R 2212
DAS NEUE LEBEN FÜHREN – Röm. 12:9-21.
„Lass dich nicht von dem Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit dem Guten“ - Rom. 12:21.

DER Apostel Paulus war zwar ein wunderbarer Logiker und hat in seinen Schriften die Elemente des christlichen Glaubens mehr als jeder andere Apostel nach doktrinären Grundsätzen dargelegt, doch wir stellen fest, dass er ein bestimmtes Ziel verfolgt: Er schlägt nicht die Luft, er diskutiert keine theologischen Punkte, um ein Argument darzubringen oder seine eigenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Seine Argumente nach doktrinären Richtlinien führen den Leser in jedem Fall vorwärts und aufwärts, wie eine Treppe, zu einem großartigen oberen Raum des vervollkommneten christlichen Charakters: und nirgendwo wird dies deutlicher als in seinem Brief an die Römer. Er beginnt mit den Unterschieden zwischen den Juden, die über Gott informiert sind und bis zu einem gewissen Grad über Seinen Willen und Seinen Plan, und stellt diesen die allgemeine Unwissenheit gegenüber, die unter allen Klassen unter den Heiden vorherrschte, „ohne Gott und ohne Hoffnung in der Welt“ [Eph. 2:12]. Er lenkt den Sinn weiter und verweist darauf, wie es zu dieser Degradierung kam und wie das Wissen über Gott zuerst Israel erreichte, nicht weil die Israeliten besser waren, sondern aufgrund der göttlichen Gunst, der „Gnade“, der „Auserwählung“.

Er weist jedoch darauf hin, dass „das Gesetz nichts zur Vollendung brachte“ [Hebr. 7:19], sondern lediglich ein Pädagoge war (ein Diener, dessen Aufgabe es war, Kinder zur Schule zu bringen); so sollte das Gesetz Israel zu Christus, dem großen Lehrer, bringen, damit sie von Ihm lernen konnten. Er weist ferner darauf hin, dass Israel zwar die göttliche Gunst suchte, aber den höchsten Segen nicht erlangte, weil es nicht ganz ehrlich zu sich selbst war und daher die Mission des mosaischen Gesetzes missverstand. Sie behaupteten scheinheilig, dass sie das Gesetz unverletzt bewahrten und Anspruch auf seine Segnungen – ewiges Leben usw. – hätten, während sie hätten zugeben müssen, dass das Gesetz so großartig und so vollkommen war und sie selbst so weit von der Vollkommenheit entfernt waren, dass sie es nicht einhalten konnten; und sie hätten den Herrn um Hilfe bitten sollen. Mit dieser Einstellung im Sinn wären sie bereit gewesen, das ewige Leben als Gabe durch Jesus Christus, unseren Herrn, anzunehmen, und hätten es aufgegeben, es durch die Vollkommenheit ihrer eigenen Werke erlangen zu wollen. Der Apostel weist also darauf hin, dass Israel gescheitert ist, weil es den Segen nicht durch Glauben, sondern durch Werke suchte. So „hat Israel nicht erlangt, was es sucht; aber die Auserwählten haben es erlangt, die übrigen aber sind verstockt worden“ (Röm. 11:7). Er weist dann darauf hin, dass dieser Fall Israels in Blindheit und die Berufung eines eigentümlichen Volkes aus den Heiden, um die „auserwählte“ Schar zu vervollständigen, von Gott vorhergesehen und von Ihm durch die Propheten verkündet wurde (Röm. 9 und 10). Aber er zeigt, dass Israel nicht für immer verstoßen ist und dass, wenn die Klasse der Auserwählten vollständig ist, ganz Israel von der Blindheit gerettet werden wird, in die es durch die Ablehnung Christi geraten ist; und dass ihre Genesung dann ein Zeichen für Segen auf der ganzen Welt sein wird – Röm. 11:15, 25, 32.

