Gleich nach der Bergpredigt des großen Lehrers ist die Abhandlung über die Liebe durch den großen Apostel Paulus. Beide Vorträge lehren dieselbe Lektion, aber sie nähern sich ihr von unterschiedlichen Standpunkten aus. Als Schüler in der Schule Christi sind alle Anweisungen des göttlichen Wortes und der göttlichen Vorsehung dazu bestimmt, unsere Herzen zu entwickeln und unser Verhalten in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Liebe zu beeinflussen. Dies war das Zeugnis des Meisters, als Er sagte: „Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr einander liebt“ [Joh. 13:34]. Ebenso erklärte Er, dass das gesamte Gesetz Gottes für die Menschen in der Liebe erfüllt ist – gegenüber Gott und den Menschen: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzem Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Verstand, und deinen Nächsten wie dich selbst“ [Lk. 10:27]. Da also „Liebe die Summe des Gesetzes“ [Röm. 13:10] und das „Band der Vollkommenheit“ [Kol. 3:14] ist, ohne das keine andere Charaktergnade wirklich schön wäre, wundern wir uns nicht, in der Heiligen Schrift die Aussage zu finden, dass „Gott Liebe ist“ und dass „wer nicht liebt, Gott nicht erkannt hat“ [1. Joh. 4:8].
Unser Herr erklärt: „Dies aber ist das ewige Leben, dass sie dich, den allein wahren Gott, erkennen“ [Joh. 17:3] – den Gott, der Liebe ist. Gott in dem hier angedeuteten Sinne zu kennen bedeutet mehr, als nur zu wissen, dass es einen Gott gibt; es bedeutet mehr, als nur etwas über Gottes liebenden Plan und Charakter zu wissen; es bedeutet, Gott im Sinne einer persönlichen Bekanntschaft zu kennen und Seinen Charakter zu schätzen; und niemand kann dieses Wissen haben, es sei denn, er empfängt und nimmt teil am Geist Gottes, dem Geist der Heiligkeit, dem Geist der Liebe. Und dieser Geist der Heiligkeit und Liebe kann nicht augenblicklich erworben werden; es ist ein Wachstum, und seine Entwicklung ist die Hauptaufgabe und sollte das Hauptanliegen aller sein, die hoffen, Gott in dem vollständigen Sinne zu kennen, der mit ewigem Leben belohnt wird.
Daher sind nach der großen Bereitstellung des Lammes Gottes durch die Liebe und der Erlösung der gesamten Menschheit durch Ihn alle seine verschiedenen Schritte zu unserer Befreiung von Sünde und Tod nach den Grundsätzen erfolgt, diesen Charakter der Liebe, den Charakter Gottes, in uns zu entwickeln, der uns nach dem göttlichen Maßstab allein vor dem Vater annehmbar macht und uns Seine Gnade des ewigen Lebens bringt. O, wie wichtig ist es daher, dass wir „von Gott gelehrt“ [Joh. 6:45] werden und diesen Seinen Charakter entwickeln. „Lernt von mir“ [Mt. 11:29], sagte unser lieber Erlöser; und das sollten wir auch, denn Er ist das Bild des herrlichen Charakters der Liebe des Vaters. Und „wenn jemand Christi Geist (den heiligen Geist des Vaters, die Liebe) nicht hat, der ist nicht sein“ [Röm. 8:9].
Zunächst einmal sind wir ein sehr unzureichendes Material, um daraus Ebenbilder von Gottes geliebtem Sohn zu formen (Röm 8:29). Wir waren „Kinder des Zorns, wie auch die übrigen“ [Eph. 2:3]; das ursprüngliche Ebenbild Gottes, das Vater Adam besaß, bevor er sündigte, ist in den sechstausend Jahren, die seither vergangen sind, leider verloren gegangen: Anstatt uns also im göttlichen Ebenbild der Liebe wiederzufinden, stellen wir fest, dass wir „in Ungerechtigkeit geboren und in Sünde empfangen“ [Ps. 51:7] sind, und zwar in einem solchen Ausmaß, dass die Liebe, die eigentlich das natürliche Prinzip in unserem Charakter sein sollte, in vielen Fällen fast vollständig ausgelöscht ist; und was übrig bleibt, ist weitgehend mit dem Bösen, der Selbstliebe und der Sündenliebe und der fleischlichen Liebe kontaminiert – Perversionen, die in direktem Widerspruch zu der völlig selbstlosen Liebe stehen, die das Wesen des göttlichen Charakters ist.
Das Werk der Gnade für die Welt wird während des Millennium-Zeitalters darin bestehen, der ganzen Menschheit den gnädigen Charakter Gottes und Seine Vorkehrungen für die Errettung aller bekannt zu machen und alle, die dazu bereit sind, von der Verderbtheit der Sünde zur Vollkommenheit des Charakters umzuformen – zur Liebe, um die Menschheit wieder zu Ebenbildern Gottes zu machen. Es wird nicht nur ihren Willen umformen, sondern auch von einer körperlichen Umwandlung begleitet sein, die alle Makel der Sünde und alle erblichen Neigungen dazu von ihnen entfernen und sie zu Ebenbildern Gottes machen, mit einer Erinnerung an die Unerwünschtheit der Sünde und ihrer bösen Folgen.
Das Werk der Gnade für die Kirche während dieses Evangelium-Zeitalters besteht darin, unsere verderbten Charaktere umzuformen und sie wieder als den göttlichen Charakter, der Liebe, aufzubauen. Wer dies nicht erreicht, verfehlt den Willen Gottes in Bezug auf sich selbst und muss notwendigerweise den Preis, der uns im Evangelium in Aussicht gestellt wurde, verfehlen.
