VIELE sind verwirrt darüber, warum falsche Lehren zugelassen werden, die Gottes Volk irritieren und verwirren. Wenn sie die Wahrheit empfangen und sich darüber freuen, scheinen sie zu glauben, dass sie endlich alle Kontroversen hinter sich gelassen haben und in das Land der Ruhe und des Friedens, in das Land „Vermählte“ [hebr. beulah, zu heiraten], eingegangen sind, wo sie fortan nie wieder beunruhigt werden [Jes. 62:4]. Aber das ist ein großer Irrtum. Unser großer Widersacher, Satan, ist nicht geneigt, die Kinder des Lichts ungestört in das himmlische Königreich eintreten zu lassen. Er ist ein erbitterter Feind dieses Königreichs und seiner Errichtung sowie aller seiner zukünftigen Erben, und seine Macht ist noch nicht gebunden. Die Kinder des Lichts, die Erben des Königreichs, sind daher das besondere Ziel, auf das seine feurigen Pfeile gerichtet sind. Sobald sie dem Reich der Finsternis entkommen sind und beginnen, im Licht zu wandeln, müssen sie daher damit rechnen, dass Fallstricke für ihre Füße ausgelegt und Stolpersteine auf ihren Weg gelegt werden. Das Werk wird auch mit solcher List vollbracht, dass, wenn möglich, der entflohene Vogel getäuscht und unversehens gefangen wird [siehe Ps. 124:7]. Und tatsächlich werden Tausende so gefangen, und nur wenige entkommen der „wirksamen Kraft des Irrwahns“ [2. Thes. 2:11] dieses „bösen Tages“ [Eph. 6:13] des satanischen Zorns und der satanischen Macht.
Es ist daher eine berechtigte und vernünftige Frage: Warum lässt der Herr die starken Verführungen und Glaubensprüfungen dieser bösen Zeit zu, wenn sie tatsächlich den Glauben vieler Menschen erschüttern und alle auf eine harte Probe stellen? Auf diese Frage gibt der Apostel Paulus (2. Thes. 2:10-12, EB) folgende Antwort: „Deshalb sendet Gott ihnen (Wem? – Denjenigen, ‚die die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, durch die sie errettet worden wären‘), eine wirksame Kraft des Irrtums, dass sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Wohlgefallen gefunden haben an der Ungerechtigkeit“.
So wird uns klar gesagt, dass Gott nicht nur zulässt, sondern auch will, dass der Glaube Seines bekennenden Volkes streng geprüft wird. Und wenn Tausende durch diese feurigen Pfeile des Feindes fallen, dann deshalb, weil sie der Wahrheit nicht würdig sind, da sie sie nicht in Liebe angenommen haben. Viele nehmen die Wahrheit in der Tat so auf, wie ein Kind ein neues Spielzeug aufnimmt. Es ist eine Neugier, etwas Neues, das man eine Zeit lang genießt und dann beiseitelegt, um es durch etwas anderes zu ersetzen, das vorübergehend die Fantasie befriedigt. Oder es wird als Waffe geschätzt, mit der man sich in Streitgesprächen mit Gegnern den Ruhm des Sieges erringen kann. Oder aber sie verschafft manchen Erleichterung von einer lange auferlegten Knechtschaft der Angst vor ewiger Qual, und allein dafür wird sie vor allem geschätzt. Sie haben sich nie an einer solchen Aussicht erfreut und oft befürchtet, dass sie nicht gut genug seien, um der Qual zu entkommen und in das Himmelreich zu gelangen.
Alle, die die Wahrheit so wenig achten, dass sie nur ihrer Selbstsuch dienen, sind ihrer unwürdig; und es ist Gottes Wille, dass alle diese sie verlieren. Daher die von Gott zugelassene und erwünschte Prüfung des Glaubens – die starken Verführungen, um „wenn möglich, auch die Auserwählten zu verführen“ [Mt. 24:24] – diejenigen, die die Wahrheit in Liebe angenommen haben und nicht in einer gemeinen, selbstsüchtigen Gesinnung. Die Wahrheit war nie für die Trägen oder die Bösen bestimmt. Die Ersteren sind ihrer unwürdig, und die Letzteren sind ohne sie besser dran, bis sie gelernt haben, die Freiheit, die sie bringt, zu nutzen und nicht zu missbrauchen. Licht (Wahrheit) ist gesät dem Gerechten, und Freude (die Freuden der Wahrheit) den von Herzen Aufrichtigen – Ps. 97:11. Es ist gut, dass andere, insbesondere die Bösen, in der Knechtschaft der Irrtümer bleiben, die sie bis zu einem gewissen Grad beherrschen, bis die starke Macht des Königreiches Christi die Herrschaft über die Welt übernehmen wird. Aus diesem Grund hat Gott zugelassen, dass der Aberglaube der Vergangenheit den Sinn der Menschen gefesselt hat, und erst jetzt, da das Königreich so nahe ist, erlaubt Er, dass einige Fesseln des Irrtums gelockert werden; und in der großen Zeit der Drangsal wird sich dies als Entfesselung des Tigers der menschlichen Leidenschaften erweisen, was äußerst verhängnisvoll wäre, wenn nicht die starke Herrschaft der eisernen Rute bald für Ordnung sorgen und den kriegführenden