Nach elf Kapiteln argumentativer, logischer, schöner, lehrreicher und gesegneter Beweisführung gelangt der Apostel zur Krone seiner Argumentation und sagt (12:1): „Ich ermahne euch nun, Brüder, durch die Erbarmungen Gottes (die in den vorangegangenen elf Kapiteln dargelegt wurde), eure Leiber darzustellen als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Schlachtopfer, was euer vernünftiger Dienst ist“. Er wendet sich an den „auserwählten“ Leib Christi, der zum Teil aus den Juden gesammelt werden sollte und die Verbleibenden bestanden aus denen, die aus den Heiden berufen wurden. Diese sollten wissen, unter welchen Bestimmungen und Bedingungen Gott sie „berufen“ hat, nämlich (1) in dieser gegenwärtigen Zeit mit Christus zu leiden und (2) im kommenden Zeitalter verherrlicht zu werden und mit Ihm zu regieren, um die Welt zu segnen. Diese sollten den Grund für ihre Leiden und den Charakter kennen, den Gott in ihnen entwickeln möchte und ohne den sie nicht „für das Königreich geeignet“ wären. In unserer heutigen Lektion geht es um einige dieser Eigenschaften, die für diejenigen notwendig sind, die ihre „Berufung und Erwählung festmachen“ [2. Petr. 1:10] möchten.

„Die Liebe sei ungeheuchelt“ [Vers 9]. Er hatte bereits die Notwendigkeit der Liebe erklärt; aber jetzt warnt er uns vor einer nur vorgetäuschten Liebe, die nur äußerlich freundlich und höflich erscheint. Der wahre Geist der Liebe, ein heiliger Geist, wird nicht heuchlerisch sein: Die Liebe wird echt sein, von Herzen kommen und mit Worten ausgedrückt werden. Diese Liebe muss Gott gegenüber gelten und allen Menschen in dem Maße, wie sie gottähnlich sind oder danach streben, es zu sein. Es soll eine Liebe zu dem sein, was gut, richtig, rein und wahr ist.

„Verabscheut das Böse“ [Vers 9]. Wir sollen nicht nur das Böse meiden, nicht nur keine Liebe oder Affinität zum Bösen haben; sondern mehr als das sollen wir das Böse hassen, verabscheuen. Und so wie die Liebe zu Gott und zu allem, was wahr und rein ist und zur Gerechtigkeit beiträgt, gepflegt werden muss, so muss auch die Abscheu vor Sünde und Unreinheit jeder Art gepflegt werden, damit wir, je stärker wir im christlichen Charakter werden, desto inniger das Gute, Reine und Wahre lieben und desto entschiedener das Unwahre, Unreine und Sündhafte verabscheuen. Je mehr wir von den schönen Harmonien dieser himmlischen Gnade der Liebe lernen und je mehr sie zu Melodien unseres eigenen Herzens werden, desto beunruhigender, abstoßender und verabscheuungswürdiger werden uns Sünde und Selbstsucht, „der Geist der Welt“, erscheinen. So wie Disharmonien in der Musik unsere Ohren in dem Maße irritieren, wie unser Wissen und unsere Wertschätzung für musikalische Harmonien wachsen. So wie Heiligkeit und Sünde Gegensätze sind, müssen unsere Gefühle ihnen gegenüber durch die Empfindungen Liebe und Hass repräsentiert werden. In der Liebe zur Gerechtigkeit abzukühlen bedeutet, etwas von der Abscheu vor der Sünde zu verlieren. Lasst uns daher in uns selbst die Abscheu gegen die Sünde, die Selbstsucht, die Unreinheit und alle bösen Wege pflegen, damit es uns leichter fällt, in unseren Herzen die schönen Gnaden des Heiligen Geistes zu entwickeln.

„Haltet fest am Guten“ [Vers 9]. Der Gedanke ist, am Guten festzuhalten, verklebt mit dem zu sein, was gut ist. Es gibt eine ständige Tendenz, nicht nur von unserer eigenen gefallenen Natur, sondern auch von der Welt und dem Teufels, sich von dem Guten, Reinen und Edlen zu trennen. Und wir müssen entschlossen beschließen, dass wir unter allen Umständen und zu jeder Zeit durch die Gnade des Herrn an Ihm festhalten werden – an der Wahrheit, dem Weg und dem Leben.

