- JOH. 15:1-11, 15. -
Der Apostel gibt dies als eine der Reden unseres Herrn nach dem Gedächtnismahl am letzten Abend Seines irdischen Lebens wieder. Sie wurde wahrscheinlich durch das Trinken des „Kelches”, der das Blut des Neuen Bundes symbolisierte, angeregt und möglicherweise ausgesprochen, nachdem Judas gegangen war und bevor der Herr und die Elf nach Gethsemane gingen. Oder sie könnte durch die Weinberge angeregt worden sein, an denen sie auf ihrem Weg nach Gethsemane vorbeikamen. Oder möglicherweise wurde sie durch den großen goldenen Weinstock über dem Tor des Tempels (der „Schönen Pforte“) angeregt, der laut Josephus sehr groß war und „Trauben so lang wie ein Mann“ hatte. Ein anderer Schriftsteller sagt: „Die Blätter und Knospen waren aus glänzendem rötlichem Gold, aber die Trauben aus gelbem Gold und die Kerne aus Edelsteinen“. Der Vollmond würde diesen Weinstock besonders gut zur Geltung bringen. Die Aussage in Kap. 18:1: „Als Jesus dieses gesagt hatte, ging er mit seinen Jüngern hinaus“, scheint die erste Vermutung zu stützen. Diese Ansicht würde bedeuten, dass sie nach dem Abendmahl noch längere Zeit im Obergemach verweilten, wahrscheinlich bis kurz vor Mitternacht – nachdem unser Herr gesagt hatte: „Steht auf, lasst uns von hier weggehen!“ – Joh. 14:31.
„Ich bin der wahre Weinstock“ stellt einen Vergleich her und suggeriert dem Sinn eine gefälschte oder falsche Rebe; und dies erinnert uns an die Tatsache, dass unser Herr durch denselben Schreiber später erklärte, dass es zwei Ernten geben würde – eine Ernte der Früchte des wahren Weinstocks und anschließend eine Ernte der Trauben des „Weinstocks der Erde“ (Offb. 14:18-20). Wenn, wie wir sehen werden, der wahre Weinstock die wahre Kirche darstellt, dann stellt der Weinstock der Erde eine falsche Kirche dar, eine unwahre, unechte Kirche.
Der himmlische Vater ist der Weingärtner, der den wahren Weinstock gepflanzt hat, der ihn besitzt, der ihn pflegt, und Ihm bringt er seine Frucht. Das Wort „Weingärtner” bedeutet hier nicht nur Pfleger, sondern vielmehr den Besitzer des Weinbergs. Dies steht im Einklang mit allen Darstellungen der Heiligen Schrift: Gott wird darin als der Urheber der Hoffnung des Menschen, als Sein Erlöser dargestellt, durch den allein die Erlösung von Sünde und Tod kommt. Die Tatsache, dass Gott dies durch einen geehrten Vertreter und Stellvertreter, Seinen geliebten Sohn, vollbringt, und die weitere Tatsache, dass Er eine auserwählte Kirche als königliche Priesterschaft unter Seinem Sohn, dem ernannten Hohenpriester, einsetzen will, ändert nichts an der Tatsache, dass Er selbst die Quelle ist, aus der alles Gute und jede vollkommene Gabe kommt – 1. Kor. 8:6; Jak. 1:17.
„Jede Rebe an mir“ sollte nicht so verstanden werden, dass damit jeder nominelle Christ, jeder Bekenner oder sogar diejenigen gemeint sind, die den Tatsachen des Christentums nominell zustimmen und mit ihnen sympathisieren. Der „gerechtfertigte” Gläubige ist nur bereit, eine Rebe am Weinstock zu werden, aber sein Glaube und seine Rechtfertigung durch diesen Glauben machen ihn noch nicht zu einer Rebe. Die Reben sind nur diejenigen, die zuerst den Schritt der Rechtfertigung durch den Glauben getan haben und sich anschließend Gott als lebendige Opfer dargebracht haben und so durch die Weihung „auf Christus getauft” worden sind, indem sie „auf Seinen Tod getauft” sind.
