wenn auch nur als ein Vorgeschmack. Diejenigen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, finden im Einklang mit den anderen Gnaden des Geistes in den gnädigen Verheißungen des Herrn den Trost und Zuspruch, der bereits in diesem Leben durch den Glauben aufgenommen werden kann und sich als „Speise zur rechten Zeit für den Haushalt des Glaubens“ erweist, der den Hunger und Durst stillt, stärkt, Ruhe schenkt und zumindest teilweise befriedigt, da sie erkennen, dass die göttliche Vorsehung für ewige Gerechtigkeit unermesslich und reichlich ist, mehr als alles, was sie sich hätten denken oder erbitten können.
WIE MAN BARMHERZIGKEIT ERLANGT
Die fünfte glückselige Gegebenheit ist die Barmherzigkeit. Barmherzigkeit ist der äußere Ausdruck, den der Mensch erkennen kann, der aus der Wertschätzung der Gerechtigkeit und dem Hunger und Durst danach in einem erneuerten Herzen resultiert. Nachdem wir die vorangegangenen Schritte unternommen und gelernt haben, die Ungerechtigkeiten der Gegenwart, unsere eigenen Unvollkommenheiten (Ungerechtigkeiten) und die anderer Menschen zu erkennen, und nachdem wir gelernt haben, dass Gott allein in der Lage ist, diese Angelegenheiten im vollen und vollständigen Sinne zu berichtigen, und dass Er Vorkehrungen getroffen hat, um jedes Unrecht zu korrigieren und für die Wiederherstellung Seiner Gunst für alle, die Seine Gnade in Christus annehmen, die allen zur rechten Zeit bekannt gemacht werden wird – dann beginnen wir, anderen gegenüber barmherzig, wohlwollend und gütig zu sein, in einem Ausmaß und Grad, wie wir diese Gefühle zuvor nicht empfinden konnten. Weltliche Menschen, die nicht auf dem Weg gewandelt sind, der durch diese Segnungen des Charakters und des Wachstums in der Gnade gekennzeichnet ist, können anderen nicht im gleichen Maße mit Mitgefühl und Barmherzigkeit begegnen.
Nicht alle wissen es, aber es ist eine Tatsache, dass die größte Eigenschaft, die ein Mensch ausüben kann und die den größten Segen mit sich bringt, die Ausübung der gottähnlichen Eigenschaft der Barmherzigkeit, des Mitgefühls und des Wohlwollens ist. Der Herr legt großen Nachdruck auf diese Eigenschaft der Barmherzigkeit und erklärt, dass, was wir auch sonst an Erkenntnis oder Gnade erreicht haben, wenn wir diese eine Eigenschaft nicht besitzen, wir Ihm niemals annehmbar sein können. Wenn wir anderen gegenüber keine Barmherzigkeit haben, so wird unser himmlischer Vater auch keine Barmherzigkeit mit uns haben. Und um sicher zu gehen, dass wir diese Barmherzigkeit nicht bloß als eine äußere Form, als einen Ausdruck der Vergebung und des Wohlwollens, ansehen, erklärt unser Herr die Sache, indem Er sagt: „Also wird auch mein himmlischer Vater euch tun, wenn ihr nicht ein jeder seinem Bruder von Herzen vergebet“. Es muss eine echte Barmherzigkeit sein, keine vorgetäuschte; sie muss die Fehler und Schwächen anderer bedecken und so weit wie möglich aus dem Gedächtnis tilgen, sonst kann sie nicht auf Vergebung und Auslöschung der eigenen Mängel hoffen, die Hunger und Durst nach Gerechtigkeit uns deutlich vor Augen geführt haben. Nur den Barmherzigen wird Barmherzigkeit widerfahren, und wenn wir aus den Händen des Herrn keine Barmherzigkeit erhalten, ist alles verloren. Denn von Natur aus waren wir, wie die anderen, Kinder des Zorns und befanden uns unter gerechter Verdammnis [Manna vom 14. Dezember, Hervorhebung von uns].
