Phil. 2:1-11.
Die Ermahnungen dieser Lektion sind dem Brief des Apostels an die Kirche in Philippi entnommen. Man wird sich erinnern, dass diese Kirche die erste war, die in Europa gegründet wurde: Die Einzelheiten über ihre bescheidenen Anfänge wurden in unseren Lektionen vom 4. [R2175] und 11. Juli [R2181] erwähnt. In Bezug auf die Bescheidenheit ihrer Anfänge sagt Dr. McLaren in seinem Kommentar zu der Erzählung, wie der Apostel und seine Begleiter außerhalb der Stadt am Flussufer einen Ort zum Gebet fanden und „zu den Frauen redeten, die zusammengekommen waren“ [Apg. 16:13]:
„Kein Trompeten, kein Trommeln. Nur ein paar Frauen und einige erschöpfte Reisende unterhielten sich am Ufer des strömenden Flusses. Wie verächtlich hätten die großen Leute von Philippi gelächelt, wenn man ihnen gesagt hätte, dass der wichtigste Grund, warum ihre Stadt überhaupt in Erinnerung bleiben würde, die Anwesenheit dieses einen unbedeutenden Juden und sein Brief an die an diesem Morgen gegründete Kirche sein würde!“
Der Apostel enthüllt indirekt etwas über den allgemeinen Charakter der Kirche in Philippi in dem an sie gerichteten Brief. Wir finden darin nichts, was einer Zurechtweisung oder Aufforderung zur Besserung gleicht, wie wir es in den meisten Briefen desselben Apostels an andere Kirchen finden. Es ist ein besonders schöner und liebevoller Brief, der auf eine sehr enge, mitfühlende Verbindung zwischen dem Apostel und dieser Kirche im Besonderen hindeutet. Darüber hinaus hat diese Kirche dem Apostel, soweit wir wissen, bei vier unterschiedlichen Gelegenheiten praktische Sympathie durch finanzielle Unterstützung sowie durch Worte des Trostes und der Ermutigung erwiesen. Während seines Aufenthalts in Thessalonich erhielt er zweimal Spenden zu seiner Unterstützung; auch während seines Aufenthalts in Korinth dienten sie ihm, und als er in Rom gefangen war, vergaßen sie ihn nicht. Es war ihr Bote Epaphroditus, der dieses letzte Zeichen ihrer Liebe brachte, der „krank, dem Tode nahe“ war – wahrscheinlich durch Malariafieber geschwächt. Nach seiner Genesung sandte der Apostel Paulus mit ihm diesen schönen Brief zurück, der uns als der Brief an die Philipper bekannt ist (Phil. 2:25-28; 4:14-19; 2. Kor. 11:9). Die anderen Kirchen haben möglicherweise auch dem Apostel gedient, aber wenn dem so ist, ist dies nicht aufgezeichnet; offenbar haben sie eine große Gelegenheit verpasst, und wir können sicher sein, dass der Apostel sie zwar dringend bat, während einer Hungersnot zur Linderung der Not der Brüder in Jerusalem beizutragen, aber keine persönliche Hilfe verlangte, wie sehr er auch in Not gewesen sein mag und wie sehr er auch kleine Zeichen ihrer Liebe zu ihm und zu der Sache, der er diente, geschätzt hätte.
