R 1963
DER KONTRAST ZWISCHEN MENSCHLICHER VOLLKOMMENHEIT UND MENSCHLICHER VERDERBTHEIT.
„Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider, indem sie das Los warfen. Und sie saßen und bewachten ihn dort“ - Mt. 27:35, 36.

Hier sehen wir im krassen Kontrast zueinander die Herrlichkeit moralischer Vollkommenheit und die Tiefe menschlicher Verderbtheit. Hier standen erhabenstes Heldentum, vollkommenste Selbstverleugnung, erhabenste Güte und hingebungsvollste Loyalität im Kontrast zu abscheulichster Heuchelei, kaltblütigstem Hass und erbärmlichster Feigheit. Die niedrigste, abscheulichste Selbstsucht, der Stolz und die Einbildung haben die schönste Blume der Tugend, die jemals auf Erden erblühte, der Schande und dem Tod ausgeliefert, und böse Hände und teuflische Herzen haben die dunklen Pläne des Neids und des Hasses ausgeführt und sich an den Todesqualen des Sohnes Gottes mit morbider Freude ergötzt, während er, der wie ein Schaf vor seinem Scherer stumm ist, nicht einmal Seinen Mund zur Selbstverteidigung auftat, sondern Sich sanftmütig der schrecklichen Prüfung des Leidens und Todes für die Welt der Sünder, von denen damals keiner Seine Motive oder Sein Werk würdigen und verstehen konnte, unterwarf. Wahrlich, der Kontrast solcher Tugend im Vergleich zu solcher Verderbtheit umgibt das Kreuz Christi mit einem Heiligenschein unaussprechlicher Herrlichkeit, dessen gebrochene Strahlen, die auf uns fallen, uns alles zum Ausdruck bringen, was moralische Vortrefflichkeit und Wert ausmacht.

In der Festnahme, Anklage und Kreuzigung Christi werden drei Klassen von Kriminellen sichtbar. Erstens gab es diejenigen, die ihn aus Neid dem Tod überantworteten. Es waren die stolzen, prahlerischen, selbstgerechten Heuchler, die, obwohl sie ihre eigene Minderwertigkeit erkannten und sich ihrer Unfähigkeit bewusst waren, die Führer und Retter des Volkes zu sein, sich dennoch so sehr nach den Ehren und dem Lob der Menschen und den Einkünften aus dem Amt sehnten, dass sie den bloßen Gedanken an einen Rivalen mit überlegenen Talenten und Fähigkeiten nicht ertragen konnten. Diese hassten den Herrn ohne Grund, außer dem, der in ihrer eigenen Verderbtheit wurzelte. Diese, die mächtigen Männer der jüdischen Nation, die Herrscher und religiösen Lehrer, die gebildeten Männer der Nation, die Ausleger des Gesetzes Gottes und die Interpreten der Propheten, diese boshaften Menschen berieten sich gemeinsam gegen den Herrn und gegen Seinen Gesalbten; und in ihren Beratungen untereinander erkannten sie die Überlegenheit des Opfers ihres Hasses an und drückten den wahren Grund dafür aus – ihren Neid auf Seinen wachsenden Ruhm und Einfluss unter dem Volk, was auf ihre eigene baldige Ablösung hindeutete.

Zweitens gab es jene unterwürfigen, korrupten Handlanger, die zu selbstsüchtig waren, um ein Bestechungsgeld abzulehnen oder ein Prinzip zu würdigen, und die immer bereit sind, ein Prinzip für einen geringfügigen gegenwärtigen Vorteil oder eine Belohnung zu opfern. Zu dieser Klasse gehörte Judas, der den Herrn für dreißig Silberstücke verkaufte, und auch der ganze wütende Mob, der, angestachelt von den Priestern, schrie: „Weg, weg! Kreuzige ihn!“ „Wir haben keinen König, als nur den Kaiser!“ [Joh. 19:15, 16] „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!“ [Mt. 27:25] Judas liebte das Geld, und diese liebten die Anerkennung der Priester und Herrscher und wollten auf der Seite des Volkes stehen. Wie bösartig ist die Bestechung, wie niederträchtig das Verbrechen!