Dieses Verfahren, durch das wir in die Gliedschaft in Christus (als Reben des Weinstocks) aufgenommen werden, wird vom Apostel in Röm. 6:3-5 deutlich zum Ausdruck gebracht. Es ist zu beachten, dass weder wir noch der Apostel hier das Untertauchen im Wasser zur Bedingung für den Eintritt in den Leib Christi machen (wie es unsere baptistischen Geschwister fälschlicherweise tun); sondern wir bestehen darauf, wie der Apostel darauf besteht, dass niemand in den Leib Christi eintritt, außer durch das Untertauchen seines Willens unter den Willen Christi – seine Weihung, um mit Ihm tot zu sein – eine Selbsthingabe als gerechtfertigte menschliche Wesen zum Tod und um fortan Neue Schöpfungen in Christus Jesus zu sein; unter Ihm und von Ihm kontrolliert, als ihrem Haupt oder Führer in allen Dingen.
Unter denen, die nun gemäß göttlicher Anordnung Reben am wahren Weinstock werden, gibt es zwei Klassen: fruchtbringende Reben und nicht fruchtbringende Reben, die als Triebe bezeichnet werden. Aber beide Gegebenheiten sind Entwicklungen: Jede Rebe beginnt als sehr kleiner Schössling; jede Rebe entwickelt Blätter; jede Rebe hat die gleichen Gelegenheiten, sich zu ernähren, nämlich durch den Saft aus dem Hauptstamm, Christus, und aus derselben Wurzel göttlicher Absicht und Verheißung. Alle Reben des Weinstocks neigen dazu, ihre Kraft für sich selbst zu verbrauchen – eher für das Bilden von Reben als für das Tragen von Früchten, und doch gibt es einen Unterschied. Weingärtner sagen uns, dass sie die Fruchtknospen an den richtigen Reben sehr früh erkennen können und dass die Triebe diese Fruchtknospen nicht haben.
Genauso ist es mit dem geweihten Volk des Herrn; Er erwartet von ihnen nicht sofort viele und schöne Früchte, aber Er sucht nach Knospen oder Beweisen für Bemühungen in Richtung Fruchtbarkeit; und diese Fruchtknospen werden sich frühzeitig bei denen zeigen, die richtige Reben des wahren Weinstocks sind. Und diejenigen, die keinen Wunsch zeigen, durch ihren Dienst für den Herrn und Seine Sache Früchte zur Ehre des Herrn hervorzubringen, sondern im Gegenteil das Wissen und die Segnungen, die sie durch die Vereinigung mit Christus erlangt haben, nur dazu benutzen, sich vor den Menschen zu profilieren und sich im Auge der Welt schön zu zeigen, werden als unwürdig erachtet, zu bleiben, und werden abgeschnitten, weggenommen – sie hören auf, in irgendeinem Sinne des Wortes als Reben anerkannt zu sein. Sie mögen ihre Frische, ihre grünen Blätter usw. noch eine ganze Weile nach ihrer Ablehnung durch den Herrn behalten, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie jeden Beweis ihrer Treue verlieren – sie verdorren. Auch die Tatsache, dass sie einmal Weinreben waren, nützt ihnen nichts mehr, nachdem sie aufgehört haben, Weinreben zu sein, denn das Holz des Weinstocks hat keinen praktischen Wert. Sie werden verbrannt, vernichtet.
Aber so wie selbst die besten Reben am Weinstock, deren Früchte zu erkennen sind, beschnitten werden müssen, so bedürfen selbst die ehrlichsten und ernsthaftesten Angehörigen des Volkes des Herrn der Züchtigung und Fürsorge durch die Vorsehung - anderenfalls könnten sie bald ins Kraut schießen und wenig Früchte bringen. Der Weingärtner erkennt, wie viel von den Reben, Trieben und Blättern notwendig sind, damit die Früchte, die er anstrebt, entstehen und richtig reifen können. Ebenso kennt unser himmlischer Vater genau die Bedingungen usw., die für uns am günstigsten sind, damit wir viele gute Früchte hervorbringen können. Er sieht die Schösslinge unserer Bestrebungen in verschiedene Richtungen und weiß, anders als wir, wohin diese uns führen könnten; und durch Seine Vorsehung erstickt Er viele unserer Vorhaben im Keim, weil Er es für besser hält, dass die Kraft und Energie, die wir damit aufwenden wollen, lieber in andere Richtungen fließt – nämlich in die Reifung unserer guten Früchte, die bereits entstanden sind und sich entwickeln.