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Die Lektion, die uns hier in Bezug auf christliche Demut vor Augen steht, bedeutet nicht, dass diese Gnade unter den Philippern fehlte, sondern dass der Apostel sie als eine der wichtigsten Gnaden überhaupt erkannte, die ständig gepflegt werden muss, um in der Nachfolge Christi weiter zu wachsen. Die einleitenden Worte dieser Lektion sind eine Ermahnung zur brüderlichen Liebe und Zuneigung untereinander. Er sagt: „Wenn es nun irgendeine Ermunterung gibt in Christus, wenn irgendeinen Trost der Liebe, wenn irgendeine Gemeinschaft des Geistes, wenn irgend innerliche Gefühle und Erbarmungen“ [Vers 1] – als wolle er sie auf die Probe stellen, ob jemand leugnen würde, dass diese Gnaden allen gehören, die als Neue Schöpfungen in Christus gekommen sind. Dann, als hätten sie seinem Vorschlag zugestimmt und eingeräumt, dass es in Christus Trost, Liebe, Gemeinschaft, Mitgefühl und Trost füreinander gibt, fügt er hinzu: „So erfüllt meine Freude, dass ihr einerlei gesinnt seid, dieselbe Liebe habend, einmütig, eines Sinnes“ [Vers 2] – indem ihr einander liebt, mitfühlend und einig seid und einen Sinn oder Ziel oder Willen als Kirche habt, den Willen des Herrn. Wie großartig ist dieser Ausdruck, dass seine Freude allein dadurch erfüllt würde, dass er um ihre Sympathie und Liebe für ihn wüsste, nicht durch ihre Bekenntnisse der Liebe zum Herrn, sondern dadurch, dass er wüsste, dass sie einander liebten, mitfühlten und trösteten, in der richtigen Gemeinschaft der Glieder des Leibes Christi! Das würde seine Freude mehr erfüllen als alles andere, was er über sie wissen könnte. Ebenso können wir sicher sein, dass dieselben Umstände in den Augen unseres Herrn und Erlösers am angenehmsten und annehmbarsten wären. Der Apostel Johannes hatte denselben Gedanken bezüglich der brüderlichen Liebe in der Kirche als Zeichen ihrer Frömmigkeit, als er sagte: „Wer seinen Bruder nicht liebt, den er gesehen hat, wie kann der Gott lieben, den er nicht gesehen hat?“ – 1. Joh. 4:20.
Zu diesem Zweck – damit ein solcher Geist vollkommener Einheit und Gemeinschaft unter den Gläubigen in Philippi herrschen möge – ermahnt Paulus, dass alle die Gnade der Demut pflegen und in jeder Angelegenheit darauf achten sollen, „nichts aus Streitsucht oder eitler Ruhmsucht“ zu tun, und dass Eigenlob und Bestrebungen, andere zu überragen, völlig beseitigt werden müssen, da sie die größten Feinde des Geistes des Herrn und der Segnung der Kirche sind. Im Gegenteil, jeder sollte eine bescheidene Gesinnung haben, damit er die guten Eigenschaften seiner Mitbrüder wahrnehmen und wenigstens einige von ihnen als seine eigenen übertreffend schätzen kann. Bescheidenheit der Gesinnung bedeutet nicht unbedingt, dass die Talente oder Fähigkeiten, die wir selbst besitzen mögen, ignorieren, sondern dass wir, solange die Kirche sich in ihrem gegenwärtigen unvollkommenen Zustand befindet, niemals erwarten dürfen, die Vollkommenheit aller Tugenden, alle Talente und Fähigkeiten in einer einzelnen Person in einer Versammlung vorzufinden. So kann also jeder, der bescheiden gesonnen ist, bei anderen bestimmte gute Eigenschaften oder Gnaden, die seine eigenen übertreffen, wahrnehmen. Und es sollte ihm Freude machen, sie anzuerkennen und ihren Besitzer dementsprechend zu achten [Manna vom 27. Mai, Hervorhebung von uns].
Wenn jeder nur auf seine eigenen Angelegenheiten, Interessen, sein Wohlergehen oder seine Talente achtet und diese bei anderen ignoriert, würde dies eine allgemeine Selbstsucht und folglich einen Mangel des Geistes Christi offenbaren, der ein Geist der Liebe und Großzügigkeit ist. Je mehr wir vom Heiligen Geist, der Liebe, erfüllt sind, desto mehr werden wir uns für das Wohlergehen anderer interessieren. Das war der Sinn, die Gesinnung oder der Geist, der in unserem lieben Erlöser war – den Er so wunderbar offenbarte und den wir in unserem Charakter nachahmen und entwickeln müssen, wenn wir letztlich zu der „Kleinen Herde“ gehören wollen, die Miterben Christi in Seiner Herrlichkeit sein werden; von denen Gott vorherbestimmt hat, dass sie, um bei Ihm angenommen zu werden, „dem Bild seines Sohnes gleichförmig sein“ müssen (Röm. 8:29).