Die Ausübung von Barmherzigkeit, Güte und Vergebung ist ein Segen, nicht nur, weil sie für unsere eigene Vergebung und damit für unser Heil unerlässlich ist, sondern auch, weil dieser Zustand des Herzens, die mit anderen in ihren Fehlern und Unvollkommenheiten mitfühlt, hilft unsere Herzen von bestimmten Werken des Fleisches und des Teufels zu befreien, welche dazu neigen sich an das Volk des Herrn zu klammern, und dies lange nach der Rechtfertigung durch den Glauben und selbst nachdem sie sich ganz dem Herrn geweiht haben und danach streben, „nicht nach dem Fleisch, sondern nach dem Geist zu wandeln“.
Der Apostel zählt zu den Werken des Fleisches, die wir ablegen müssen, nachdem wir ganz dem Herrn gehören, folgende: Zorn, Bosheit, Hass, Neid, Streit. All diese Eigenschaften der Selbstsucht werden durch die Barmherzigkeit bekämpft und dadurch weitgehend aus ihren geheimen Verstecken und festen Stellungen in unseren Herzen vertrieben. Der gesegnete Charakter der Barmherzigkeit ist eng mit der Liebe verbunden, denn in dem Maße, wie wir den Geist der Liebe des Herrn erlangen, zeigen wir anderen Barmherzigkeit, so wie Er uns Seine Liebe in der Barmherzigkeit, die Er uns in Christus erwiesen hat, gezeigt hat. Liebe und Barmherzigkeit, die Rücksichtnahme auf andere, haben viel damit zu tun, Neid zu vertreiben. Wie können wir diejenigen beneiden, die wir aufrichtig lieben? Wie können wir Böswilligkeit gegenüber denen empfinden, die unsere Feinde sind, wenn wir sie lieben und Barmherzigkeit und Mitgefühl für sie empfinden und ihnen von Herzen vergeben? Wie können wir Hass gegen sie empfinden, wenn wir ihnen Barmherzigkeit erweisen und ihnen gegenüber nur einen Geist des Vergebens empfinden? Und wie können wir streitsüchtig sein, wenn wir einen barmherzigen, vergebenden Geist haben, der bereit ist, die uns zugefügten Verfehlungen zu vergeben, so wie wir auf Vergebung unserer Verfehlungen gegen das göttliche Gesetz hoffen?
„Die Barmherzigkeit rühmt sich gegen das Gericht“, erklärt der Apostel (Jak. 2:13). Die göttliche Barmherzigkeit befriedigte die göttliche Gerechtigkeit und bereitete so den Weg für die Rettung der Menschheit vom Urteil der Gerechtigkeit: Und so werden diejenigen, die Teilhaber des göttlichen Geistes geworden sind und in denen er eine ausreichende Entwicklung erreicht hat, zulassen, dass ihre Barmherzigkeit über ihre Vorstellungen von Gerechtigkeit triumphiert (denn sie haben kein Gesetz der Gerechtigkeit gegenüber ihren Mitmenschen, das befriedigt werden muss).
Auch wenn die Gerechtigkeit in Gottes Volk nicht blind ist, auch wenn sie die Fehler anderer sehr deutlich erkennen können und auch wenn sie danach streben, dass Gerechtigkeit in allen ihren Worten, Gedanken und Handlungen herrscht, so sollen sie dennoch in ihren Herzen die Barmherzigkeit über die Gerechtigkeit triumphieren lassen, wenn es um diejenigen geht, die gegen sie verstoßen haben, und sie sollen keinen Groll gegen diejenigen hegen, die ihnen Unrecht getan haben, noch sich selbst zu rächen versuchen und ihren Gegnern gerechtes Verhalten beizubringen. Vielmehr sollen sie sagen: Es ist Gottes Sache, gerecht zu sein; es ist meine Sache, der ich durch die Schwächen, die ich geerbt habe, auch gegen die vollkommene Gerechtigkeit verstoßen habe, Mitleid zu haben mit meinen Mitgeschöpfen, die ähnliche und zugleich andere Schwächen geerbt haben. Es ist meine Sache, das göttliche Gebot, die gesegnete Eigenschaft der Barmherzigkeit, des Mitleids und der Vergebung, entsprechend auszuüben. Und diejenigen, die dies tun, werden nicht nur die bösen Werke und Gefühle der Welt, des Fleisches und des Teufels los, sondern werden auch immer mehr vom Geist der Liebe und Milde und geduldigen Unterwerfung unter den göttlichen Willen erfüllt, und so sind die Barmherzigen schon in der Gegenwart gesegnet.
