Man kann diesen Rat des Apostels Johannes kaum lesen, ohne dass einem eine andere Schriftstelle in den Sinn kommt, die auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen mag, nämlich: „Denn so hat Gott hat die Welt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe“ [Joh. 3:16]. Die beiden Aussagen stehen jedoch nicht im Widerspruch zueinander, sondern sind bei richtigem Verständnis in voller Harmonie. Wenn Gott die Welt so sehr geliebt hat, dass Er, obwohl sie noch Sünder waren (Röm. 5:8), den liebsten Schatz Seines Herzens opferte, um sie zu erlösen und zu retten, dann kann eine solche Liebe und Güte gegenüber der Welt unsererseits nicht im Widerspruch zu Seinem Willen stehen. Das ist in der Tat die direkte Lehre des Wortes. „Wie wir Gelegenheit haben, lasst uns das Gute wirken gegen alle“ [Gal. 6:10]. „Liebt eure Feinde, tut wohl denen, die euch hassen, und betet für die, die euch beleidigen und verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters seid, der in den Himmeln ist; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte ... Ihr nun sollt vollkommen sein, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist“ – Mt. 5:44-48.
Die Welt so zu lieben, wie Gott sie liebt, ist nicht das Gefühl, vor dem der Apostel die Kirche warnt, wie der Kontext deutlich zeigt. Es handelt sich um eine große und edle Liebe – eine Liebe, die auf der hohen Ebene der Reinheit steht und, ohne auch nur die geringste Verbindung mit dem Unreinen zu haben, dennoch Mitleid mit den Gefallenen hat und sich aktiv darum bemüht, sie aus ihrer Erniedrigung zu befreien. Diese göttliche Liebe, die so nachahmenswert ist, ist jene, die persönliche Gegensätzlichkeiten und Feindlichkeiten wohlwollend ignoriert und über alle selbstsüchtigen Überlegungen und Rachegefühle hinwegsieht, um nur die Möglichkeiten und Wege zum Frieden, Besserung und Erlösung zu betrachten.
Aber die Liebe zur Welt, von der Johannes spricht, ist, wie der Kontext zeigt, die Liebe zur Gemeinschaft, die die Teilhabe an ihrem Geist beinhaltet – an ihren Zielen, Ambitionen und Hoffnungen und an den Methoden, mit denen sie diese verfolgt. Wenn jemand die Welt in diesem Sinne liebt, dann ist die Liebe des Vaters sicherlich nicht in ihm; „Denn alles, was in der Welt ist, die Lust des Fleisches und die Lust der Augen und der Hochmut des Lebens, ist nicht von dem Vater, sondern ist von der Welt (d.h. gemäß dem Geist dieser gegenwärtigen bösen Welt). Und die Welt vergeht und ihre Lust; wer aber den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit“ [1. Joh. 2 :16, 17].
Als Kinder Gottes sind wir zu einer Position großer Gunst und Vorzüge berufen worden. Unser himmlischer Vater hat uns Seine Pläne und Absichten offenbart und sich herabgelassen, uns in Seine Gemeinschaft und aktive Mitarbeit aufzunehmen; und so groß und weitreichend ist unsere Zukunftsperspektive, dass wir das gegenwärtige Leben in einem ganz anderen Licht sehen können als die Welt. Die Welt wandelt in Finsternis ohne das Licht des Lebens, und daher sind für sie die Dinge des gegenwärtigen Lebens, die wir nur als Schlacke zu betrachten gelernt haben, von großem Wert, und sie streben und rennen und kämpfen um die trügerischen Preise, die nur Mühe und Leid mit sich bringen und schnell vergehen.