„Seid herzlich zueinander“ [Vers 10]. Der Gedanke scheint hier zu sein: Pflegt untereinander jene Zuneigung, die eigentlich in eine Familie gehört, wo der Segen oder die Ehre eines Glieds den Segen, die Ehre und den Fortschritt aller bedeutet. Vielleicht weist der Apostel damit auf delikate Weise darauf hin, dass jede Zuneigungsbekundung unangebracht ist, außer solchen, die zwischen Brüdern angemessen sind: Wie wir an anderer Stelle lesen: „Seid voll brüderlicher Liebe“ – 1. Petr. 3:8.

„In Ehrerbietung einer dem anderen vorangehend“ [Vers 10]. Das heißt, sich mehr zu freuen, wenn jemand anderes geehrt wird, als wenn man selbst geehrt würde. Unsere Herzen sollten so selbstlos sein, dass wir uns darüber freuen, wenn jemand anderes geehrt wird und ihm Wohlstand zuteilwird, und dass wir so mitfühlend sind, dass uns das Versagen eines Bruders ebenso viel Kummer bereitet wie unser eigenes Versagen. Das ist der Heilige Geist, der sich aufrichtig mit denen freut, die sich freuen, und mit denen weint, die weinen.

„Im Fleiß nicht säumig“ [Vers 11]. Dieses Wort bezieht sich hier nicht speziell auf den Handel, sondern auf die Angelegenheiten im Allgemeinen. Die angesprochene Klasse, die ihre Berufung und Erwählung festmachen will, soll „von Herzen als dem Herrn“ arbeiten [Kol. 3:23]; und nichts, was für den Herrn getan wird, soll nachlässig getan werden. Wir leben in einer Welt voller Gelegenheiten zum Guten oder Bösen: Es gibt nur wenige auf unserer Seite, der Seite Gottes und der Gerechtigkeit; und wer dies erkennt und sich ganz dem Herrn weiht, wird sicherlich aus der Trägheit erweckt werden, die vielen im gefallenen Zustand eigen ist. Wenn der Kampf der Wahrheit gegen den Irrtum, des Lichts gegen die Finsternis uns nicht zu Energie im Dienst des Herrn auferweckt, ist dies ein Zeichen für einen ungünstigen Herzenszustand. Und für das geweihte Kind Gottes soll jede Angelegenheit des Lebens – Essen, Trinken und alle anderen Geschäfte in diesem gegenwärtigen Leben – dazu dienen, den Interessen der Sache unseres Meisters zu dienen.

„Brennend im Geist“ [Vers 11]. Dies steht im Gegensatz zur Trägheit. Wenn wir als Verwalter der göttlichen Barmherzigkeit und Wahrheit träge sind, dann deshalb, weil wir in unserer Liebe zum Herrn lau sind; daher die Anweisung des Apostels, dass wir heiß, brennend im Geist sein sollen. Das griechische Wort, das hier mit „brennend“ übersetzt wird, bedeutet heiß sein, zu kochen. Wir werden an die Worte unseres Herrn an die Kirche von Laodizea erinnert, die sich ihrer Werke rühmte, aber im Geist ihrer Liebe lauwarm war. „Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! So, weil du lau bist und weder kalt noch warm, so werde ich dich ausspeien aus meinem Mund“ [Offb. 3:15, 16]. Alle, die den Geist des Herrn empfangen haben, sollen darauf achten, dass sie nicht in einen lauwarmen Zustand geraten und die Gunst des Herrn verlieren. Sie sollen vielmehr eine wachsende Wertschätzung der Barmherzigkeit Gottes pflegen, die wie Treibstoff unsere Liebe und unseren Eifer für Seine Wahrheit, für die Reinheit in unseren Herzen und für den Dienst an anderen mit Feuer erfüllt.