„OHNE HEILIGKEIT WIRD NIEMAND DEN HERRN SCHAUEN“ [Hebr. 12:14]
Der sechste Schritt zur Glückseligkeit ist die Reinheit des Herzens – Reinheit der Motive, Reinheit der Absichten, Reinheit der Bemühungen, Reinheit des Willens; Reinheit im Sinne von Aufrichtigkeit, Offenheit und Wahrhaftigkeit. Mit anderen Worten: gesegnet sind die im Herzen Aufrichtigen, diejenigen, die absolut reine Absichten haben. Es gibt zwar weltliche Menschen, die bis zu einem gewissen Grad Aufrichtigkeit des Herzens, der Absicht und der Motive für sich beanspruchen können, aber solange sie nicht den Weg der göttlichen Berufung in Christus gegangen sind, solange sie nicht durch Glauben an und Weihung gegenüber Ihn zu Seinen Nachfolgern geworden sind und solange sie nicht die vorangehenden Stufen der Seligkeit erklommen haben, können wir sie nicht als Angehörige der hier bezeichneten Klasse anerkennen.
Viele haben diese Aussage „reinen Herzens“ missverstanden und dachten, sie bedeute absolute Vollkommenheit – nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich; nicht nur in Worten und Taten, sondern auch in Gedanken. Diese Sichtweise der Angelegenheit hat einige entmutigt, die ehrlich zu sich selbst sagten, ich bin weder in Taten noch in Worten noch in Gedanken vollkommen; wie kann ich dann behaupten, unter dieser Bestimmung als einer der im Herzen Reinen gesegnet zu sein? Wir antworten, dass dies ein Missverständnis ist. Der Herr weiß genauso gut und besser als wir, dass in unserem Fleisch keine Vollkommenheit wohnt, dass aufgrund des Sündenfalls allen Kindern Adams ihre Zähne durch die sauren Trauben der Sünde stumpf geworden sind, sodass wir manchmal nicht das tun können, was wir tun möchten, und aus Unwissenheit zweifellos häufig das unterlassen, was wir tun sollten (Jer. 31:29, 30; Röm. 7:16-18).
Der Herr lehrte während des Jüdischen Zeitalters eine große Lektion, indem Er diesem Volk das Gesetz gab, verbunden mit einer Verheißung des Lebens, doch der Apostel versichert uns, dass Gott voraussah, als Er den Israeliten das Gesetz gab, dass „aus Gesetzeswerken kein Fleisch vor ihm gerechtfertigt werden würde“ [Röm. 3:20] – dass im Gegenteil, je deutlicher das Gesetz erkannt würde, desto deutlicher würde die Erkenntnis der Sünde – der Unvollkommenheit – werden. Gottes Vorsehung in Christus besteht darin, dass Er jene Unvollkommenheiten vergeben wird, die nicht der persönlichen Willkür, sondern der Ursünde und den daraus resultierenden Schwächen und Unvollkommenheiten zuzuschreiben sind – Er wird uns Seine Barmherzigkeit in Bezug auf jene Abweichungen gewähren, die nicht willkürlich sind. Dass unser Herr Jesus die menschliche Unvollkommenheit nicht ignorierte, geht aus Seiner Aussage in Bezug auf die fünfte dieser gesegneten Eigenschaften hervor, nämlich dass die Barmherzigen „Barmherzigkeit erlangen werden“ – eine Andeutung unserer Notwendigkeit von Barmherzigkeit. Nachdem Er uns versichert hat, dass wir Barmherzigkeit erlangen können, erklärt Er in dieser sechsten Seligpreisung nicht, dass wir in Gedanken, Worten und Taten absolut vollkommen sein müssen; denn wenn wir es wären oder eine solche Bedingung erfüllen könnten, wäre es für Gott völlig unnötig, uns durch das Opfer Christi Barmherzigkeit und Vergebung der Sünden zu gewähren.