Aber da unsere Umwandlung des Sinnes oder Willens nicht von einer physischen Umwandlung oder Restitution begleitet wird, folgt daraus, dass wir, solange wir im Leib sind, gezwungen sind, gegen seine ererbten Schwächen und Neigungen zu Selbstsucht und Sünde anzukämpfen. Aber dieser heftige und ständige Konflikt wählt nicht nur eine besondere Klasse aus, die ihn überwindet, sondern dient auch dazu, den gewünschten Charakter schneller zu entwickeln, als es die einfacheren Prozesse des Millennium-Zeitalters tun werden. Während es fast tausend Jahre dauern wird, bis die Welt vollkommen ist, kann die Vervollkommnung des Charakters der Heiligen unter der besonderen, strengen Erziehung und dem besonderen Weg der Unterweisung, der für die „Kleine Herde“ vorgesehen ist, in wenigen Jahren erreicht werden. Aber ob in wenigen oder vielen Jahren, und ob mit wenig oder viel Reibung durch Schwierigkeiten, die Umwandlung und das Polieren des Charakters müssen vollbracht werden. Dieses Ebenbild der Liebe unseres Willens mit dem Willen Gottes ist das Ziel, das wir anstreben sollten, wenn wir unseren Weg mit Freude und mit guten Hoffnungen auf die ewige Herrlichkeit beenden wollen.
GNADENGABEN IN DER URKIRCHE
In der Urkirche zeigte Gott auf wundersame Weise Seine Annahme derer an, die sich als Nachfolger Christi weihten, indem Er ihnen sogenannte „Gaben des Geistes“ verlieh. Ein besonderer Bericht darüber findet sich im Kapitel vor unserer Lektion (1. Kor. 12). Der Apostel weist darauf hin, dass einige mehrere dieser Gaben besaßen, und bemerkt in Bezug auf sich selbst, dass er mehr als alle anderen besaß. Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Empfänger dieser Gaben, obwohl sie sich für eine solche Anerkennung vom Himmel dankbar fühlten, erkannten, dass einige Gaben wertvoller waren als andere; und der Apostel bestätigt diese Ansicht und fordert sie auf, die höchsten und edelsten Gaben zu nutzen, wenn mehrere vorhanden sind. Und da der Apostel erkannte, dass die Kirche wahrscheinlich der Ansicht war, dass der Besitz dieser Gaben ein solches Maß an göttlicher Gunst andeutete, als würde sie bedeuten, dass sie Überwinder waren und letztlich den Preis ihrer Hohen Berufung erhalten würden, nutzte der Apostel diese Gelegenheit, um bei der Erörterung der Gaben darauf hinzuweisen, dass ihr Besitz weit weniger göttliche Gunst andeutet, als die Empfänger angenommen hatten. Zu diesem Zweck weist er in unserer Lektion darauf hin, dass diese äußeren Gaben der Zungenrede, Wunder, Heilungen usw. notwendigerweise und ordnungsgemäß unter den verschiedenen Gliedern der Kirche zu ihrem gegenseitigen Wohl aufgeteilt wurden, um sie zusammenzuführen und zusammenzuhalten und voneinander abhängig zu machen. Aus diesem Grund konnten nicht alle die gleichen Gaben haben; aber wie er betont, hat Gott diese aufgeteilt und die verschiedenen Glieder und Gaben im Leib so eingesetzt oder festgelegt, wie es Ihm gefiel. Dennoch ist es angemessen, dass alle den Unterschied in den Gaben anerkennen und jeder ernsthaft danach strebt, die besten Gaben, die Gott seiner Fürsorge anvertraut hat, zu besitzen und im Dienste Gottes einzusetzen. Und dann fügt der Apostel hinzu: „Einen noch weit vortrefflicheren Weg zeige ich euch“ [1. Kor. 12:31].
DIE FRÜCHTE DES GEISTES SIND WÜNSCHENSWERTER
Dieser bessere Weg besteht darin, dass sie, anstatt nach den „Gaben“ zu suchen und zu streben, die ausschließlich Gott zur Verfügung standen, nach einer anderen Art von „Gaben“ suchen sollten, die auch „Früchte“ desselben Geistes genannt werden, nämlich Glaube, Hoffnung und Liebe. Diese Gaben werden „Früchte des Geistes“ genannt, weil sie im Gegensatz zu den anderen allmählich wachsen und nicht auf wundersame Weise gegeben werden. Wie demütig auch immer ein Glied der Kirche eine wundersame Gabe besitzen mag, nichts hindert es daran, durch sorgfältige Pflege seines Herzens die größten „Früchte des Geistes“ hervorzubringen. Wenn die wichtigsten „Gaben“ nicht allen zuteilwerden, so stehen die größeren und wertvolleren „Früchte“ allen offen; und diese zu begehren und zu pflegen ist viel mehr wert, als nach wundersamen Gaben oder Talenten zu streben, die Gott aus Seinem eigenen Willen heraus nicht zu vergeben erfreut ist.