Das wahre Kind Gottes, dessen Wille ganz in den Willen des Herrn eingetaucht ist, fühlt sich durch dieses Beschneiden weder verletzt noch entmutigt. Es hat wenigstens etwas aus seiner eigenen Unklugheit gelernt und hat Vertrauen in die Weisheit des großen Weingärtners. Wenn daher die göttliche Vorsehung seine Bemühungen in einer bestimmten Richtung behindert, nimmt es freudig hin, dass seine Pläne durchkreuzt wurden und ist überzeugt davon, dass der Wille und der Weg des Herrn das Beste für ihn sind und ein Segen daraus hervorgehen wird [Manna vom 20. Juli, Hervorhebung von uns].
Als Repräsentant des Vaters hatte Jesus die ersten Reben des Weinstocks bewahrt. Er hatte sie durch Seine Zurechtweisungen und Ratschläge gereinigt oder beschnitten, sodass Er jetzt, am Ende Seines dreieinhalbjährigen Wirkens, sagen konnte: „Ihr seid schon rein um des Wortes (der Lehre) willen, das ich zu euch geredet habe“. Und wie Er erneut in Seinem Gebet zum Vater sagte: „Ich bewahrte (als Reben, Jünger, Glieder) sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast; und keiner von ihnen ist verloren, als nur des Sohn des Verderbens“. Aber von nun an, wie dasselbe Gebet die Angelegenheit zum Ausdruck brachte, würde das Beschneiden und die Pflege der Reben nicht mehr von unserem Herrn Jesus auf dieselbe Weise erfolgen, sondern durch das Wirken des Heiligen Geistes – des Geistes des Vaters und des Sohnes.
Aber es reicht nicht aus, dass wir zuerst gerechtfertigt und dann durch eine Weihung an den Herrn geheiligt werden; es reicht auch nicht aus, dass wir in den Leib Christi kommen und Reben am Weinstocks werden. Es ist gut, ein kleiner Schössling zu sein, es ist gut, Knospen der Verheißung zu haben, es ist gut, als Rebe zu wachsen und Ranken zu bilden, aber wie groß oder klein die Rebe auch sein mag, wie alt oder jung, wir müssen daran denken, dass der Saft, der die Frucht hervorbringt, nur durch die fortwährende Verbindung mit dem Weinstock und seiner Wurzel der Verheißung gewonnen werden kann. Wenn wir jemals getrennt werden, müssen alle Hoffnungen verdorren. Nur wenn wir in Christus sind und durch Ihn Erben Gottes, haben wir Anteil oder viel in dieser Angelegenheit; und nur so können wir die Früchte hervorbringen, die der große Weingärtner sucht. Es wäre töricht, wenn die Rebe sagen würde: Ich musste zuerst mit Christus, dem Weinstock, vereint sein, aber jetzt kann ich alleinstehen. Wer allein steht, wer vom Weinstock und von den anderen Reben getrennt ist, wird schnell verdorren; und wer am Weinstock bleibt, muss dem Weinstock treu bleiben und mit allen anderen wahren Reben desselben Weinstocks eins sein. Und hier sehen wir, wie wichtig es ist, am wahren Weinstock zu sein und mit den wahren Reben eins zu sein.
Der falsche Gedanke zu diesem Thema vom Weinstock und den Reben wird häufig von unseren Freunden verschiedener Denominationen geäußert, die behaupten, dass die Reben des Weinstocks die verschiedenen Denominationen der Christen seien. Dies führt zu einem schwerwiegenden Irrtum, nämlich dass es die Pflicht jedes einzelnen Christen sei, in die Mitgliedschaft einer dieser Reben zu gelangen – beispielsweise der presbyterianischen Rebe, der methodistischen Rebe, der lutherischen Rebe, der römisch-katholischen Rebe oder der griechisch-katholischen Rebe. Der richtige Gedanke ist dagegen, dass jeder einzelne Christ, indem er sich dem Herrn weiht, eine einzelne Rebe am wahren Weinstock wird: und seine Arbeit soll fortan nicht darin bestehen, konfessionelle und sektiererische Früchte hervorzubringen, sondern die Früchte oder Gnaden des Geistes Gottes in seinem eigenen Charakter und Leben hervorzubringen.
