R 1948
DIE FREUDE DES CHRISTEN
„Du wirst mir den Weg des Lebens mitteilen; Fülle von Freuden ist vor deinem Angesicht, Lieblichkeiten in deiner Rechten jederzeit“ - Ps. 16:11.

Wenn wir bedenken, wie viel in der Heiligen Schrift über Freude und Jubel unter Gottes Volk gesagt wird, sind wir tief beeindruckt von dem Gedanken, dass unser himmlischer Vater sehr um das Glück Seiner Kinder bedacht ist, sogar im gegenwärtigen Leben. Weltlich gesinnte Menschen können dies nicht erkennen, sie betrachten das Los der Kinder Gottes als hart und freudlos und Gott als einen strengen Herrn, der sich nicht um das Glück Seiner Kinder kümmert. Dies liegt jedoch nur daran, dass der natürliche Mensch die Dinge des Geistes Gottes nicht empfangen kann, weil sie geistlich zu erkennen sind. Aber die geistlich Gesinnten haben Speise zu essen, von der die Welt nichts weiß, und ihre Herzen freuen sich, und ihre Freude nimmt ihnen niemand.

Wie seltsam das doch ist! sagt die Welt. Da war doch Paulus, ein Mann mit großem Talent und vielen Möglichkeiten, der in der Welt etwas hätte werden können: Er verschwendete seine Talente, war sein Leben lang arm, heimatlos, ohne Freunde, wurde herumgeschlagen und verfolgt, eine Art religiöser Fanatiker. Aber Paulus, der die Sache aus der Perspektive seines geistlichen Verständnisses betrachtete, sagte: „Ich bin ganz überströmend in der Freude bei all unserer Drangsal“ (2. Kor. 7:4); denn er gehörte zu jenem gesalbten Leib, der wie sein Herr und Haupt sagen konnte: „Ich sah den Herrn allezeit vor mir; denn er ist zu meiner Rechten, damit ich nicht wanke. Darum freute sich mein Herz, und meine Zunge frohlockte“ – Apg. 2:25, 26.

So fordert der Psalmist alle Gesalbten auf, sich zu freuen, indem er sagt: „Jubelt, ihr Gerechten, in dem HERRN! Zu den Aufrichtigen passt Lobgesang“ (Ps. 33:1). Und Jesaja, der für dieselbe Gruppe spricht, sagt: „Hoch erfreue ich mich in dem HERRN; meine Seele soll frohlocken in meinem Gott! Denn er hat mich bekleidet mit Kleidern des Heils, den Mantel der Gerechtigkeit mir umgetan, wie ein Bräutigam den Kopfschmuck nach Priesterart anlegt, und wie eine Braut sich schmückt mit ihrem Geschmeide“ – Jes. 61:10.

Diese selige Freude, die die Seele so wunderbar über alle Wechselfälle des gegenwärtigen Lebens erhebt, ist, wie der Prophet es ausdrückt, Freude im Herrn, nicht Freude an irdischen Gütern, irdischen Hoffnungen oder Ambitionen. Diese irdischen Dinge sind alle so vergänglich und so veränderlich, dass ein einziger Schlag des Unglücks sie alle von uns wegfegen kann; aber nicht so ist es mit denen, deren Herzen auf Gott ausgerichtet sind und denen Er den Weg des Lebens gezeigt hat. Diese haben gelernt, die Dinge des gegenwärtigen Lebens nach ihrem wahren Wert zu beurteilen; sie sehen, dass alle seine Freuden vergänglich und unbefriedigend sind und dass der einzige wirkliche Wert darin liegt, dass es uns Gelegenheit bietet, Erfahrungen zu sammeln, uns zu üben und in den Dingen Gottes zu lernen, den Ruf Gottes zu hören und unsere Berufung und Erwählung festzumachen. Indem wir das gegenwärtige Leben richtig nutzen – indem wir auf dem Weg des Lebens wandeln, den Gott uns durch Sein Wort zeigt –, haben wir die gegenwärtigen Freuden der Hoffnung und des Glaubens an das, was wir nicht sehen, aber sicher und ewig ist; und wir wissen auch, dass wir bald in der unmittelbaren Gegenwart Gottes die Fülle der Freude und ewige Wonne zu Seiner Rechten haben werden – dem Ort der höchsten Gunst.