Indem er diesen Gedanken fortsetzt, lenkt der Apostel die Aufmerksamkeit darauf, dass jemand eine oder sogar alle der wundersamen „Gaben” besitzen kann, und dennoch weit von dem Zustand des Herzens entfernt ist, der für das Königreich geeignet wäre. Die Eigenschaft, die als Grundlage des Charakters notwendig ist, die jeden Dienst für Gott annehmbar macht oder dazu führt, dass er von Ihm geschätzt oder anerkannt wird, ist die Liebe. Wenn die Liebe nicht die treibende Kraft ist, werden der größte Eifer und die reichste Rhetorik und Beredsamkeit zugunsten Gottes oder zugunsten der Gerechtigkeit in Gottes Augen nichts gelten und uns keinen Lohn von Ihm einbringen. Wenn die Liebe fehlt, werden große Fähigkeiten als Ausleger von Geheimnissen und viel Studium und Wissen in Gottes Augen nichts gelten. Selbst ein Glaube, der alle Arten von Krankheiten heilen könnte, oder, um das Beispiel unseres Herrn für den größten Grad an Glauben dieser Art zu verwenden, ein Glaube, der Berge versetzen könnte (Mt. 21:21), wäre nichts wert, wenn Gott tief in unseren Herzen als Grundlage dafür nicht die Liebe sehen könnte – für Ihn selbst und für unsere Mitmenschen. Selbst das Geben aller Besitztümer, um die Armen zu ernähren, als Wohltätigkeit, würde nichts zählen, wenn die treibende Kraft nicht die Liebe wäre. Und selbst ein Märtyrer zu sein und im Namen Christi auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden, würde nichts gelten, wenn Gott nicht in den Tiefen des Herzens sehen könnte, dass die treibende Kraft angesichts des Leidens die Liebe war. Denn all diese Dinge, der Erwerb von Wissen, die Weitergabe dieses Wissens mit Redekunst, die Ausübung eines Glaubens, der Berge versetzen kann, das Geben all seiner Güter an die Armen und sein eigenes Martyrium, könnten aus selbstsüchtigen Motiven geschehen – um von den Menschen gesehen zu werden, um von den Menschen hoch geschätzt zu werden, aus Prahlerei, aus Stolz oder aus einer kampflustigen Gesinnung heraus. Aus diesem Grund ermahnte der Apostel die Kirche, nach dieser unschätzbaren Frucht des Geistes zu streben – der Liebe – damit alle Gaben, die sie besitzen mögen, seien es natürliche oder übernatürliche, auf eine Weise ausgeübt werden, die für ihre Mitmenschen ein Segen und für Gott annehmbar ist und den Benutzern die große Belohnung bringt – das ewige Leben.
Was ist dann Liebe, diese wunderbare Eigenschaft, ohne die nichts in den Augen Gottes annehmbar ist? Der Apostel versucht nicht, Liebe zu definieren, sondern begnügt sich damit, uns einige ihrer Erscheinungsformen zu beschreiben. Tatsache ist, dass die Liebe, wie das Leben und das Licht, schwer zu definieren ist; und unsere besten Bemühungen, sie zu verstehen, richten sich nach ihren Auswirkungen. Wo Liebe fehlt, sind die Ergebnisse mehr oder weniger schlecht; wo Liebe vorhanden ist, unterscheiden sich die Ergebnisse je nach Grad der Liebe und sind entsprechend gut. Ein Professor an einer Hochschule kommentierte das Wort Liebe wie folgt:
„So wie Sie gesehen haben, wie ein Mann der Wissenschaft einen Lichtstrahl durch ein Kristallprisma leitet, so wie Sie gesehen haben, wie er auf der anderen Seite des Prismas in seine Grundfarben zerlegt wird – Rot, Blau, Gelb, Violett, Orange und alle Farben des Regenbogens – so lässt Paulus dieses Ding, die Liebe, durch das großartige Prisma seines inspirierten Intellekts laufen, und auf der anderen Seite kommt sie in ihre Bestandteile zerlegt heraus. Und in diesen wenigen Worten haben wir das, was man das Spektrum der Liebe nennen könnte, die Analyse der Liebe. Werden Sie wahrnehmen, was ihre Elemente sind? Werden Sie bemerken, dass sie gebräuchliche Namen haben; dass es sich um Eigenschaften handelt, von denen wir jeden Tag hören, dass es Dinge sind, die jeder Mensch an jedem Ort im Leben praktizieren kann; und wie aus einer Vielzahl kleiner Dinge und gewöhnlicher Tugenden das Höchste, das summum bonum, entsteht?
Das Spektrum der Liebe hat neun Bestandteile:
Geduld – ‚die Liebe ist langmütig‘;
Gütigkeit – ‚die Liebe ist gütig‘;
Großzügigkeit – ‚sie neidet nicht‘;
Demut – ‚die Liebe tut nicht groß, sie bläht sich nicht auf‘;
Höflichkeit – ‚sie benimmt sich nicht unanständig‘;
Selbstlosigkeit – ‚sie sucht nicht das Ihre‘;
Gutmütigkeit – ‚sie lässt sich nicht erbittern‘;
Arglosigkeit – ‚sie rechnet Böses nicht zu‘;
Aufrichtigkeit – ‚sie freut sich nicht über Ungerechtigkeit, sondern freut sich mit der Wahrheit‘.“
Wir können dem Professor nicht zustimmen, dass diese Gnaden von jedem Menschen an jedem Ort und jeden Tag praktiziert werden können. Wir müssen behaupten, dass diese Gnaden als Ganzes nicht dem „natürlichen Menschen“ gehören können. Er mag in der Tat etwas von der Milde, etwas von der Demut, etwas von der Höflichkeit, etwas von der Geduld, etwas von der Güte in sich tragen; so wie Menschen Trauben an Dornenbüschen und Feigen an Disteln anbringen können; aber beim natürlichen Menschen sind diese Tugenden ganz aufgesetzt und nicht das Ergebnis der inneren Tugend, des heiligen Geistes, der Liebe; sie sind kein Beweis für die Beziehung zu Gott. Wenn der Nachahmer nicht durch das Wort und den Geist der Wahrheit neu gezeugt wurde, wird ihn seine Nachahmung bestimmter äußerer Merkmale der Liebe nicht zu einem Sohn Gottes machen und ihm nicht die Belohnungen und Segnungen der Sohnschaft bringen, für die es nur eine Tür gibt – Christus Jesus.