Drittens gab es diese kaltblütigen, grausamen Diener des römischen Staates, die sich keinerlei Verantwortung in dieser Angelegenheit zuschrieben und sich weder um die Ehre der Gerechtigkeit noch um die Verteidigung des Rechts kümmerten. Es war ihre Aufgabe, die Anweisungen ihrer Vorgesetzten auszuführen, und sie mussten dies auf eigene Gefahr tun. Mit Blick auf ihre eigenen Interessen war es daher ihre Aufgabe, die Nägel durch das zitternde Fleisch zu treiben und die Dornenkrone auf das Haupt des Opfers zu setzen. Es war eine schreckliche Angelegenheit, aber sie waren darin geschult, so dass das Stöhnen der Qual ihre Herzen nicht erreichte. So, im Licht des Geschäfts auf diese grauenvolle Abwicklung blickend, dachten sie nur an ihre Beute und setzten sich mit kalter Gleichgültigkeit hin und beobachteten die Qualen des Herrn, während sie das Los über Sein Gewand warfen. Und einige versuchten sogar, die Leiden durch grausame Spottreden und teuflische Freude noch zu verschlimmern.

Wie seltsam es doch scheint, dass die Menschheit, ursprünglich im Ebenbild Gottes, so tief sinken kann! Und doch ist es nur allzu wahr. Die Tiefe der Verderbtheit, in die ein intelligentes Wesen sinken kann, kann nur an der Höhe der ursprünglichen Vollkommenheit und Herrlichkeit gemessen werden. Satan fiel aus großer Höhe in eine entsprechende Tiefe, und so ähnlich fällt auch der Mensch in die tiefste Tiefe des Frevels, es sei denn, er bereut und bekehrt sich von seinem falschen Weg und unterwirft sich freiwillig den heilenden Einflüssen der göttlichen Gnade. Die Sünde bewegt sich mit zunehmender Geschwindigkeit immer weiter abwärts zu immer abscheulicheren Zuständen, bis sie in einem Schiffbruch von allem Edlen und Reinen endet; und „die Sünde aber, wenn sie vollendet ist, gebiert den Tod“ [Jak. 1:15].

Wenn wir auf die verschiedenen Manifestationen der Bosheit seitens derer blicken, die den Herrn gekreuzigt haben, ist es ein trauriger Ausdruck menschlicher Verderbtheit, zu bemerken, dass genau dieselben Elemente seitdem in der Welt sind; und leider! immer noch sind. Und die besonderen Opfer ihres Hasses waren und sind immer noch die Sanftmütigen der Erde, die ihr Kreuz auf sich genommen haben, um in die Fußstapfen des Gekreuzigten zu treten – der Leib Christi, der ergänzt was noch rückständig ist von Seinen Drangsalen (Kol. 1:24). Während des ganzen Zeitalters gab es diejenigen, die bestrebt waren, sie dem Tod zu überantworten, die sich aus Neid heuchlerisch als Vertreter Gottes ausgaben, um sie zu verurteilen, aufzuspüren, zu jagen und ihren Einfluss zu vernichten und sie zur Kreuzigung auszuliefern. Das ist die Klasse der Pharisäer – die Klasse, die von den Hohenpriestern, den Schriftgelehrten und Pharisäern repräsentiert wird. Es gab auch schon immer die Klasse der Mietlinge, die bereit waren, ihre Dienste an solche Führer für die geringen Bestechungsgelder zu verkaufen, die sie zu bieten hatten – für die Gunst ihrer Führer, für die Bequemlichkeit, auf der Seite des Volkes zu stehen, oder für einen geringen finanziellen oder gesellschaftlichen Vorteil. Das ist die Klasse des Judas – eine Klasse, die, wie Judas und wie die Priester, Schriftgelehrten und Pharisäer, die im Leib Christi veranschaulichte Wahrheit und Gerechtigkeit kennt und insgeheim anerkennt, und die sie dennoch nicht mag, sie hasst und immer bereit ist, eine Handelsware aus ihr zu machen – sie der Verachtung und dem Spott auszuliefern, wenn nicht, wie in früheren Zeiten, ins Gefängnis und in den Tod, für den geringen Vorteil der Gunst des Volkes.

Dann gibt es noch die grausamen, kaltblütigen Knechte, die sich selbstgefällig und gleichgültig, aber dennoch neugierig hinsetzen und das Leiden des Leibes beobachten und sich fragen, was als Nächstes passieren wird. Sie sind erstaunt und verwirrt über die Tapferkeit, mit der man täglich das Kreuz auf sich nimmt und Christus nachfolgt; sie können die Motive, die dazu inspirieren, nicht verstehen; sie glauben nicht an die Belohnungen, auf die die Geweihten blicken, und beobachten sie neugierig, um zu sehen, ob ihr Gott vielleicht dazwischentreten und sie befreien wird. Und wenn sie kein wunderbares Eingreifen zu ihren Gunsten sehen, sondern dass sie stattdessen das Kreuz bis zum bitteren Ende des Opferns tragen, betrachten sie sie, wie ihr Haupt, als „von Gott geschlagen und niedergebeugt“ [Jes. 53:4], und zu den Leiden kommen ihre Vorwürfe hinzu. Und so kann jedes Glied des gesalbten Leibes mit dem Haupt sagen: „die Schmähungen derer, die dich schmähen, sind auf mich gefallen“ [Ps. 69:10].