Ein Schriftsteller, der diesen falschen Gedanken in Bezug auf die Reben weiterführt, sagt: „Gott möchte keine fruchtlosen Kirchen, die groß und wohlhabend sind; er lässt sie verdorren. Die Kirchen, die Christus am nächsten bleiben, werden am schnellsten wachsen“. Es dürfte niemandem schwerfallen, den Trugschluss dieser Argumentation zu erkennen. Wäre dies die richtige Sichtweise, würde dies bedeuten, dass die Kirchenorganisationen, die zahlenmäßig am größten und in Bezug auf Reichtum und Ehre unter den Menschen am wohlhabendsten sind, diejenigen sind, die die meiste Wahrheit besitzen und am direktesten den Saft des Heiligen Geistes vom Herrn empfangen. Aber sehen wir einmal: Unter den Christen würde dies den römischen Katholizismus als den heiligsten und besten und dem Herrn am nächsten stehenden darstellen; der griechisch-katholische Glaube würde den zweiten Platz beanspruchen, der Methodismus den dritten und so weiter. Intelligente Menschen brauchen kaum auf die Irrtümer einer solchen Interpretation hingewiesen zu werden.
Was jedoch auf Denominationen als Reben angewendet unpassend ist, ist völlig logisch und in Übereinstimmung mit den Tatsachen, wenn es auf den einzelnen Christen und sein geistliches Leben angewendet wird. Diejenigen, die in Glauben und Vertrauen und Weihung an Seinen Dienst in Christus bleiben – daran, die Früchte hervorzubringen, die dem großen Weingärtner gefallen – befinden sich zwar auf einem schmalen Weg, oft von der Vorsehung eingegrenzt, und ihre Bemühungen in verschiedene Richtungen werden verändert oder vielmehr ihre Absichten vereitelt; aber sie stellen als Ergebnis all dieser Erfahrungen, die sie richtig aufgenommen haben, fest, dass sie in der Gnade wachsen – in der Erkenntnis und Liebe Gottes, den Früchten des Geistes (Röm. 8:28).
Die enge Verbindung zwischen dem Weinstock und den Reben wird uns durch die Worte unseres Herrn bewusst: „Wer in mir bleibt und ich in ihm“. Der Weinstock und seine Reben sind so eins, dass wir, wo immer wir eine Rebe berühren, den Weinstock selbst berühren. Es ist ein einziger Weinstock, der aus Reben besteht, und so ist auch der Leib Christi ein einziger Leib, der aus vielen Gliedern besteht. Wo immer ein Glied oder eine Rebe des Leibes Christi zu finden ist, sind auch alle verschiedenen Eigenschaften Christi selbst zu finden – im Geist, in der Absicht, als „Neue Schöpfung“. Diese Einheit in Christus ist das Geheimnis der Kraft und der Fruchtbarkeit und der Annehmbarkeit der Zweige für den Vater, den Weingärtner.