Elementen sagen würde: „Schweig, verstumme“ [Mk. 4:39]. Für die Trägen und Selbstsüchtigen, die nicht grob böse sind, dient die Wahrheit nur dem Stolz und der Selbstsucht, und daher ist es Gottes Wille, dass alle solche sie verlieren, wie sie es in Übereinstimmung mit ihrer natürlichen Veranlagung tun. Die wahren Kinder Gottes lieben die Wahrheit, weil sie sich in Verwandtschaft mit ihr befinden. Sie lieben Gerechtigkeit, sie lieben ihre Mitmenschen und möchten ihnen Gutes tun und ihnen helfen. Sie sind sehr wohlwollend und brüderlich gütig. Sie sind auch sanftmütig und nicht darauf bedacht, sich in den Vordergrund zu spielen und sich in Streitgesprächen über ihre Mitmenschen zu erheben; sie sind auch keine bloßen Kuriositätenjäger. Wenn sie die Wahrheit gefunden haben, erkennen sie ihren Wert. Sie preisen sie und denken über sie nach; sie betrachten sie als eine großartige und umfassende Verwirklichung des höchsten Ideals von Gerechtigkeit, Liebe und Güte. Sie freuen sich über die großzügigen Verheißungen nicht nur für die auserwählten Miterben Christi, sondern für die ganze Menschheit, sowie über die Barmherzigkeit Gottes gegenüber den endgültig unverbesserlichen Sündern, die Er gnädig vernichten, aber nicht quälen wird. Sie sagen, sie ist wie Gott: sie ist die Offenbarung Seiner herrlichen Güte, der Abglanz Seines liebevollen, wohlwollenden, weisen und gerechten Charakters. Aus diesem Grund lieben sie die Wahrheit und den Gott, der sie gegeben hat. Sie bewahren sie in ihren Herzen auf wie einen Schatz und prägen sie sich immer wieder ein. Und wenn sie in die Wahrheit hineinschauen und ihre ganze Symmetrie und Schönheit bewundern, streben sie immer mehr danach, ihren eigenen Charakter den gleichen Grundsätzen der Schönheit anzugleichen und sie anderen durch Wort und Verhalten zu empfehlen, damit auch diese durch sie gesegnet werden [Manna vom 19. Juni, Hervorhebung von uns].
Das bedeutet es, die Wahrheit in einem guten und ehrlichen Herzen aufzunehmen. Für solche Menschen war die Wahrheit bestimmt, und es ist nicht möglich, dass sie durch die Sophistereien des Irrtums getäuscht werden. Sie erkennen das Gute, wenn sie es haben, und halten deshalb daran fest. Sie haften daran wie Stahlspäne an einem Magneten, weil sie eine Affinität dazu haben. Wenn man einen Magneten durch eine Schachtel mit Sägemehl und Stahlspänen fährt, ist er danach mit Stahlspänen bedeckt. Ein wenig Sägemehl kann auch leicht darauf liegen bleiben, so wie manche Menschen sich mit der Wahrheit und denen, die sie sehr schätzen, verbinden; aber das Sägemehl wird leicht weggeweht, während die Stahlspäne fest haften bleiben. Genauso lassen sich viele, die sich mit dem Volk des Herrn verbinden, leicht von einem kleinen Windhauch neuer falscher Doktrinen mitreißen. Und obwohl sie nicht alle mit dem ersten Windhauch verschwinden, werden ein paar weitere Windstöße sie alle wegwehen. Aber die Wahrhaftigen wird Gott nicht über ihre Kraft hinaus versuchen lassen; denn Er hat Seinen Engeln geboten, sie zu behüten, und sie werden sie auf ihren Händen tragen, damit sie sich nicht mit ihren Füßen an einen Stein stoßen [Mt. 4:6].
Der Engel oder Sendbote, der damit beauftragt ist, kann ein gut unterwiesener Bruder sein, der sich bemüht hat, sich als ein von Gott anerkannter Arbeiter zu erweisen, der das Wort der Wahrheit richtig teilt [2. Tim. 2:15] und stets bereit ist, die Herde Gottes zu weiden, oder eine treue Schwester, die mit mütterlicher Fürsorge über die Lämmer der Herde wacht. Denn der Herr wird immer für Seine Auserwählten sorgen, und sie werden nicht straucheln noch fallen.
Das Wichtigste, worauf alle Berufenen zuerst achten müssen, ist, dass sie die Wahrheit in der Liebe empfangen haben und noch immer bewahren. Nehmt ihren gesegneten Geist frei in euch auf und lebt in ihrer geheiligten Atmosphäre; „wenn jemand den Geist Christi nicht hat, der ist nicht sein“ [Röm. 8:9]. „In Heiligung des Geistes und im Glauben an die Wahrheit“ seid ihr zu dem großen Heil erwählt, das bald offenbart werden wird (2. Thes. 2:13). Aber der Glaube an die Wahrheit nützt nichts, wenn er nicht seine rechtmäßigen Früchte in einem guten und ehrlichen Herzen hervorbringen darf, nämlich die Heiligung des Geistes, eine vollständige Hingabe an den göttlichen Willen und Dienst. Lasst uns diese Lektion beherzigen und so laufen, dass wir den Preis unserer hohen Berufung erlangen. „Kaufe Wahrheit“ um jeden Preis der Selbstaufopferung und „verkaufe sie nicht“ für einen armseligen gegenwärtigen Vorteil [Spr. 23:23]. R1949-1950