Der Apostel hat die Schätze der Welt sehr kurz als Lust des Fleisches, Lust der Augen und Hochmut des Lebens zusammengefasst. Die Lust des Fleisches umfasst alle fleischlichen Begierden und Leidenschaften, die rein tierischen Instinkte. Diesen opfern Tausende alle höheren Interessen. Ihr Vergnügen besteht darin, sich mit Essen und Trinken, Fröhlichkeit und Vergnügen zu verwöhnen. Die Lust der Augen verlangt Luxus in Kleidung und Wohnungseinrichtung und das Sammeln von allem, was man bewundert und begehrt, zur Selbstbefriedigung. Und der Hochmut des Lebens rühmt sich der Schande dieser Selbstsucht, die die Nöte und Leiden der Bedürftigen und Leidenden ignoriert und selbstgefällig zu sich selbst sagt: „Seele, du hast viele Güter liegen auf viele Jahre. Ruhe aus, iss, trink, sei fröhlich“ [Lk. 12:19]. Und es geht noch weiter: Er verachtet die Armen und Bedürftigen und unterdrückt sie.
Das ist der Geist dieser Welt. Er ist das genaue Gegenteil des Geistes Gottes und Christi; und diejenigen, die vom Geist Gottes geleitet werden, sollten sich so weit wie möglich davon fernhalten. Ihr Verhalten, ihre Kleidung, ihr Familienleben und ihre Wohnungseinrichtung müssen eine andere Sprache sprechen. Wir sollen nicht auf hohe Dinge achten, sondern uns zu Menschen von niedrigem Stand gesellen; wir sollen keinen Menschen bevorzugen, der schöne Kleidung oder einen goldenen Ring trägt, sondern wie unser Meister diejenigen, die den Willen unseres himmlischen Vaters tun, mit höchster Achtung und christlicher Liebe betrachten – Röm. 12:16; Jak. 2:1-5.
„Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm. Hierin ist die Liebe mit uns vollendet worden, damit wir Freimütigkeit haben können am Tag des Gerichts, dass, wie er ist, auch wir sind in dieser Welt“. So wie Gott Liebe ist und sich allen Seinen Geschöpfen offenbart, so sollten auch wir Liebe sein und so als Lichter in der Welt leuchten. Und wenn wir in dieser Welt zu lebendigen Verkörperungen und Vertretern der Liebe werden, können wir zuversichtlich sein, dass wir am Ende unseres Weges vor Ihm, der vor allem anderen danach trachtet, in uns diese Ähnlichkeit mit Sich selbst zu sehen, als gerecht befunden werden – 1. Joh. 4:16-18.
Gemeinschaft mit der Welt zu pflegen heißt, mit ihren Ideen im Einklang zu wandeln und sich nach ihren Methoden zu richten. In diesem Sinne sollen wir sie nicht lieben, sondern müssen uns von ihr absondern und in Opposition zu ihr stehen. Der Weg, der uns so aufgezeigt wird, ist zumindest in mancherlei Hinsicht ein schwieriger und einsamer Weg, aber es ist der einzige Weg des Friedens und der Glückseligkeit. Diese Welt mit ihren Begierden vergeht sehr schnell, sie ist leer, unbefriedigend und führt schließlich ins Unheil und zum Ruin. Aber diejenigen, die sich an dem Weg des Herrn erfreuen, haben eine gesegnete Verbindung und Gemeinschaft mit Ihm. Ihre Freuden kommen aus einer Quelle, die die Welt nicht verstehen kann. Sie leben auf einer höheren Stufe, atmen eine reinere Atmosphäre und genießen eine heiligere, lieblichere Freundschaft, als die Welt jemals anbieten könnte [Manna vom 20. Juni, Hervorhebung von uns].
Wenn aber jemand in Christus von diesen hohen Vorrechten herabsteigt, um an den armseligen Ersatzgütern teilzuhaben, die die Welt zu bieten hat, so beweist er damit seine Undankbarkeit und damit seine Unwürdigkeit für die himmlischen Dinge: Die Liebe des Vaters ist nicht in ihm, und er muss das Urteil des Tages der Entscheidung wohl fürchten. R1955-1956