„Getrennt von mir könnt ihr nichts tun“ [Vers 5] ist eine Aussage, die es verdient, tief in das Herz jedes wahrhaft geweihten Glieds des Leibes Christi eingraviert zu werden. Aber in Christus zu bleiben bedeutet, sich dem Willen des großen Weingärtners unterzuordnen und sich freudig und sanftmütig allen Beschneidungen zu unterwerfen, die Seine Weisheit für das Beste hält. In Bezug auf diese Notwendigkeit der Beschneidung und Erziehung hat der berühmte Theologe Trench treffend gesagt:
„Genauso verhält es sich mit Gott und einigen Seiner auserwählten Diener. Menschen, die ihre Gnaden sehen, die die Gnaden gewöhnlicher Menschen bei weitem übertreffen, fragen sich manchmal, warum sie noch leiden müssen, warum sie scheinbar immer wieder von einer Prüfung in die nächste fallen. Aber Er sieht in ihnen – was kein anderes Auge sehen kann – die Gnade, die noch gnädiger werden kann; und in Seiner weitsichtigen Liebe zu den Seinen, die Ihn nicht nur einen Tag, sondern für alle Ewigkeit preisen werden, lässt Er nicht zu, dass sie vor dem Besten, wozu sie fähig sind, stehen bleiben. Sie sind fruchtbare Reben, und gerade weil sie solche sind, beschneidet Er sie, damit sie mehr Frucht bringen können.“
In Anspielung auf die Tatsache, dass ein Weinstock oder Baum manchmal mehr Früchte hervorbringt, als er zur Vollendung bringen kann, und in Anlehnung an die christliche Erfahrung und Bemühungen, schlägt ein anderer Autor (H. L. Hastings) vor:
„Der beste Weg ist, den Baum zu schütteln und ihn von überflüssigen Früchten zu befreien. Beschneiden, stutzen, schneiden, pflücken und reduzieren der Früchte, bis sie überschaubar sind und der Baum ihre Last tragen kann, und lasst dann jeden Zweig mit Früchten beladen, die zur Vollendung kommen, aber nicht mit Früchten überladen, die niemals ihre volle Entwicklung erreichen werden."
Dies ist ein sehr richtiger Gedanke, wenn es um die Früchte der Bemühungen geht, die im Dienst des Herrn zugunsten anderer unternommen werden; denn viele verschwenden ihre Bemühungen, weil sie sie nicht ausreichend auf das Wesentliche konzentrieren.
Der talentierte Apostel Paulus gibt sein Zeugnis darüber, wie weise es ist, einige unserer Pläne, Anordnungen und Bemühungen, für die wir wenig Talent haben, abzuschütteln und unsere Anstrengungen auf diejenigen zu konzentrieren, die wir am besten zur Vollendung und Reife bringen können, indem er sagt: „Eins aber tue ich“ (Phil. 3:13). Die einzige Aufgabe des Apostels im Leben bestand darin, soweit es ihm möglich war, für den Herrn persönlich annehmbar zu sein und mit aller Kraft anderen zu helfen, denselben Zustand zu erreichen. Aber die Fruchtbarkeit der Werke für andere verstehen wir nicht als den Hauptgedanken dieser Lektion. Der erste Gedanke ist, dass wir die Früchte des Geistes des Herrn in unseren eigenen Herzen haben sollten, die Gnaden des Geistes wohl entwickelt. Dies setzt jedoch Aktivität und Selbstaufopferung im Dienst des Herrn voraus, denn nur so können durch die Anordnung des Herrn unsere persönlichen Früchte und Gnaden zur Reife gebracht werden.
Unser Herr gibt uns zu verstehen, dass das Wachsen vieler Früchte nicht gänzlich von uns selbst abhängt, sondern dass selbst wenn wir als fruchtbringende Zweige in Ihm bleiben, die Qualität und Quantität der Früchte dadurch verbessert werden, dass wir die richtigen Ideale vor Augen haben und ernsthaft nach ihrer Verwirklichung streben. So sagt er: „Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, so werdet ihr bitten was ihr wollt, und es wird euch geschehen“ [Vers 7]. Der Hinweis ist, dass das Verlangen und das Bitten des Vaters am Thron der himmlischen Gnade ein Mittel ist, durch das wir mehr und mehr den Saft des Weinstocks, den Heiligen Geist, empfangen und die Früchte des Geistes entwickeln können. Es wird bemerkt werden, dass hier nichts das Suchen oder Finden irdischer Güter andeutet. Diese sind ganz der Weisheit und Vorsehung des Herrn überlassen, und Sein Volk, die wahren Reben des Weinstocks, sollen nach dem Heiligen Geist verlangen und ihn suchen, den der Vater ihnen mehr geben will, als irdische Eltern ihren Kindern gute Gaben geben wollen – Lk. 11:13.