Für den Christen ist eine äußere Manifestation von Geduld, Sanftmut usw. weder aus der Sicht Gottes noch aus seiner eigenen Sicht ausreichend. Diese Gnaden des Geistes müssen durch den Geist der Liebe hervorgebracht werden, der das eigene Herz erfüllt und erweitert. In zivilisierten Ländern werden viele der Gnaden des Geistes jedoch von den Nichterneuerten anerkannt und als Zeichen guter Erziehung nachgeahmt. In vielen Fällen werden sie erfolgreich als Tarnung oder Maske verwendet, um Herzen und Gefühle zu verbergen, die dem heiligen Geist der Liebe völlig entgegengesetzt sind.
Das Anlegen der äußeren Formen der Liebe mildert jedoch die Übel, die Not und die Reibungen, die mit dem Sündenfall einhergehen, selbst im „natürlichen Menschen“, selbst wenn diese Gnaden nur mit mehr oder weniger Heuchelei und Täuschung über die wahre Selbstsucht des unbeschnittenen Herzens nachgeahmt werden. Aber in schwierigen Zeiten zeigt sich gelegentlich, wie dünn die polierte Fassade aus Höflichkeit und Milde ist, die selbstsüchtige und steinerne Herzen bedeckt: So zeigen beispielsweise die letzten Berichte über die jüngste Tragödie auf dem Wohltätigkeitsbasar in Paris, dass die vornehmsten und aristokratischsten jungen „Gentlemen“ der höflichsten Stadt und Nation der Erde die Grausamkeit unvernünftiger Tiere an den Tag legten, als sie dem Tod ins Auge blickten, und dass sie in ihrem wahnsinnigen Eifer, den Flammen zu entkommen, einander niederschlugen und verletzten, sogar die ranghöchsten Damen Frankreichs, denen sie zuvor übermäßig höflich begegnet waren. Von einem mit Liebe überzogenen, selbstsüchtigen Herzen können wir nicht mehr erwarten – selbst der starke Klebstoff der Ritterlichkeit wird in manchen Fällen den Überzug nicht halten. Und die Zeit ist nicht mehr fern, in der eine noch größere, allgemeinere und schrecklichere Krise der ganzen Welt vor Augen führen wird, dass ein Großteil der Höflichkeit und Milde unserer Zeit nur oberflächlich ist und nicht von Herzen kommt, als Frucht des Heiligen Geistes der Liebe. In dieser großen Krise, wie die Heilige Schrift zeigt, wird jeder Mensch gegen seinen Nächsten gerichtet sein. An diesem Tag der Rache werden die Masken der formellen Höflichkeit abgelegt, und die Welt wird für kurze Zeit einen Einblick in ihre eigene abscheuliche Selbstsucht erhalten, der sie auf die Lektionen in Liebe und ihre Gnaden im Millennium vorbereiten wird, die ihnen vom großen Immanuel gegeben werden.
Die Heilige Schrift informiert uns, dass in unserem gefallenen Zustand die Liebe unserer Natur fremd ist und durch die Kraft Gottes in sie eingeführt werden muss; sie sagt: „Nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden“ [1. Joh. 4:10]. Und wenn wir diese Liebe Gottes erkennen und sie wirklich glaubend annehmen und wertschätzen, „drängt uns die Liebe des Christus (zur Liebe)“ [2. Kor. 5:14]. Wir sind „gezeugt durch das Wort der Wahrheit“ [Jak. 1:18] – die Botschaft von Gottes Liebe zu uns in der Vergebung unserer Sünden und Seinem Ruf an uns, zu Seiner Gunst und Seinem Ebenbild zurückzukehren, und Seine Bereitstellung von Hilfen auf dem Weg, damit wir zu Bildern Seines geliebten Sohnes werden können.
Das Maß unserer Wertschätzung der göttlichen Liebe wird das Maß unseres Eifers sein, unseren Charakter dem göttlichen Muster anzupassen. Eine von Natur aus raue, ungehobelte, verdorbene Gesinnung kann lange Zeit erfordern, nachdem die Gnade der göttlichen Liebe in das Herz eingedrungen ist, bis sich diese Gnade in allen Worten, Gedanken und Taten des äußeren Menschen manifestiert. Andere hingegen, die von milderer Natur und kultivierterer Erziehung sind, können ohne die Gnade Gottes in sich viele der äußeren Vorzüge besitzen. Niemand außer dem, der die Herzen liest, ist daher in der Lage zu beurteilen, wer diese Gnade empfangen hat und wer nicht, und in welchem Maße sie sich in ihren Herzen entfaltet hat: aber jeder mag für sich selbst urteilen, und jeder, der von diesem heiligen Geist, der Liebe, gezeugt wurde, sollte versuchen, sein Licht durch alle Wege der Kommunikation mit seinen Mitmenschen erstrahlen zu lassen, um unseren Vater im Himmel zu verherrlichen und „die Tugenden dessen zu verkündigen, der uns berufen hat aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht“ [1. Petr. 2:9].