Damit wir zumindest teilweise erkennen können, wie unser Herr Jesus diesen Geist der Demut vorgelebt hat, fasst der Apostel in wenigen Worten die Geschichte Seiner Erniedrigung zusammen und wie sie zu Seiner gegenwärtigen Erhöhung geführt hat [Verse 5-11]. Er weist uns darauf hin, dass unser Herr Jesus, als Er noch ein Geistwesen war, bevor Er sich erniedrigte, um unsere Natur anzunehmen und die Strafe für unsere Sünden zu tragen, „in Gestalt Gottes“ [Vers 6, griech. morphe – eigentlich Form, äußerer Ausdruck des inneren Wesens] war – eine Geistform, ein hoher und herrlicher Zustand. Aber anstatt sich selbstsüchtig dazu hinreißen zu lassen, nach Höherem zu streben, als Gott Ihm gegeben hatte – anstatt wie Satan ein rivalisierendes Reich errichten zu wollen, meditierte Er nicht darüber, Gott zu berauben, um Ihm gleich zu sein (Satans Weg), indem er sagte: „Ich will … über die Sterne (die Strahlenden, die Engelscharen) erhöhen, … dem Allerhöchsten gleich sein (seinesgleichen sein, Sein Gleichgestellter)“ [Jes. 14:13, 14]. Ganz im Gegensatz dazu war unser Herr Jesus, „der Anfang der Schöpfung Gottes“ [Offb. 3:14], in Übereinstimmung mit dem Plan des Vaters bereit, sich zu demütigen, eine niedrigere Natur anzunehmen und ein Werk zu vollbringen, das nicht nur eine große Erniedrigung, sondern auch große Schmerzen und Leiden mit sich brachte. Der Apostel weist darauf hin, wie der „eingeborene Sohn“ Seine Bereitschaft und Demut bewies, indem Er sich dieser Anordnung fügte; und dass Er, nachdem Er Mensch geworden war, denselben demütigen Geist beibehielt und bereit war, den göttlichen Plan bis ins kleinste Detail auszuführen, indem Er als Lösegeld für die Menschen starb; und nicht nur das, als es dem Vater gefiel, zu verlangen, dass der Tod in jeder Hinsicht höchst schmachvoll sein sollte, vielleicht sogar über die Anforderungen des Lösegeldes hinaus, schreckte Er nicht zurück, sondern sagte: „Nicht mein Wille, sondern der deine geschehe“ [Lk. 22:42], und erniedrigte sich sogar bis zum schändlichen „Tod am Kreuz“.
Hier haben wir, wie der Apostel betont, den wunderbarsten Beweis für Demut, Sanftmut und Gehorsam gegenüber Gott, der je offenbart wurde oder den man sich vorstellen kann. Und dies ist das Vorbild, das wir dem Apostel zufolge nachahmen sollen. „Diese (demütige) Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus war“ [Vers 5].
Aufgrund dieser Demut, die Ihn zu vollkommenem Gehorsam befähigte, hat der himmlische Vater unseren lieben Erlöser so hoch geehrt, dass Er Ihn von den Toten auferweckt hat zur göttlichen Natur, zu einer Stellung weit über Engeln, Fürstentümern und Mächten und jedem Namen, der genannt wird. Dass dies sein Argument ist, zeigt sich (in Vers 9) durch das Wort „darum“, d.h. aus diesem Grund, wegen dieser gerade beschriebenen Demut hat Gott Ihn hoch erhöht.
Die edle und vollkommene Demut und gehorsame Unterordnung unseres Herrn bewiesen nicht nur, dass er dem himmlischen Vater zutiefst treu ergeben war, sondern auch, dass der Geist des Vaters, die Liebe, in Ihm reichlich wohnte, denn Er teilte die Liebe des Vaters für das Geschlecht, das Er erlöste. Aus diesem Grund wurde Er auch für würdig befunden, der göttliche Vertreter zu sein, der alle Familien der Erde segnet, gemäß den Bedingungen des göttlichen Bundes, der mit dem Vater Abraham geschlossen wurde. So ist Er das Haupt des „Samens Abrahams“ geworden, der das erlöste Geschlecht segnen soll; und daher wird sich jedes Knie vor Ihm beugen und jede Zunge Ihn bekennen, wenn Jehovas „rechte Zeit“ gekommen ist, um göttliche Segnungen über die erlöste Welt auszugießen – damit alle zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen und, wenn sie wollen, in volle Übereinstimmung mit Gott und zum ewigen Leben kommen.