Übrigens weist der Herr hier Seine wahren Reben oder Jünger auf den Wert der Heiligen Schrift hin, wenn Er sagt: „Wenn … meine Worte in euch bleiben“. Es ist nicht nur notwendig und richtig, dass wir Gottes Gnade suchen, sondern es ist ebenso richtig, dass wir uns der göttlichen Offenbarung bedienen, was der gute, annehmbare und vollkommene Wille Gottes, unseres Vaters, des Weingärtners des Weinstockes, ist. Daher wird man feststellen, dass diejenigen, die viel und gute Frucht bringen, nicht nur durch den Glauben gerechtfertigt und durch die Weihung geheiligt und somit in die Gliedschaft des wahren Weinstocks aufgenommen worden sind, sondern dass sie darüber hinaus danach streben, Frucht zu bringen - danach streben, im Weinstock zu bleiben und alle Eigenschaften des Weinstocks zu haben, Gnade zu suchen, die ihnen in jeder Not hilft, und nicht nur den Saft zu nutzen, der durch die Wurzeln fließt, sondern auch das Licht der Wahrheit und Gnade, das durch das Wort des Herrn auf sie scheint. Und nur wenn wir diese Bedingungen erfüllen, können wir Fruchtbringer sein, und nur wenn wir Fruchtbringer sind, können wir bis zum Ende Jünger des Herrn sein; denn wir müssen daran denken, dass die Kirche der heutigen Zeit nur eine Kirche auf Bewährung ist, eine Schar von Menschen, die Loyalität, Liebe und Gehorsam bekundet haben. Der Herr wird Prüfungen bringen, um die Aufrichtigkeit ihres Bekenntnisses zu prüfen, und nur diejenigen, die die Aufrichtigkeit ihres Bekenntnisses beweisen, werden als Glieder der verherrlichten Kirche angenommen werden, die durch den goldenen Weinstock an der schönen Pforte des Tempels symbolisiert wird.
Unser Herr möchte, dass alle wahren Reben Seine Liebe, Sein Interesse, Seine Fürsorge für sie erkennen, Seinen Wunsch, dass sie ihre Berufung und Erwählung durch die Erfüllung der Bedingungen der Gliedschaft am Weinstock festigen mögen: Deshalb versichert Er ihnen Seine Liebe in den stärksten Worten, die Er finden kann. Er sagt ihnen, dass Seine Liebe zu ihnen dieselbe ist wie die Liebe des Vaters zu Ihm. Selbst mit all den verschiedenen Beweisen für die Wahrhaftigkeit dieser Aussage, die durch die „überaus großen und kostbaren Verheißungen” des Wortes des Herrn bestätigt werden, ist sie für uns viel zu wunderbar, um sie vollständig zu begreifen. Wir können leicht erkennen, wie und warum unser Herr Jesus vom Vater so sehr geliebt und Sein geliebter Sohn genannt wurde, aber es verwundert uns, dass dieselbe Liebe von unserem Herrn auch uns gegenüber ausgeübt wird. „Seht, welche Liebe uns der Vater gegeben hat, dass wir Kinder Gottes heißen sollen“; denn unser Herr Jesus hat die Liebe des Vaters zum Ausdruck gebracht und vollends offenbart – 1. Joh. 3:1; Joh. 14:7.
Aber dann kommt eine Einschränkung, nämlich, dass diese innige Liebe nur für die „Kleine Herde” gilt. Es stimmt zwar, dass „Gott die Welt so sehr geliebt hat” und dass auch unser Herr Jesus die Welt geliebt hat, im Sinne von mitfühlender Liebe und dem Wunsch, ihr Gutes zu tun. Aber die Liebe, von der der Herr hier spricht, ist eine andere. Sie gilt nur denen, die sich Ihm ganz geweiht haben – ja, diese Weihung ist das Geheimnis Seiner besonderen Liebe. Der Vater liebte den eingeborenen Sohn, weil Er voller Glauben, Vertrauen und Gehorsam war – „bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz“. Und ebenso erstreckt sich dieselbe Liebe auf die gerechtfertigten Menschen, die, erfüllt vom Geist des Meisters, in Seinen Fußstapfen wandeln, ihr Kreuz auf sich nehmen und Ihm nachfolgen wollen. Gottes Liebe, die gleiche Liebe, die unserem lieben Erlöser entgegengebracht wurde, gilt allen solchen Menschen; und die Liebe des Erlösers gilt ihnen; und die gute Botschaft kommt zu ihnen: „Alles ist euer, ihr aber seid Christi, Christus aber ist Gottes“. „Wer wird gegen Gottes Auserwählte Anklage erheben? Gott ist es, der rechtfertigt ...Christus ist es, der gestorben ist“ – 1. Kor. 3:22, 23; Röm. 8:33, 34.