„In Hoffnung freut euch“ [Vers 12]. Wir dürfen nicht erwarten, dass wir im gegenwärtigen Leben viel zum Jubeln haben, wenn wir unserer „Berufung“ treu sind; denn „durch viele Trübsale müssen wir in das Reich Gottes eingehen“ [Apg. 14:22]. Unsere Freude soll in der Hoffnung liegen – im Blick auf die Zukunft. Das Auge des Glaubens sieht, was das natürliche Auge nicht sehen kann, die Krone des Lebens und all die herrlichen Dinge, „die Gott denen bereitet hat, die ihn (von ganzem Herzen) lieben“ [1. Kor. 2:9]. Und hier liegt der Vorteil doktrinären Wissens: Es weckt Hoffnung; es gibt eine Grundlage für Hoffnung. Wissen kann uns nicht in das Königreich bringen, aber es kann eine große Hilfe sein, uns zu erbauen und darauf vorzubereiten, indem es uns ständig die Hoffnungen vor Augen hält, die Gott vorgesehen hat, um uns anzuregen und zu ermutigen, während wir den Wettlauf um den großen Preis laufen.

„In Trübsal harrt aus“ [Vers 12; siehe EB, S]. Unser Wort „Trübsal“ leitet sich vom lateinischen „tribulum“ ab, dem Namen einer Walze oder Dreschmaschine, die in alten Zeiten zum Reinigen von Weizen verwendet wurde, um die äußere Schale oder Spreu zu entfernen. Wie passend ist dieser Gedanke, wenn man ihn auf das geweihte Volk des Herrn anwendet, das in der Heiligen Schrift durch Weizen symbolisiert wird. Unsere neue Natur ist der Kern, das wahre Korn: Doch dieser Schatz oder wertvolle Teil ist mit der Schale irdischer Verhältnisse bedeckt. Und damit der Weizen für die „Scheune“ und für den Gebrauch richtig vorbereitet werden kann, ist es notwendig, dass jedes Korn die notwendige Trübsal durchläuft, um jene Eigenschaften abzutrennen, die uns, solange sie nicht abgetrennt sind, für den zukünftigen Dienst, zu dem wir vom Herrn berufen sind, untauglich machen. In dem Maße, wie wir unsere eigenen Unvollkommenheiten und den vollkommenen Willen Gottes für uns erkennen, werden wir fähig sein, alle Trübsale, die der Meister für uns vorgesehen hat, geduldig und sogar mit einer gewissen Freude zu ertragen. „Wir rühmen uns auch der Trübsale“ – Röm. 5:3.

„Im Gebet haltet an“ [Vers 12]. Kein Rat, den der Apostel der angesprochenen Klasse geben konnte, könnte lebenswichtiger sein als dieser.

„Ach, wohin könnten wir zur Hilfe fliehen,
wenn wir versucht, trostlos, verzagt sind;
Oder wie die Heerscharen der Sünde besiegen,
hätten leidende Heilige keinen Gnadenstuhl?“

Das Gebet, die Gemeinschaft mit Gott, ist für unser geistliches Wohlergehen unentbehrlich; und die Wertschätzung des Vorrechts, mit dem Allerhöchsten und mit unserem Erlöser Gemeinschaft zu haben, oder das Fehlen einer solchen Wertschätzung, je nach dem Fall, zeigt ziemlich deutlich unseren Eifer oder unsere Kälte in Bezug auf die Dinge des Herrn. Menschen können eifrig ihre eigenen Pläne oder Vorhaben oder menschliche Systeme und Theorien verfolgen und dabei wenig Verlangen nach Gebet haben; aber diejenigen, die dem Herrn und seiner Wahrheit aus einem glühenden, eifrigen Herzen dienen, werden ihre Unvollkommenheit und ihre eigene Unfähigkeit im göttlichen Dienst so erkennen, dass sie die Führung und Weisung des Meisters in Bezug auf den Dienst, den sie Ihm leisten, begehren und ständig suchen werden.

Wenn wir daher jemals eine wachsende Gleichgültigkeit gegenüber dem privaten Gebet, dem öffentlichen Gottesdienst oder den gemeinsamen Gebetsversammlungen verspüren, können wir sicher sein, dass dies ein sehr gefährliches Zeichen für eines oder zwei Dinge ist: (1) Entweder wird unsere Liebe kalt, oder (2) unsere Liebe ist fehlgeleitet, auf irdische Pläne oder Ambitionen gerichtet und nicht innig auf den Herrn ausgerichtet. Und was auch immer sich als das Problem herausstellt, sollte sofort korrigiert werden. Die Wertschätzung des Gebets ist wie das Wachsen der Liebe und wie die Zunahme der Hingabe des Geistes eine Angelegenheit der Entwicklung; und der beste Treibstoff dafür ist, wie oben angedeutet, die Betrachtung der göttlichen Gnaden, die wir bereits erfahren haben.