Die vollkommene Liebe ist geduldig mit den Schwächen und Unvollkommenheiten derer, die den Beweis guter Absichten erbringen. Mehr noch, sie ist sogar geduldig mit denen, die auf Abwegen sind und sich der Gerechtigkeit widersetzen, in dem Bewusstsein, dass die ganze Welt mehr oder weniger unter dem Einfluss des großen Widersachers steht, der, wie der Apostel erklärt, den Sinn der Massen verblendet. Diese Manifestation der Liebe war bei unserem Herrn Jesus sehr ausgeprägt. Wie geduldig war er mit Seinen Gegnern. Lasst uns die Worte des Apostels beherzigen: „betrachtet den, der so großen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht ermüdet (im Gutes tun und in der Geduld), indem ihr in euren Seelen ermattet“ (Hebr. 12:3).
Vollkommene Liebe ist in ihren Methoden gütig. Sie strebt nicht nur danach, anderen Gutes zu tun, sondern sie strebt danach, dies auf die möglichst gütigste Art und Weise zu tun. Und wer hat nicht schon entdeckt, dass die Art und Weise und der Tonfall viel mit jeder Angelegenheit des Lebens zu tun haben. In dem Maße, in dem vollkommene Liebe erreicht wird, wird das Herz danach streben, dass jedes Wort und jede Tat, wie auch den Gedanken, der dazu anregt, voller Güte ist. Es ist gut, sich an das Motto der alten Quäker zu erinnern: „Ich werde nur einmal durch diese Welt gehen. Alles Gute, das ich tun kann, oder jede Freundlichkeit, die ich einem Menschen erweisen kann, will ich jetzt tun. Ich will es nicht aufschieben oder vernachlässigen, denn ich werde nicht noch einmal hier vorbeikommen“.
Vollkommene Liebe ist großzügig und hat keinen Platz für Neid, der im Gegenteil aus einer verkommenen Natur entspringt – aus Selbstsucht. Liebe hingegen freut sich mit den sich Freuenden, an dem Gedeihen jedes guten Werkes und Wortes, und an dem Fortschritt in der christlichen Gnade und im göttlichen Dienst aller, die vom göttlichen Geist angetrieben werden.
Vollkommene Liebe ist demütig – „sie bläht sich nicht auf“. Sie posaunt sich nicht selbst aus. Ihre guten Taten werden nicht getan, um von den Menschen gesehen zu werden, sondern würden genauso getan werden, wenn niemand außer Gott sie sehen oder kennen würde. Sie prahlt weder mit ihrem Wissen noch mit ihren Gnaden, sondern erkennt demütig an, dass jede gute und vollkommene Gabe vom Vater kommt; und sie gibt Ihm für jede Gnade etwas zurück. Jemand hat einmal gesagt: „Liebe bewahrt einen Menschen davor, sich durch sein Verhalten zum Narren zu machen und sich in Positionen zu drängen, die seine Unfähigkeit verraten“.
Vollkommene Liebe ist höflich – „sie gebärdet sich nicht unanständig“. Hochmut ist die Wurzel, aus der das meiste unanständige Verhalten und die Grobheit erwächst, die bei denen so verbreitet sind, die sich für etwas Besseres halten, sei es intellektuell oder finanziell. Vollkommene Liebe hingegen entwickelt Höflichkeit zusammen mit Demut. Ein nachdenklicher Mann hat gesagt: „Höflichkeit wurde als Liebe in Nebensächlichkeiten definiert. Liebenswürdigkeit wird als Liebe in kleinen Dingen bezeichnet. Das Geheimnis der Höflichkeit ist die Liebe. Ein Gentleman ist jemand, der die Dinge freundlich und mit Liebe tut“.
Vollkommene Liebe ist selbstlos – „sie sucht nicht das Ihre“, ausschließlich ihre eigenen Interessen. Nichts in diesem besagt, dass man die Pflicht vernachlässigen sollte, für diejenigen zu sorgen und sich um sie zu kümmern, die durch die Bande der Natur von einem abhängig sind, damit man anderen Gutes tun kann. In jeder Hinsicht „beginnt Liebe zu Hause“. Der richtige Gedanke, wie wir ihn verstehen, ist, dass Männer und Frauen, die vom Geist der vollkommenen Liebe erfüllt sind, in allen Angelegenheiten des Lebens nicht ausschließlich an ihre eigenen Interessen denken würden. Beim Verhandeln hätten sie auch ein Interesse am Wohlergehen desjenigen, von dem sie kaufen oder an den sie verkaufen. Sie würden nicht versuchen, einen Nächsten auszunutzen, sondern mitfühlend und großzügig „leben und leben lassen“ wollen. In die Praxis umgesetzt, hätte dieses Element der Liebe einen großen Einfluss auf alle Angelegenheiten des Lebens, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Hauses und der Familie.
Vollkommene Liebe ist gutmütig – „sie lässt sich nicht erbittern“, zum Zorn. Zu den Übeln, die heute im Überfluss vorhanden und weit verbreitet sind, gehört die schlechte Laune, die Gereiztheit, die schlechte Stimmung, die Empfindlichkeit und die schnelle Verletzbarkeit. Doch in welchem Ausmaß auch immer diese Gesinnung gefördert, bereitwillig gehegt oder nicht bekämpft wird, wird sie zu einem Beweis für einen Mangel und eine Unvollkommenheit unserer Entwicklung im Heiligen Geist unseres Vaters und für die Unzulänglichkeit unserer Ähnlichkeit mit unserem Herrn Jesus, unserem Vorbild. Nur sehr wenige Beweise für einen falschen Geist werden so freundlich aufgenommen und so oft entschuldigt wie dieser. Auch wenn die natürliche Verderbtheit, geerbte Veranlagung und nervöse Störungen die Tendenz zu einem reizbaren, schweigsamen und empfindlichen Geist haben mögen, muss jedes Herz, das vom Geist des Herrn erfüllt ist, dieser Veranlagung zum Bösen in seinem Fleisch widerstehen und einen guten Kampf dagegen führen. Es reicht nicht aus, wenn wir sagen: „Das ist meine Art“, denn jede Art der gefallenen Natur ist schlecht. Die Aufgabe der neuen Natur besteht darin, die alte Natur sowohl in diesen als auch in anderen Werken des Fleisches und des Teufels zu überwinden. Nichts weniger als diese Vorgehensweise zeigt unseren Freunden und Familien ein größeres Ausmaß der Kraft der Gnade der Liebe. Diese Gnade sollte jedes Kind Gottes in dem Maße wie sie wächst sanftmütig machen [Manna vom 24. Mai, Hervorhebung von uns].