Da diese besondere Liebe jedoch auf die Weihung und den Gehorsam dieser Klasse ausgerichtet ist, hängt sie auch von der Aufrechterhaltung dieses Geistes der Weihung und des Gehorsams ab. Wenn ihre liebevolle Hingabe erkaltet und sie von Selbstliebe und dem Geist der Welt erfüllt werden, betrügen sie in gleichem Maße den Heiligen Geist – sie wenden sich von dieser besonderen Liebe des Herrn ab: Daher die Aufforderung unseres Herrn: „Bleibt in meiner Liebe!“ [Vers 9]. Diese Worte zeigen, dass es uns möglich ist, die Liebe des Herrn zu verlieren und verworfen zu werden – dass wir es versäumen, unsere Berufung und Erwählung zu den überaus großen Dingen, die Gott für diejenigen bereithält, die Ihn mit dieser höchsten Liebe lieben, sicher zu machen – 2. Petr. 1:4-11; 1. Kor. 9:27.
Es ist wichtig, dass wir uns vor Augen halten, dass sich wahre Liebe unsererseits in Gehorsam manifestiert und dass Ungehorsam daher aus der Sicht des Herrn ein Beweis für den Verlust der Liebe ist; und wir müssen alle zustimmen, dass dies ein vernünftiger Standpunkt für ein Urteil ist. Manche mögen sagen: Was wäre, wenn wir aus Unwissenheit ungehorsam wären? Wir antworten darauf, dass der Herr Vorkehrungen gegen unsere Unwissenheit getroffen hat: Erstens hat Er uns das Wort der Wahrheit gegeben, „damit der Mensch Gottes vollkommen (vollkommen unterrichtet) sei, zu jedem guten Werk völlig geschickt“, und zweitens hat Er verheißen, uns im Geist der Heiligkeit und im Verständnis Seines Wortes solche Hilfe zu geben, die uns befähigt, das zu tun, was in Seinen Augen wohlgefällig ist (2. Tim. 3:17; Joh. 16:13). So ist Nachlässigkeit gegenüber dem Wort des Herrn ein Beweis für mangelnde Liebe. Unser Herr weist darauf hin, dass Sein Verbleiben in der Liebe des Vaters als der geliebte Sohn, mit allem, was dies beinhaltet, auf Seinen Gehorsam gegenüber dem Willen des Vaters zurückzuführen ist, und dass Er, derselben Linie folgend, von uns verlangen muss, dass wir Ihm gehorsam sind, wenn wir in Seiner Liebe bleiben und an Seinem Thron und Seiner Herrlichkeit teilhaben wollen.
„Dies habe ich zu euch geredet, damit meine Freude in euch sei und eure Freude völlig werde“ [Vers 11]. Die Anweisungen und Gebote unseres Herrn sollen uns weder erschrecken noch uns das Glück nehmen. Im Gegenteil, wie die fruchtbarsten Reben wohl wissen, ist der Gehorsam gegenüber den Worten des Herrn und das dadurch gewonnene Vorrecht, in Ihm und Seiner Liebe zu bleiben, die größte Freude – eine Freude, die alle belanglosen Vergnügungen, die die Welt zu bieten hat, bei weitem überwiegt. Es ist die Freude und der Friede, die alle Vernunft übersteigt, die im Herzen herrscht und die die Verheißung, die Gewissheit nicht nur des gegenwärtigen, sondern auch des zukünftigen Lebens mit sich bringt.
R2464-2466