„An den Bedürfnissen der Heiligen nehmt teil“ [Vers 13]. Das griechische Wort, das hier mit „teilnehmen“ übersetzt wird, bedeutet „gemeinsam machen“. Der Gedanke ist offensichtlich, dass, obwohl Kommunismus in der Schrift nicht gefördert wird und auch nicht die beste Methode in der heutigen Zeit ist, es zwar besser ist, dass jeder weitgehend für seine eigenen Angelegenheiten verantwortlich ist und Verwalter seiner eigenen Talente ist, dennoch unter den Heiligen ein Gefühl der Brüderlichkeit vorherrschen soll, das Dinge, die für andere in der geistlichen Familie notwendig sind, „gemeinsam macht“. Liebe, nicht Selbstsucht, soll herrschen.

„Nach Gastfreundschaft trachtet“ [Vers 13]. Was der Apostel hier sagt, bedeutet nicht, dass wir auf Bitten hin nicht ungastlich sein sollen, sondern es bedeutet weit mehr: wörtlich bedeutet es, der Gastfreundschaft nachzufolgen – hinauszugehen oder nach Gelegenheiten zu suchen, Gastfreundschaft zu üben. Dieser Grundsatz gilt für die Armen ebenso wie für die Reichen. Wenn das, was wir haben, einfach oder gewöhnlich ist, wird die gastfreundliche Verwendung davon ebenso wahrhaftig unsere Herzensabsichten zeigen, als wäre es das Beste. Wir fürchten, dass manche diese Gnade nicht pflegen; und wenn sie Gastfreundschaft üben, neigen sie dazu, mehr zu geben, als sie haben, und sie würden sich vielleicht verschulden, um mehr zu bieten, als ihre Umstände rechtfertigen würden. Das ist falsch. Das ist nicht die Gnade, die der Apostel hier lehrt, sondern es ist das Pflegen eines sehr bösen Unkrauts – des Hochmuts. Lasst uns nicht nur lernen, ohne Heuchelei zu lieben, sondern auch ohne Heuchelei Gastfreundschaft zu üben, ohne bessere Verhältnisse vorgeben zu wollen, als wir tatsächlich haben.

„Segnet, die euch verfolgen“ [Vers 14]. Dies ist ein Zitat aus der Bergpredigt. Es richtet sich an einen Sinn, der durch das göttliche Wort erleuchtet ist und sich dadurch den Widerstand Satans und derer zugezogen hat, deren Verstand er verfinstert hat. Es bedeutet einen Widerstand in Form von Verfolgung, nicht wegen Fehlverhaltens oder weil man sich in die Angelegenheiten anderer einmischt oder wegen unsinniger Eigenarten, sondern Verfolgung um der Wahrheit willen. Es beinhaltet ein Herz voller Liebe, Mitgefühl und Mitleid; denn kein anderes Herz könnte seine Verfolger wirklich und wahrhaftig segnen und ihnen nichts Böses, sondern nur Gutes wünschen. Dies ist die Art von Herz, das vom heiligen Geist des Herrn überfließt, das sich mit denen freuen kann, die in Wohlstand leben, mit denen weinen kann, die trauern, und sogar in der Lage ist, seine eigenen Leiden und Nöte zu vergessen.

„Seid gleichgesinnt gegeneinander“ [Vers 16]. Seid mit den geringsten Brüdern und Schwestern ebenso mitfühlend wie mit den vornehmsten. „Sinnt nicht auf hohe Dinge“ [Vers 16]. Lasst eure Zuneigung und eure Gefühle nicht nur in ekstatische Höhen steigen, sondern bringt euren Sinn nieder, damit ihr Mitgefühl für diejenigen unter Gottes Volk empfindet, die finanziell und intellektuell in einem niedrigem Stand sind.