Mit dem Ausdruck: „rein im Herzen“ ist nicht die Vollkommenheit des Verhaltens, der Worte oder der Gedanken gemeint, sondern die Vollkommenheit der Absicht hinsichtlich aller dieser Dinge. Unser Wunsch und unsere Bemühungen müssen auf Vollkommenheit - in Gedanken, Worten und Handlungen – gerichtet sein. Der Maßstab, der vor uns steht, dem unser Herz und unser Wille zustimmen muss, ist der göttliche Maßstab: „Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ (Mt. 5:48). Gott hat keinen niedrigeren Maßstab als diese absolute Vollkommenheit aufgestellt, aber durch Christus hat Er für uns Gnade, Barmherzigkeit und Frieden vorgesehen, wenn wir in Seinen Fußstapfen wandeln. Diese Reinheit des Herzens gehört zu den wesentlichen Schritten auf dem schmalen Weg [Manna vom 29. Juni, Hervorhebung von uns].
Nur die Reinen im Herzen haben die Verheißung, Gott zu sehen. Sie bleiben bis zum Ende ihrer Pilgerreise treu und erreichen nicht nur in ihrem gegenwärtigen Leben die Ähnlichkeit mit dem Herrn Jesus Christus (Röm. 8:29) in der Reinheit ihres Herzens, der Reinheit ihrer Absichten und der Aufrichtigkeit ihrer Bemühungen gegenüber Gott und den Menschen, sondern schließlich werden sie gemäß der Verheißung des Herrn durch die Kraft der Ersten Auferstehung von irdischen in himmlische, geistliche Zustände verwandelt werden. Dann, wie der Apostel erklärt, „werden wir ihm gleich sein, denn wir werden ihn sehen, wie er ist“. Und wenn wir so verwandelt worden sind, dass wir dem herrlichen Sohn Gottes gleichen, der „der Abglanz seiner Herrlichkeit“ ist, werden wir zweifellos auch den himmlischen Vater selbst sehen können und durch unseren lieben Erlöser zu Ihm geführt werden – „vollkommen in ihm“, „ohne Flecken und Runzel oder etwas Ähnliches“ – 1. Joh. 3:2; Hebr. 1:3; Eph. 5:27; Kol. 2:10.
Wie bei den anderen Segnungen kommt auch hier ein Teil, ein Vorgeschmack, im gegenwärtigen Leben. Es gibt so etwas wie eine Öffnung der Augen unseres Verständnisses, damit wir „mit allen Heiligen völlig zu erfassen vermögen, was die breite und Länge und Tiefe und Höhe Liebe Christi ist“ (Eph. 3:18). Aber nicht alle haben diese Öffnung des geistigen Auges; nicht alle haben das Vorrecht, die Herrlichkeit des Charakters Jehovas in harmonischer Übereinstimmung zu sehen, göttliche Gerechtigkeit, Weisheit, Liebe und Macht, die aufeinander abgestimmt sind und im Einklang zusammenwirken, um jede Schöpfung zu segnen, gemäß dem Vorsatz, den Gott in sich selbst gefasst hat, bevor die Welt war.
Aber wer darf sich dieser Segnung, dieser klareren Sicht erfreuen, und wer kann dadurch, dass er sie sieht, mehr und mehr in der Gestalt dieser herrlichen Vollkommenheit wachsen? Nur „die im Herzen rein sind“, nur die Aufrichtigen, die Ehrlichen. Diejenigen, die einen doppelten Sinn haben, einen doppelten Willen, haben laut der Schrift eine doppelte Sicht, ein doppeltes Auge. Sie sehen geistliche Dinge schief, sehen Dinge doppelt und entsprechend undeutlich. Viele aus Gottes Volk haben es bisher versäumt, in allen Dingen in Christus zu wachsen, sehen daher doppelt und verwirrt – sie sehen etwas von den himmlischen Dingen und etwas von den irdischen; sie sehen die Züge des göttlichen Charakters nur schwach und undeutlich und sind entsprechend unfähig, ihn nachzuahmen. Mögen alle, die den Namen Christi bekannt haben, mehr und mehr danach trachten, nur einen Meister zu haben und ein Auge, das nur auf Seine Herrlichkeit und Seinen Dienst gerichtet ist – ein reines, aufrichtiges und treues Herz.