Vollkommene Liebe ist arglos – sie „sie rechnet Böses nicht zu“. Sie versucht, das Verhalten anderer wohlwollend zu interpretieren. Wenn sie selbst rein und gut gemeint ist, zieht sie es vor und bemüht sich, die Worte und das Verhalten anderer vom gleichen Standpunkt aus zu betrachten. Sie häuft keine Feindseligkeiten und Verdächtigungen an und stellt auch keine Kette von Indizienbeweisen für böse Absichten aus trivialen Angelegenheiten her. Jemand hat weise bemerkt, dass „Fehler dort häufig sind, wo Liebe rar ist“. Die Liebe nimmt eher alle möglichen Fehlurteile in Kauf, als die Motive des Herzens in Frage zu stellen.
Vollkommene Liebe ist aufrichtig – sie „freut sich nicht über die Ungerechtigkeit“. Sie ist betrübt über das Böse, wo immer es auftritt, und hat Mitgefühl mit allen, die dem Bösen verfallen oder von Versuchungen geplagt werden. In dieser Hinsicht veranlasst die Liebe zu einem entgegengesetzten Weg als dem Bileams, der „den Lohn der Ungerechtigkeit liebte“ [2. Petr. 2:15]. Bileam, daran sei erinnert, fürchtete den Herrn, und als Sein Prophet konnte er nicht anders, als sich strikt an die Anordnung des Herrn zu halten; aber er hatte nicht den Geist des Herrn, den Geist der Liebe; und daher war er bereit, sich dem bösen Vorschlag im Geiste und in der Absicht anzupassen (um den Lohn zu erhalten), als ihm ein Lohn angeboten wurde, wenn er Israel verfluchen würde, während er sich äußerlich jeglicher Äußerung enthielt, sofern der Herr nichts anderes anzeigte. So gibt es einige unter den Christen, die den Buchstaben des göttlichen Wortes aus Furcht respektieren, denen aber der Heilige Geist der Liebe fehlt und die aufgrund einer verkehrten Liebe zum Reichtum usw. bereit sind, sich auf verschiedene Praktiken einzulassen, die der Schädigung der Sache des Herrn so nahekommen, wie es nur möglich ist, ohne sich Ihm offen zu widersetzen. Einige dieser Bileams sind im Dienst tätig und sind bereit, um des Gehalts willen und um ihre Position zu halten und die Freundschaft der reichen Balaks zu gewinnen, Doktrinen zu predigen, an die sie nicht glauben (z.B. ewige Qual usw.), und auf verschiedene Weise Stolpersteine vor das geistliche Israel zu werfen. (4. Mo. 22:7; 31:16; Offb. 2:14). Der Apostel erwähnt diese Bileams als speziell von falschen Lehrern in der nominellen Kirche repräsentiert – siehe 2. Petr. 2:15; Jud. 11; Offb. 2:14.
Jeder, der danach strebt, in seinem Herzen den Heiligen Geist, die vollkommene Liebe, zu entwickeln, sollte diesen Punkt der Aufrichtigkeit der Motive sowie der Rechtschaffenheit des Verhaltens sorgfältig hüten. Der geringste Anflug von Freude über den Fall einer Person oder Sache, die in irgendeiner Weise für Rechtschaffenheit und Güte steht, ist zu bedauern und zu überwinden. Vollkommene Liebe freut sich nicht über Ungerechtigkeit, unter keinen Umständen und Bedingungen, und hätte keine Sympathie, sondern nur Trauer über den Fall eines anderen, selbst wenn dies seinen eigenen Aufstieg bedeuten würde.
Vollkommene Liebe „freut sich mit der Wahrheit“. Wie nützlich der Irrtum auch sein mag, die Liebe kann sich nicht daran beteiligen und kann nicht den Lohn des Bösen begehren. Aber sie freut sich mit der Wahrheit – Wahrheit in jeder Hinsicht und besonders in der Wahrheit der göttlichen Offenbarung; wie unpopulär die Wahrheit auch sein mag; wie sehr das Eintreten für sie auch Verfolgung mit sich bringen mag; wie sehr sie auch den Verlust der Freundschaft dieser Welt und derer, die durch den Gott dieser Welt verblendet sind, mit sich bringen mag. Der Geist der Liebe hat eine solche Affinität zur Wahrheit, dass er sich freut, Verlust, Verfolgung, Bedrängnis oder was auch immer der Wahrheit und ihren Dienern widerfahren mag, zu teilen. Nach dem Urteil des Herrn ist es gleich, ob wir uns Seiner oder Seines Wortes schämen, und von all denen erklärt er, dass Er sich schämen wird, wenn Er kommt, um in Seinen Heiligen verherrlicht zu werden.