Der Apostel hält uns nicht nur den Herrn Jesus als das große Vorbild für wahre Demut, Selbstverleugnung und Gehorsam gegenüber Gott zum Wohle anderer vor Augen, sondern auch den Lohn, die hohe Erhöhung unseres Herrn durch den Vater, das Ergebnis oder den Lohn Seines Gehorsams, damit auch wir ermutigt werden und erkennen, dass wenn wir treu in den Fußstapfen unseres Erlösers wandeln und die Vorteile der Gegenwart opfern, um dem Herrn und Seiner Sache zu dienen, dann können auch wir in der rechten Zeit erwarten, mit Ihm verherrlicht zu werden und an Seinem Namen, Seinem Thron und Seinem Werk teilzuhaben, als Glieder Seines gesalbten Leibes, Seiner Kirche, als Seine Miterben.
In den folgenden Versen (12-16) würdigt der Apostel die Gemeinde in Philippi auf wunderschöne Weise und fordert sie gleichzeitig auf, weiterhin voranzuschreiten und auf dem Weg des Wettlaufs, den sie bereits begonnen haben, immer mehr Fortschritte zu machen, indem sie in Demut und Gehorsam mit Furcht und Zittern den Charakter und die Gesinnung Christi in sich ausbilden und so jeder seinen Teil an der großen Erlösung zu Herrlichkeit, Ehre und Unsterblichkeit, die Gott verheißen hat, erwirbt.
Wir können unsere Rechtfertigung nicht selbst erbringen; aber da wir durch das Blut Christi gerechtfertigt und zu der himmlischen Berufung berufen sind, können wir unsere Berufung und Erwählung festmachen, wir können unseren Anteil an der großen Erlösung, zu der wir in Christus berufen sind, erbringen, indem wir auf die Weisungen des Herrn achten und dem Vorbild folgen, das Er uns gegeben hat. Nicht, dass wir Vollkommenheit im Fleisch erlangen werden, sondern lediglich Vollkommenheit des Willens, der Absicht, des Herzens; und indem wir den Leib im Rahmen unserer Fähigkeiten unterwerfen, werden seine Schwächen und Unvollkommenheiten als durch den Verdienst unseres Herrn, des Heiligen, bedeckt angesehen werden.
Es ist für uns auch ermutigend zu wissen, dass dieser Kampf nicht nur unser eigener Kampf gegen Schwäche und Sünde ist, sondern dass Gott für uns ist, uns berufen hat und uns hilft. Er wirkt bereits in uns durch Sein Wort der Verheißung und hat uns bisher im Wollen und Tun Seines Willens, Seines Wohlgefallens, geführt; und Er wird uns weiterhin führen und helfen und in uns wirken durch Sein Wort der Wahrheit, wenn wir weiterhin auf Seinen Rat hören. „Heilige sie durch die Wahrheit – dein Wort ist Wahrheit“ [Joh. 17:17]. Das Evangelium ist „Gottes Kraft zum Heil“ [Röm. 1:16] für jeden, der es so annimmt; und es gibt keinen größeren Ansporn zu wahrer Frömmigkeit als die „größten und kostbaren Verheißungen, die er uns geschenkt hat, damit wir durch diese Teilhaber der göttlichen Natur werden“ (2. Petr. 1:4).
Darüber hinaus dürfen wir, wenn wir den Fußstapfen unseres Herrn Jesus folgen und den Wettlauf um den großen Preis, der uns im Evangelium vor Augen steht, laufen, unterwegs nicht murren und die Schwierigkeiten und Enge bemängeln. Wir dürfen auch nicht darüber streiten oder einen anderen Weg suchen als den, den die göttliche Vorsehung uns vorzeichnet, denn wir können sicher sein, dass der Herr genau weiß, welche Erfahrungen für unsere Entwicklung in der Schule Christi notwendig sind, und wir können auch sicher sein, dass wenn Gehorsam möglich wäre, während unser Mund voller Klagen und Unzufriedenheit mit dem Herrn und dem Los ist, das Er uns zugeteilt hat, würde dies bedeuten, dass wir zumindest nicht mit dem Geist Seiner Anordnung übereinstimmen; und ein solcher Gehorsam, wenn er möglich wäre (was er aber nicht ist), würde nicht die göttliche Zustimmung finden und uns auch nicht den Preis einbringen. Daher sollten wir, wie der Apostel ermahnt, „alles tun ohne Murren und zweifelnde Überlegungen, damit ihr tadellos und lauter seid, unbescholtene Kinder Gottes, inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts, unter dem ihr scheint wie Lichter in der Welt“ [Vers 15]. R2227-2228