„Seid nicht klug bei euch selbst“ [Vers 16]. Dies ist eine weitere Aufforderung zur Demut. Diejenigen, die immer hohe Dinge sinnen sind und die Demütigen unter dem Volk des Herrn übersehen, tun dies in der Regel, weil sie ihre eigene Weisheit und Intelligenz zu hoch einschätzen. Weniges ist für einen ansonsten entwickelten christlichen Charakter so schädlich wie eine Selbstüberschätzung, die ihn von den Demütigsten der Herde des Herrn trennt. Darüber hinaus gibt es nichts Gefährlicheres als eine solche Meinung über die eigene Weisheit. Dieser Zustand wird als „überheblich“ und „hochmütig“ beschrieben. Sie führt ganz natürlich in die Irre und zum Abfall sowohl vom Buchstaben als auch vom Geist der Wahrheit. „Stolz geht dem Sturz, und Hochmut dem Fall voraus“ [Spr. 16:18]. Lasst uns alle vor dieser schrecklichen Krankheit auf der Hut sein. Nichts ist für die Amtsträger der heutigen nominellen Kirchen ein größeres Hindernis und Stolperstein (was sie daran hindert, die Wahrheit anzunehmen) als diese Art von Stolz auf ihre eigene Weisheit, die zu einer unbiblischen Einteilung der Gläubigen in „Klerus“ und „Laien“ führt und sich dadurch auszeichnet. Und eine ebenso große, wenn nicht sogar größere Gefahr besteht in dieser Hinsicht für diejenigen, die die gegenwärtige Wahrheit empfangen haben und sie anderen weitergeben wollen. Alle aus dem Volk des Herrn, insbesondere diejenigen, die etwas mehr Wissen haben und versuchen, den Reichtum der göttlichen Gnade bekannt zu machen, sollten besonders auf der Hut sein vor Angriffen des Feindes aus dieser Richtung.

„Vergeltet niemand Böses mit Bösem“ [Vers 17]. Ein Großteil der bisherigen Unterweisung in dieser Lektion bezieht sich auf unseren Umgang mit den Geschwistern; hier jedoch weist der Apostel auf eine allgemeine Verhaltensweise gegenüber allen Menschen hin. Gutwillige Menschen neigen im Allgemeinen dazu, Gerechtigkeit anzuerkennen und den Wunsch zu haben, Gerechtigkeit zu verteidigen und Übeltäter zu bestrafen. Der Apostel weist darauf hin, dass dies nicht die Regel ist, die in der Familie des Herrn gilt. Es ist nicht unangebracht, dass die Welt im Interesse der Gesellschaft Gesetze und Vorschriften für Verbrecher hat, und der Apostel diskutiert diese auch nicht und findet daran nichts auszusetzen. Er befasst sich vielmehr mit den kleineren Angelegenheiten des Lebens, in denen verschiedene Übel begangen und erlitten werden können, ohne dass sie direkt unter die Kontrolle der bürgerlichen Gesetze fallen. Die Haltung des Christen soll nicht nach den Richtlinien der Nachlässigkeit, Feindseligkeit, Rache und der ewigen Konflikte sein, sondern all dem entgegengesetzt; weil er ein größeres Wissen darüber hat, wie die Sünde in die Welt kam, und wie die ganze Menschheit geistig, moralisch und körperlich gefallen ist, und wie Gott Mitgefühl mit der armen, seufzenden Schöpfung hat und ein Lösegeld für alle bereitgestellt hat, und dass zur rechten Zeit eine Restitution für alle möglich sein wird. Und er soll ein Herz haben, das so voller Mitgefühl für diesen Plan ist, dass er großzügig und gottgleich gegenüber den von der Sünde Verblendeten ist – vor allem darauf bedacht, ihnen die Augen des Verstandes zu öffnen, und nach einer Gelegenheit zu suchen, ihnen Segen und Hilfe zukommen zu lassen, anstatt rachsüchtige Gefühle zu hegen.