DIE SÖHNE GOTTES SIND ALLE FRIEDENSTIFTER
Die siebte Seligpreisung ist eine äußere Manifestation der sechsten. Die Reinheit des Herzens gegenüber Gott, die andere nicht erkennen können, manifestiert sich in dieser siebten Eigenschaft der Seligkeit und des Wachstums, nämlich in friedfertigen Wünschen und Bemühungen, den Frieden in anderen zu fördern. Denn zweifellos wird niemand aus dieser göttlichen Sicht ein Friedensstifter sein, wenn er nicht bereits aufrichtig und rein im Herzen gegenüber Gott geworden ist und wenn er nicht auch die vorhergehenden Gnadenentwicklungen in seinem Herzen hat: (1) Demut, (2) Mitgefühl, (3) geduldige Unterwerfung, (4) Hunger und Durst nach Gerechtigkeit (was Vertrauen einschließt), (5) Liebe oder Barmherzigkeit gegenüber anderen, (6) Aufrichtigkeit des Herzens. Und wer diese Eigenschaften in einem bestimmten Maße entwickelt hat, kann sicherlich nichts anderes sein als selbst friedfertig und ein Friedensstifter gegenüber anderen.
Es ist ganz offensichtlich, dass nur eine kleine Anzahl aus dem Volk des Herrn so weit fortgeschritten ist, dass diese Gnade in ihrem Leben deutlich entwickelt ist und zum Ausdruck kommt. Die große Mehrheit, selbst unter denen, die sich zu Christus bekennen, scheint einen umgekehrten Weg zu gehen, was darauf hindeutet, dass sie, selbst wenn ihr Herz rein und ihr Mitgefühl groß ist, noch viel in der Schule Christi zu lernen haben; denn anstatt Friedensstifter zu sein, sind sie Streitstifter. Dies geschieht jedoch nicht in böser Absicht, sondern eher aus Gewohnheit, aus Unwissenheit und aus Unfähigkeit, den großen Unterschied zwischen dem göttlichen Weg der Liebe und dem entgegengesetzten Weg der Selbstsucht, der in der Welt vorherrscht, zu erkennen. Streit wird hauptsächlich mit der Zunge geschürt, auch wenn er durch eine Geste oder einen Blick ausgelöst werden kann. Ebenso wird Frieden hauptsächlich mit der Zunge gestiftet, auch wenn dies auch durch die Augen geschehen kann. Wie viele Christen kennen wir alle, deren Zunge ständig Streit schürt! Der Widersacher kontrolliert viele auf diese Weise, lange nachdem sie seiner Kontrolle in vielerlei anderer Hinsicht entkommen sind; und das liegt vor allem daran, dass sie nicht erkennen, dass sie damit Satan dienen – dass sie nicht einmal erkennen, dass sie Streit, Hass, Neid und Bosheit schüren und die Wurzeln der Bitterkeit säen, durch die viele verunreinigt werden.
Wann werden Christen endlich in ihrer ganzen Länge, Breite und Tiefe die Gebote „Lästere niemand“ und „Kein faules Wort gehe aus eurem Mund, sondern das irgend gut ist zur notwendigen Erbauung“ verstehen (Tit. 3:2; Eph. 4:29)? Wie lange wird es dauern, bis einige von Gottes wahren Kindern lernen, dass sie, wenn sie etwas Böses aussprechen (selbst wenn sie sich seiner Wahrheit sicher sind), möglicherweise einen großen Schaden anrichten? Wie lange wird es dauern, bis sie lernen, dass es nicht immer notwendig ist, die Wahrheit zu sagen, und dass es auch nicht immer richtig ist, dies zu tun, außer wenn es zur Erbauung anderer dient? Wie viele Lektionen, Zeile um Zeile müssen sie noch lernen, um sie davon zu überzeugen, dass sie nicht nur Klatsch über die Angelegenheiten anderer Menschen, Kritik und Zynismus vermeiden sollen, sondern dass all dies Beweise für ihren Mangel an Liebe sind – für ihren Mangel an Christusähnlichkeit und ihren Mangel an den Eigenschaften eines Friedensstifters; und dass sie ernsthaft gegen diese Mängel ankämpfen müssen, wenn sie ihre Berufung und Erwählung zu einem Platz im himmlischen Königreich sicher machen wollen?