Vollkommene Liebe „erträgt alles“. Sie ist sowohl willens als auch in der Lage, für die Sache Gottes zu ertragen – Vorwürfe, Tadel, Beleidigungen, Verluste, falsche Darstellungen und sogar den Tod. „Dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube“ [1. Joh. 5:4] – das eigentliche Zentrum und Leben, dessen Glaube der Heilige Geist der Liebe zum Herrn und zu denen ist, die Ihm gehören, und voller Mitgefühl für die Welt. Vollkommene Liebe kann unter allen Umständen standhalten und uns durch Gottes Gnade zu „mehr als Überwinder“ machen, „durch den, der uns geliebt hat“ [Röm. 8:37].
Die vollkommene Liebe „glaubt alles“. Sie ist nicht misstrauisch, sondern im Gegenteil bereit, zu vertrauen. Sie handelt nach dem Prinzip, dass es besser ist, wenn nötig hundertmal getäuscht zu werden, als durch einen misstrauischen, argwöhnischen Sinn verbittert durchs Leben zu gehen – weitaus besser, als auch nur eine Person zu Unrecht zu beschuldigen oder zu verdächtigen. Dies ist die barmherzige Gesinnung, angewandt auf Gedanken, und davon sagte der Meister: „Glückselig die Barmherzigen, denn ihnen wird Barmherzigkeit widerfahren“ [Mt. 5:7]. Der unbarmherzige, böse denkende Sinn ist der Vater eines unbarmherzigen Verhaltens gegenüber anderen.
Vollkommene Liebe „hofft alles“. Sie lässt sich nicht so leicht entmutigen. Dies ist das Geheimnis der Beharrlichkeit der Liebe; nachdem sie Gott kennengelernt und an Seinem Geist der Heiligkeit teilhat, vertraut sie auf Ihn und hofft unerschütterlich auf die Erfüllung Seines gnädigen Bundes, wie dunkel die unmittelbare Umgebung auch sein mag. Dieses hoffnungsvolle Element der Liebe ist eines der auffallenden Merkmale in der Beharrlichkeit der Heiligen, das sie befähigt, wie gute Soldaten in der Härte auszuharren. Ihre hoffnungsvolle Eigenschaft hindert sie daran, sich leicht beleidigen zu lassen oder in der Arbeit des Herrn leicht aufgehalten zu werden. Wo andere entmutigt wären und aufgeben würden, gibt der Geist der Liebe Ausdauer, damit wir einen guten Kampf kämpfen und dem Anführer unserer Erlösung gefallen können. Die Hoffnung der Liebe kennt keine Verzweiflung, denn ihr Ankerplatz liegt jenseits des Vorhangs und ist fest mit dem Felsen der Zeitalter verbunden.
GLAUBE, HOFFNUNG UND LIEBE BLEIBEN FÜR IMMER
Liebe ist nicht nur die größte aller Gnaden und, wie wir gesehen haben, wirklich die Summe von allen in Kombination und Einheit, sondern sie ist auch die dauerhafteste Gnade: Die Liebe hört niemals auf – wird niemals aufhören; und wer diesen Charakter der Liebe hat, wird niemals vergehen: Für solche ist das ewige Leben im göttlichen Plan vorgesehen.
Jetzt erinnert euch an die Argumentation des Apostels gegenüber den Freunden in Korinth: (1) dass die durch den Geist verliehenen Gnadengaben der Wunder, Zungen usw. unter ihnen gemäß ihren Talenten oder der göttlichen Weisheit verteilt wurden und nicht das Ergebnis ihrer eigenen Bemühungen waren; (2) dass er ihnen eine Gnade aufzeigt, die viel mehr wert ist als diese „Gaben“, etwas, das Gott jedem von ihnen gerne geben wird; eine Gnade, die mehr wert ist als jede der „Gaben“ – viel mehr wert als alle zusammen; eine Gnade, die man eigentlich als „Frucht“ des Geistes bezeichnen könnte – Liebe. Und Tatsache ist, dass einige, die nur wenige Talente besitzen, entsprechend weniger zu kämpfen haben, wenn sie versuchen, die alles überragende Liebe zu entwickeln.
Nachdem der Apostel dieses wunderbare und notwendige Charaktermerkmal in seiner Vollkommenheit beschrieben hat, kehrt er zurück und stellt es jenen „Gaben“ gegenüber, die sie so sehr schätzten und begehrten, und zeigt, dass die wichtigsten dieser „Gaben“ der Liebe unterlegen sind. Die Gabe der Prophezeiung, so erklärt er, wird nicht bestehen, wird aufhören; denn die Notwendigkeit der Prophezeiung würde aufhören. Die wundersame Kraft, in unbekannten Zungen zu sprechen, würde aus demselben Grund aufhören. Das Wissen um die Geheimnisse und die Fähigkeit, die tiefen Dinge Gottes zu erklären, werden allmählich vergehen, wenn das vollkommene Licht allmählich zu allen Menschen kommt; denn wenn das volle, deutliche Licht gekommen ist, wird nichts mehr verborgen sein, alles wird offenbart werden, und alle werden sehen können; daher werden die Gaben der Fähigkeit, die Geheimnisse des göttlichen Plans zu verstehen und sie anderen zu erklären, obwohl zwei der größten Gaben, letztlich im vollkommenen Licht vergehen werden: Aber die Liebe wird niemals vergehen. Sie ist das Größte in dieser Welt, und sie wird auch in der kommenden Welt das Größte bleiben; denn Gott ist Liebe; und alle, die Seine Gunst und ihre Belohnung, das ewige Leben, erhalten möchten, müssen diesen, Seinen heiligen Charakter besitzen.