„Seid bedacht auf das, was ehrbar ist vor allen Menschen“ [Vers 17]. Da der wahre Christ erkennt, dass ein Teil des Dienstes, den der Herr von ihm verlangt, darin besteht, ehrlich für sich und seine Familie zu sorgen, wird er sich bemühen, dieser vernünftigen Forderung gerecht zu werden. Wenn er keine Beschäftigung in seinem Wunschberuf finden kann, ist er aus redlichen Gründen verpflichtet, eine andere Beschäftigung anzunehmen, um seinen Verpflichtungen nachzukommen. Weniges bringt mehr Unehre über Gottes Volk in den Augen der Welt als Unehrlichkeit. Natürlich würde keiner der Heiligen stehlen; aber es gibt noch eine andere Art der Unehrlichkeit, die unter bestimmten Umständen vom Gewissen vieler Menschen übersehen zu werden scheint. Das ist die Unehrlichkeit des Kaufs auf Kredit, indem man tatsächlich oder stillschweigend eine Zahlung zu einem nicht fernen Zeitpunkt verspricht, obwohl keine Gewähr für die Zahlungsfähigkeit zu diesem Zeitpunkt besteht, wie der Händler annehmen muss. Manche scheinen sich sogar zu solchen unehrlichen Methoden zu ermutigen, indem sie sich einreden, dass sie „Glauben“ an Gott üben, dass Er ihnen die Mittel zur Begleichung ihrer Schulden zur Verfügung stellen wird. Das ist ein großer Irrtum. Gott hat niemals jemanden bevollmächtigt, für Ihn Schulden zu machen, und ein solcher Glaube hat keine Stütze in Gottes Wort. Im Gegenteil, Er weist Sein Volk an, keine Schulden zu machen, sondern sagt: „Seid niemand irgendetwas schuldig“ [Röm. 13:8]. Ein guter Plan ist es, immer innerhalb unserer Einkünfte zu leben und, wenn möglich, etwas zurück zu legen, damit wir denen geben können, die in Not sind.

„Wenn möglich, so viel an euch ist, lebt mit allen Menschen in Frieden“ [Vers 18]. Angesichts der vielfältigen verderbten Naturen in der Welt und unserer eigenen unvollkommenen Gesinnung (die jedoch mehr und mehr unter die Kontrolle der Gnade gerät) wird es eine schwierige Angelegenheit sein, alle Konflikte zu vermeiden. Aber während wir uns im Interesse des Friedens geringfügigem Unrecht und kleinen Ungerechtigkeiten mit Wohlwollen fügen sollen, gibt es doch einen Punkt, an dem wir eine Grenze ziehen müssen, einen Punkt, an dem unser Wunsch nach Frieden nicht die Oberhand gewinnen darf, nämlich immer dann, wenn es um ein Prinzip geht. Hier liegt eine große Schwierigkeit: Diejenigen, die von Natur aus friedfertig sind, werden versucht sein, den Frieden sogar auf Kosten von Prinzipien und im Widerspruch zu den göttlichen Geboten zu verfolgen; andererseits neigen viele von denen, die am entschlossensten für gerechte Prinzipien eintreten, zur Kampflust und müssen sich sehr bemühen, sich zu mäßigen und diese friedfertige Gesinnung zu pflegen, die Teil des göttlichen Charakters ist, den wir nachahmen sollen. Die Regel sollte lauten: „Aufs erste rein (wahrhaftig und der Gerechtigkeit treu), dann friedsam“ – Jak. 3:17.

„Rächt nicht euch selbst, Geliebte“ [Vers 19]; aber geht lieber euren Gegnern und ihrem Zorn aus dem Weg und denkt daran, dass geschrieben steht: „Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht der Herr“ [Hebr. 10:30]. Daher brauchen wir nicht das Gefühl zu haben, dass Gerechtigkeit durch uns wiederhergestellt werden muss. Gott wird für die Durchsetzung Seiner eigenen Gerechtigkeit sorgen. Wenn es uns überlassen wäre, denen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die uns misshandeln und um Christi willen alle möglichen bösen Dinge gegen uns sagen, würden wir zweifellos viele Fehler machen. Wir sollten daher froh sein, dass die Angelegenheit derzeit nicht in unseren Händen liegt und dass die göttliche Weisheit und Gerechtigkeit den Übeltätern mit größerer Barmherzigkeit vergelten wird, als wir es wahrscheinlich tun könnten. Unsere Gefühle sollten daher weitgehend Mitgefühl und Mitleid für die Übeltäter sein, in dem Bewusstsein, dass ein Mensch sicherlich entweder im gegenwärtigen Leben oder im kommenden Leben ernten wird, was er jetzt sät.