Allen, die in irgendeiner Weise mit Christus leiden, ist es ein wichtiges Anliegen, dass sie dies mit derselben Demut, Güte und Stärke ertragen, die Ihn in den entscheidenden Prüfungen des Ertragens auszeichneten. Er war über das Auftreten der menschlichen Verderbtheit nicht verwundert. Er wusste, dass Er sich in einer unfreundlichen Welt aufhielt, die von der Sünde gefangen war und sich größtenteils unter der Herrschaft des Fürsten der Finsternis befand. Aus diesem Grund erwartete Er auch Schmach, Hohn und Verfolgungen. Er ertrug das alles geduldig, während Sein großes, liebevolles Herz, das das eigene Leiden fast nicht beachtete, voller Mitleid und liebevoller Sorge für andere war [Manna vom 5. Januar – Teil 2]. Haben wir wirklich so viel vom Geist des Meisters, dass wir so mit Christus leiden können, indem wir mit Sanftmut die Schande ertragen und darauf vertrauen, dass der Himmel uns zu gegebener Zeit rechtfertigt? „Wenn ihr aber ausharrt, indem ihr Gutes tut und leidet, das ist wohlgefällig bei Gott. Denn hierzu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten, euch ein Beispiel hinterlassend, damit ihr seinen Fußstapfen nachfolgt; der keine Sünde getan tat, noch wurde Trug in seinem Mund gefunden, der, gescholten, nicht wiederschalt, leidend, nicht drohte, sondern sich dem übergab, der recht richtet“. „Denn betrachtet den, der so großen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht ermüdet, indem ihr in euren Seelen ermattet“ (1. Petr. 2:20-23; Hebr. 12:3). Lasst uns zusehen, die Schmähungen Christi so zu ertragen, wie Er sie ertragen hat - voller Mitleid und im Gebet für die Irrenden und Verdorbenen – ob ihnen Gott nicht etwa Buße gebe. Voller demütiger Entschiedenheit betrachten wir es als Vorrecht, unsere Hingabe für den Herrn dadurch zu beweisen, dass wir Schwierigkeiten in Seinem Dienst als gute Soldaten ertragen [Manna vom 5. Januar – Teil 1].

Aber was sollen wir von denen sagen, die den Leib des Herrn ohne Grund hassen, die ihn aus Neid der Verfolgung und dem Tod ausliefern, oder von denen, die den Unschuldigen gegen Bestechungsgeld verraten, oder von denen, die mit kühler Gleichgültigkeit, aber neugierigem Interesse, ruhig dem Leiden des Leibes zusehen, wie die römischen Soldaten es mit dem Haupt taten, und sagen: „Lasst uns sehen, ob Elia kommt, ihn zu retten?“ [Mt. 27:49]. „Meine Seele komme nicht in ihren geheimen Rat, meine Ehre vereinige sich nicht mit ihrer Versammlung!“ [1. Mo. 49:6]. Ihr Weg ist der Weg des Todes. Wenn das edle Schauspiel der Loyalität gegenüber Gott, der Wahrheit und der Gerechtigkeit und der christlichen Standhaftigkeit, Härte und Verfolgung sanftmütig und geduldig zu ertragen, die Herzen der Menschen nicht bewegt und gewinnt, was bleibt dann noch übrig, das für sie getan werden kann? Die Güte Gottes, die sich in Seinen Kindern und auch auf andere Weise zeigt, sollte zur Buße führen; aber wenn sie das Herz nur verhärtet und es gegen die weiteren Einflüsse der göttlichen Gnade stählt, ist der Zustand einer solchen Seele in der Tat traurig. Es steht uns jedoch nicht zu, solche zur Verdammung zu verurteilen; aber es ist unsere Aufgabe, die Gesellschaft und den Rat all solcher Menschen zu meiden. „Glückselig ist der Mann, der nicht wandelt nach dem Rat der Ehrfurchtslosen und nicht betritt den Weg der Sünder und sich nicht setzt auf den Sitz der Spötter, sondern seine Lust hat an der Weisung des HERRN und in seiner Weisung nachsinnt Tag und Nacht! … Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, aber der Weg der Ehrfurchtslosen vergeht“ – Ps. 1:1, 2, 6 [J].