Oh, dass doch alle diese Worte des Apostels auswendig lernen und ständig danach streben würden, sie in ihrem Leben zu verwirklichen: „Alles, was wahr, alles, was würdig, alles, was gerecht, alles, was rein, alles, was lieblich ist, alles, was wohllautet, wenn es irgendeine Tugend und wenn es irgendein Lob gibt, dieses erwägt“. Diejenigen, die über das Wahre, Schöne und Gute nachdenken, werden miteinander darüber sprechen; daher ist es wichtig, dass unsere Herzen mit guten Dingen erfüllt sind, damit aus der Fülle des Guten in unseren Herzen unser Mund ständig Gutes spricht, das sich vor dem Herrn bewährt und denen, die es hören, zum Segen gereicht – Phil. 4:8; Lk. 6:45.
Solche haben eine sehr kostbare Verheißung, die ihrer Mühen wohl wert ist: „Sie werden Söhne Gottes heißen“ – sie haben Gottes Geist, das Ebenbild Seines geliebten Sohnes ist in ihre Herzen gezeichnet; sie sind mit der Wahrheit geheiligt worden; sie werden schließlich „des Anteils am Erbe der Heiligen in dem Licht fähig“ sein [Kol. 1:12]. Nur solche wird der Herr jemals als Seine Söhne und Miterben Seines großen Sohnes, unseres Herrn, im Königreich anerkennen. Darüber hinaus ist dies eine Prüfung, die wir für uns selbst und in gewissem Maße auch füreinander als Beweis für den Grad unseres Wachstums als Kinder Gottes erkennen können – unsere friedfertige Gesinnung und unsere Sorgfalt, einen Lebensweg zu verfolgen, der zum Frieden führt.
Einige aus dem Volk des Herrn finden in sich selbst von Natur aus eine beträchtliche Kampflust, die dem Frieden abträglich ist. In der Tat erfordert es etwas von diesem Geist der Kampflust, um einen guten Kampf gegen die Welt, das Fleisch und den Widersacher zu kämpfen und „für den Glauben zu kämpfen“ [Jud. 3], so dass diejenigen, die von Natur aus kampflustig sind, sich ständig in irgendeiner Form in Gegensätzen zu anderen befinden. Sie sollten sich davon jedoch nicht entmutigen lassen, sondern daran denken, dass Kampflust ein wertvoller Diener und Soldat ist, wenn sie in die richtige Richtung gelenkt und ausgeübt wird. Ihr Einsatz gegenüber unseren Mitgeschöpfen muss durch Barmherzigkeit gemildert werden, durch die Erkenntnis unserer eigenen Unvollkommenheiten und der Unvollkommenheiten aller. Kampflust muss geschult werden, nach den Richtlinien der Liebe und Barmherzigkeit zu kämpfen – für die Wahrheit und für alle Diener und Werkzeuge der Wahrheit und gegen den Irrtum, aber nicht gegen die verblendeten und unwissenden Diener des Irrtums. Die Kampflust muss reichlich zu tun bekommen, indem sie gegen die Unvollkommenheiten und Schwächen unserer eigenen Natur kämpft, und wenn sie so mit dieser guten Arbeit beschäftigt ist, wird sie vergleichsweise wenig Zeit finden, andere anzugreifen: Und da sie die Schwierigkeiten erkennt, die mit der Überwindung des Ichs verbunden sind, wird sie umso größeres Mitgefühl für die Schwächen anderer haben.