Aus diesen Gründen und um mehr vom göttlichen Sinn in uns zu entwickeln, sind wir angewiesen, unseren Feinden gegenüber gütig zu sein und sie nicht in Not leiden zu lassen. Eine solche Behandlung wird ihnen mehr als jede andere Gutes tun und sie zu Freunden machen. Wir sollen ihnen jedoch nicht gütig begegnen, um sehen zu können, wie schlecht wir sie damit fühlen lassen können. Wir sollen sie freundlich behandeln, weil Liebe das Prinzip unserer Natur ist, das „neue Gebot“ unseres Herrn und Meisters, der Heilige Geist, der uns immer mehr antreibt. Wir sollen sie so behandeln, unabhängig davon, ob wir sie in diesem Leben jemals durch unsere Freundlichkeit erweichen können oder nicht.

„Lass dich nicht von dem Bösen überwinden“ [Vers 21]. Wir müssen uns daran erinnern, dass es einen ständigen Konflikt zwischen Gut und Böse gibt, dass beide ihre Diener oder Soldaten haben und dass wir uns auf die Seite des Guten gestellt haben, unter dem Anführer unserer Erlösung, mit der Verpflichtung, „den guten Kampf zu kämpfen“ [2. Tim. 4:7]. Wir sollten niemals böse Worte, Methoden oder Gewohnheiten annehmen oder verwenden. Wenn wir das tun, so stellen wir uns zeitweise auf die Seite des Feindes, oder wir geben damit zu, dass seine Mittel und Methoden besser als die unseres Anführers, zu dem wir gehören, sind. Zorn mit Zorn, Verleumdung mit Verleumdung, bittere Worte mit bitteren Worten, üble Nachrede mit übler Nachrede, Verfolgungen mit Verfolgung, einen Schlag mit einem Schlag oder mit irgendeinem von diesen zu vergelten würde bedeuten zu versuchen, Böses mit Bösem zu überwinden. Von uns wird gefordert, so etwas, das natürlich für unsere gefallene Natur ist, zu vermeiden, damit wir die neue Natur im vollen Umfange entwickeln können. Wenn wir uns aber vom Widersacher verleiten lassen, auf irgendeine Art und Weise seine Methoden anzuwenden, so bedeutet das, vom Bösen überwunden zu werden [Manna vom 25. Mai, Hervorhebung von uns].

„Überwinde das Böse mit dem Guten“ [Vers 21]. Die Tatsache, dass der Herr uns so anweist, ist ein Beweis dafür, dass es (1) machbar und (2) wünschenswert ist. Der Glaube akzeptiert diese Erklärungen der göttlichen Weisheit zu diesem Thema, und die Erfahrung bestätigt oder bekräftigt sie. Wer es versucht hat, hat festgestellt, dass das Böse in vielen Fällen mit Gutem überwunden werden kann. Nicht selten jedoch bewirkt alles Gute, das man als Gegenleistung für das Böse tut, keine Veränderung beim Übeltäter; er geht seinen bösen Weg weiter, wird hartnäckiger und intoleranter. Dennoch kann der Weg des Volkes Gottes nicht anders sein; es ist nur dazu befugt, Gutes zu tun und dabei zu bleiben, ob es nun den Widerstand auflöst oder nicht. Damit folgen wir nur dem göttlichen Beispiel. Gott lässt den Regen auf die Felder der Guten und der Bösen fallen; er lässt die Sonne ohne Unterschied über Gerechte und Ungerechte scheinen. „Seine Güte währt ewiglich“ [Ps. 136]. Und selbst wenn Seine Rache irgendwann kommen wird, wird sie dennoch in Liebe und Güte geschehen, (1) damit diejenigen, die es wollen, von der Erziehung durch Bedrängnis profitieren können, und (2) damit diejenigen, die keinen Vorteil daraus ziehen, aus dem Volk vernichtet werden, damit ihr verderblicher Einfluss für immer beseitigt wird. Lasst uns alle mehr und mehr danach streben, das neue Leben zu führen. R2212-2215