Der Apostel hält inne und bemerkt, wie wenig wir alle in der heutigen Zeit wissen; selbst diejenigen, die über das größte Wissen verfügen und das göttliche Wort und seine verborgenen Geheimnisse darlegen können, wissen nur einen Teil; sie sehen nur undeutlich: und während die Unklarheit allmählich im vollkommenen Licht verschwinden wird, wenn die Sonne der Gerechtigkeit aufgeht, werden wir bis zu dieser Zeit, in der wir „verwandelt“ werden, nur einen Teil wissen; wenn die Unvollkommenheit der Vollkommenheit Platz machen wird.
Wenn wir auf unsere Kindheit zurückblicken, können wir sehen, dass wir uns körperlich entwickelt und an Wissen in irdischen Angelegenheiten zugenommen haben und unsere Denk-, Verhaltens- und Ausdrucksweisen entsprechend verändert haben; so sollten wir uns in geistlichen Angelegenheiten bewusst sein, dass wir zu Beginn unseres christlichen Weges nur „Kinder“ waren; und wir sollten uns nicht damit zufrieden geben, solche zu bleiben, sondern uns individuell danach sehnen, in allen Dingen in Christus heranzuwachsen. Und was für jeden Einzelnen gilt, gilt auch für die Kirche als Ganzes. Die Zeit der Gaben der Zungenrede und der Wunder war die Zeit der Kindheit und der Jugend; als Fortschritte gemacht wurden, verschwanden unter der Führung des Heiligen Geistes bestimmte Merkmale, die sehr notwendig und gut an die Kindheit angepasst waren, und stattdessen kamen andere Erfahrungen, Methoden und Führungen in der Wahrheit. Daher gibt es heute keine „Zungen“ mehr, keine „Weissagungen“ im Sinne von Vorhersagen zukünftiger Ereignisse, keine „Wunder“ usw., nachdem sie ihren Zweck erfüllt haben. Aber der Herr versorgt die Kirche weiterhin mit der „Erkenntnis“, auch wenn es nur unvollkommene Erkenntnis ist; Er stellt weiterhin Methoden zur Verfügung, um die Wahrheit zu verkünden oder die Nachricht von der Wahrheit an die Ungläubigen weiterzugeben; Er stellt weiterhin Lehrer und Hilfen in der Kirche zur Verfügung. Aber diese werden in der Regel nicht auf wundersame Weise bereitgestellt, wie am Anfang, sondern auf natürliche Weise und durch die Hinzufügung des Segens des Herrn zu den natürlichen Begabungen. Aber all dies wird aufhören, soweit es die Kirche betrifft, wenn ihr Weg beendet ist – „wenn das Vollkommene gekommen sein wird“, wird sie diese unvollkommenen Hilfen nicht mehr benötigen.
Drei Gaben des Geistes, die sich als Früchte entwickeln, werden überdauern; und diese drei sind mit Ernsthaftigkeit zu suchen und mit Fleiß zu pflegen; es sind Glaube, Hoffnung und Liebe: aber die größte, die wichtigste davon ist die Liebe. Glaube und Hoffnung sind zwar zwei der notwendigsten Eigenschaften für die gegenwärtige Zeit, da sie uns helfen, unsere Berufung und Erwählung festzumachen, und zwei, die bis in alle Ewigkeit nie aufhören werden, werden jedoch messbar an Wirksamkeit verlieren, „wenn das Vollkommene gekommen sein wird“, denn in hohem Maße und in Bezug auf viele Themen werden Sehen und Erkenntnis den Platz von Glaube und Hoffnung einnehmen. Aber die Liebe wird niemals vergehen, niemals verblassen, niemals trübe werden. Sie wird im kommenden Leben genauso aktiv, herrlich und nützlich sein wie jetzt. In der Tat wird die Summe des zukünftigen vollkommenen Lebens die Liebe sein.
* * *
Lasst uns, liebe Leser, bei all unserem Streben nach der Liebe streben – nicht nur in Worten, sondern in Taten und in Wahrheit; die Liebe, deren Wurzeln im „neuen Herzen“ liegen, das in uns durch die Liebe unseres himmlischen Vaters gezeugt wurde und in den Worten und Taten unseres lieben Erlösers zum Ausdruck kommt. Alles andere, was wir suchen und gewinnen, wird nur Verlust und Schrott sein, wenn wir uns nicht bei allem die Liebe sichern.
Der Herausgeber möchte jedem Leser einen Vorschlag unterbreiten, von dem er glaubt, dass er für alle, die sich daran beteiligen, hilfreich sein wird. Dieser Vorschlag lautet:
(1) Dass jeder von uns während des restlichen Jahres jeden Morgen darum betet, dass der Herr uns bei der Entwicklung der Liebe in Gedanken, Worten und Taten während des Tages segnet; und dass wir jeden Abend, wenn wir die Ereignisse des Tages am Thron der himmlischen Gnade Revue passieren lassen, daran denken, dem Herrn über unser Maß an Erfolg oder Misserfolg Bericht zu erstatten.
(2) Dass wir während des restlichen Jahres jeden Sonntagmorgen sorgfältig und nachdenklich abwechselnd 1. Kor. 13 und Mt. 5:1-16 lesen. Diejenigen, die gerne gemeinsam lesen möchten, können dies tun. Wir weisen darauf hin, dass der Herausgeber am 22. August Mt. 5:1-16 und am 29. August 1. Kor. 13 und danach jeweils abwechselnd lesen wird. Beachtet die Ergebnisse eures Wachens und Betens. Haltet Ausschau nach allen ermutigenden Beweisen für das Wachstum dieser Frucht des Heiligen Geistes; und wenn ihr uns schreibt, erwähnt bitte eure Fortschritte im Willen zur Liebe und in der Ausübung dieser; wir freuen uns besonders, von eurem Wachstum sowohl in der Gnade als auch in der Erkenntnis zu erfahren. R2202-2205