Aber während die Fülle der Freude im höchsten Sinne für jene selige Zeit vorbehalten ist, in der wir dem Herrn gleich sein werden und Ihn sehen werden, wie Er ist (1. Joh. 3:1-2), und in Seiner Gegenwart und zu Seiner Rechten (in Seiner höchsten Gunst) sein werden, gibt es eine Fülle der Freude in der Gegenwart und in der Gunst Gottes, die jedem Christen jetzt schon zuteilwird. Unsere Fähigkeit zur Freude ist jetzt noch nicht so groß, wie sie einmal sein wird, aber es ist jetzt möglich, dass unsere kleinen irdenen Gefäße so voll sind, wie sie nur sein können, mit der Freude des Herrn. Und Tag für Tag ist es unser Vorrecht, die Gegenwart und Gunst Gottes zu erkennen, wenn wir auf dem Weg des Lebens, dem Weg des Gehorsams und des liebevollen Dienstes, Gott näherkommen. „Wenn jemand mich liebt“, sagte unser Herr Jesus, „so wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen“ – Joh. 14:23.

Kann ein Christ in einer solchen Gemeinschaft versäumen, wenigstens ein gewisses Maß an Freude im Herrn zu empfinden? Nein, wenn sein Glaube die Verheißung erfasst und festhält, wird die Freude im Herrn mit Sicherheit folgen, und je fester sein Glaube an der Verheißung festhält, desto mehr wird er ihre Erfüllung erkennen und desto größer wird seine Freude sein; denn in der Gegenwart des Herrn ist die Fülle der Freude, ganz gleich, wie die Umstände und Verhältnisse auch sein mögen.

In der gesegneten Erkenntnis dieser Erfahrung und der Gewissheit des Glaubens, die sie ihm gab, rief Paulus inmitten all seiner Mühen aus: „Wer wird gegen Gottes Auserwählte Anklage erheben? ... Wer wird uns scheiden von der Liebe des Christus? Drangsal oder Angst oder Verfolgung oder Hungersnot oder Blöße oder Gefahr oder Schwert? Aber in diesem allen sind wir mehr als Überwinder durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin überzeugt, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, noch Gewalten, weder Höhe noch Tiefe, noch irgendein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermögen wird von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn“ – Röm 8:33-39.

Es war diese starke Überzeugung, dieser zuversichtliche Glaube des Apostels, der ihm inmitten all seiner Bedrängnisse solche Freude schenkte. Sein Glaube hielt fest an den Verheißungen Gottes, und Liebe und Dankbarkeit trieben ihn zu sofortigem Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes und zu eifrigem Dienst für Ihn; und offensichtlich erfüllte sich die Verheißung des Herrn für ihn in der beständigen Gegenwart des Vaters und des Sohnes, die ihn zu jeder Zeit und unter allen Umständen begleiteten.

Dieses gesegnete Vorrecht gehört auch uns, wenn wir durch den Glauben ganz in den Willen und die Gnade des Herrn eintreten. Und mit der gesegneten Erkenntnis, dass unser himmlischer Vater und unser Herr Jesus zu jeder Zeit bei uns sind, dass sie uns lieben und Gnade schenken, und mit einem Glauben, der alle überaus großen und kostbaren Verheißungen Gottes festhält, welche Seele könnte da nicht jubeln und sich freuen, selbst inmitten tiefer Trauer oder großer Bedrängnis? In der Gegenwart des Herrn ist ungeachtet dessen, wo wir uns befinden, Fülle von Freuden. Lasst uns die Bekanntschaft mit dem Herrn stärker pflegen und uns Ihm nähern: im Gebet, im Studium Seines kostbaren Wortes, im Nachsinnen über Seine ganze Güte, über Seine vorsorgliche Fürsorge, über die deutlichen Offenbarungen Seiner Gnade in unseren eigenen Erfahrungen und Seine kostbaren Verheißungen, die in Christus Jesus alle Ja und Amen sind. So „nahet euch Gott, und er wird sich euch nahen“ (Jak. 4:8). Er wird sich uns offenbaren und Wohnung bei uns machen.

Gottes Wille ist wahrhaftig, dass alle Seine Kinder in Ihm glücklich sind, dass sie sich immer freuen, und wenn jemand dieser Segnungen ermangelt, so bleibt er hinter seinen Vorrechten zurück [Manna vom 18. Juni, Hervorhebung von uns]. Geliebte, geben wir uns nicht damit zufrieden, unter unseren Vorrechten zu leben. Lasst uns die Gnade Gottes so sehr schätzen, dass wir immer eifriger danach streben, und dabei an die Ermahnung denken: „Sucht, und ihr werdet finden; klopft an, und es wird euch aufgetan werden“. Alle Reichtümer der göttlichen Gnade gehören uns, wenn wir sie im Glauben und in Demut beanspruchen und uns in die Lage versetzen, sie gemäß dem Wort Gottes zu empfangen. „Bittet und ihr werdet empfangen, damit eure Freude völlig sei“ [Joh. 16:24]. Und niemand kann euch eure Freude nehmen, solange ihr in Ihm bleibt, der unser Leben, unsere Freude, unsere Ruhe und unsere Hoffnung ist.

„Warum sollten die Kinder des Königs
Den ganzen Tag traurig sein?“
„Kinder des himmlischen Königs,
Lasst uns auf unserer Reise singen!“