DEN GROSSEN LOHN IM HIMMEL ERREICHEN
Der Segen, der durch Verfolgung kommt, ist die achte Seligpreisung. Erst wenn das Volk des Herrn einige dieser vorhergehenden Segnungen Seiner Gnade erfahren hat, erreicht es den Punkt, an dem es „sich auch der Trübsale rühmen“ [Röm. 5:3] kann, wie es der Apostel Paulus tat. Aber unser Herr unterscheidet sorgfältig zwischen verschiedenen Arten der Verfolgung und hebt die gesegnete Art von allen anderen Arten deutlich hervor. Wir sollen keine Verfolgung herausfordern, indem wir Fehler suchen, allgemein streitsüchtig sind und uns allem und jedem mit Kampflust entgegenstellen; ebenso wenig sollen wir Verfolgung durch Fanatismus herausfordern. Vielmehr sollen wir den „Geist eines gesunden Sinnes“ pflegen und allmählich lernen, was der gesunde Sinn des Herrn ist, wie er in der Heiligen Schrift offenbart ist. Selbst dann werden wir zweifellos von der Welt fälschlicherweise des „Fanatismus“ bezichtigt werden, weil die Weisheit Gottes bei den Menschen oft als Torheit angesehen wird, so wie die Weisheit der Menschen vom göttlichen Standpunkt aus oft Torheit ist.
Wann immer ein Weg fanatisch und unvernünftig erscheint, sollten wir zögern, ihn zu gehen, bis wir uns vergewissert haben, dass wir denselben Geist, dieselbe Lehre und dasselbe Beispiel in unserem Herrn und in den Aposteln finden: Dann können wir getrost vorangehen, ungeachtet dessen, was die Welt über unseren Weg sagen oder denken mag. Aus göttlicher Sicht ist es zum Beispiel Wahnsinn, wenn ein Mensch Tag und Nacht arbeitet, um Millionen anzuhäufen, um die sich seine Kinder nach seinem Tod streiten werden; aber aus menschlicher Sicht ist dies der vernünftige Weg. Aus göttlicher Sicht war es weise von den Aposteln, ihr Leben in den Dienst der Wahrheit zu stellen und irdische Interessen und Aussichten, Namen und Ruhm zu opfern, um schließlich eine bessere Auferstehung und ewige Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit zu erlangen; aber aus weltlicher Sicht war dies Torheit und Fanatismus.
Wenn Verfolgung über uns kommt, weil wir dem Herrn und den Aposteln folgen – ihren Lehren und ihrem Beispiel – und wenn wegen unserer Treue zu den Gelübden der Weihung für Seinen Dienst alle möglichen bösen Dinge fälschlicherweise gegen uns gesagt werden, dann können wir uns in der Tat freuen; denn so wurden auch die Propheten verfolgt, so wurde auch unser Herr verfolgt, so wurden auch die Apostel und alle Treuen seitdem verfolgt. Wenn wir somit in unseren Erfahrungen in guter Gesellschaft sind, wird dies für uns zu einem Zeugnis, dass wir in gleicher guter Gesellschaft sein werden an dem Tag, an dem der Herr Seine Juwelen sammeln wird [Mal. 3:17; KJV; hebr. shegullah -Strong: Juwel, besonderer Schatz, richtiges Gut, etwas Besonderes].
Alle, die solche Erfahrungen haben, können sich freuen, und wenn, wie die Worte des Herrn andeuten, wir umso mehr im Himmel belohnt werden, je mehr solche Erfahrungen wir machen, dann können wir uns umso mehr über diese Erfahrungen freuen. Und wenn wir keine solchen Erfahrungen haben, sollten wir gut auf uns selbst achten, damit dies nicht bedeutet, dass wir nicht treu auf dem „schmalen Weg“ der Selbstaufopferung wandeln – oder nicht mit aller Kraft tun, was unsere Hände zu tun finden, sondern unser Opfer zurückhalten. Sollte jemand so denken, so soll er sich nicht entmutigen lassen, sondern, mit den Worten des Propheten, „das Opfer bis an die Hörner des Altars binden“ mit frischen Stricken der Liebe und des Eifers und den Herrn bitten, das Opfer anzunehmen und Gelegenheiten zu schaffen, für Seine Sache und um des Herrn und der Wahrheit willen zu sein, zu wirken und zu leiden – Ps. 118:27.
Die prismatische Summe all dieser Gnaden ist Liebe; und diejenigen, die sie besitzen, sind liebenswert und werden nach und nach herrlich liebenswert gemacht werden, mit und wie der, „an dem alles lieblich“ ist. Unsere Berufung ist es, diese gesegneten Bedingungen im Königreich zu erreichen. R2585-2588