FRIEDE wird definiert als ein Zustand der Stille oder Ruhe, frei von Störungen oder Unruhe, der Gelassenheit und Ausgeglichenheit. Ein solcher Zustand des Sinnes wird hier Gott zugeschrieben. Sein Sinn ist ruhig, gelassen, ungestört und niemals aufgewühlt oder gar ermüdet oder verwirrt durch irgendwelche Sorgen um Seine gewaltige Herrschaft. Doch dieser vollkommene Friede Gottes, so zeigen es die Schriften, ist weder dadurch begründet, dass es in Seiner riesigen Herrschaft keine Unordnung gibt, noch durch eine stoische Gleichgültigkeit gegenüber Schmerz oder Freude, sondern vielmehr durch die vollkommene Ausgewogenheit Seiner herrlichen Eigenschaften, die Ihn als Herrscher über das gesamte Universum zum Beherrscher Seiner Lage machen. Haben wir die Gelassenheit und ruhige Selbstbeherrschung eines großen Feldherrn wie Grant oder Napoleon inmitten des Durcheinanders und Rauchs einer Schlacht bewundert? Oder die eines großen Staatsmannes wie Gladstone oder Bismarck inmitten nationaler Verwirrungen und Gefahren? Oder die fähiger und erfahrener Ärzte oder anderer in kritischen Zeiten und an kritischen Orten? – Dies sind nur schwache Beispiele für den Frieden der Selbstbeherrschung und des Selbstvertrauens, der im Sinn Gottes herrscht. Er ist niemals verwirrt, ratlos, bestürzt, ängstlich oder sorgenvoll, noch hat Er auch nur die geringste Furcht, dass Seine Pläne fehlschlagen oder Seine Absichten scheitern könnten; denn alle Macht und Weisheit sind in Ihm. Der Umfang Seines mächtigen Verstandes reicht bis an die äußersten Grenzen des Möglichen, erfasst alle Ursachen und erkennt mit Genauigkeit alle Wirkungen; folglich weiß Er das Ende von Anfang an, und zwar nicht nur aufgrund philosophischer Prinzipien, sondern auch durch Intuition. Als Schöpfer aller Dinge und Urheber aller Gesetze ist Er mit allen komplizierten Feinheiten der physikalischen, moralischen und intellektuellen Gesetze so vertraut, dass kein Problem auftreten kann, dessen Ergebnis sich Seinem Sinn nicht offenbart. „Gott ist Licht und gar keine Finsternis ist in ihm“ – 1. Joh. 1:5.
Gott, der Schöpfer aller Dinge, ist auch der kompetente Erhalter aller Dinge. In stiller Größe erfüllt das gesamte physische Universum von Zeitalter zu Zeitalter Seinen Willen, ohne dass auch nur der geringste Hauch von Unordnung oder Missgeschick zu spüren wäre; und dieselbe Kraft ist als Pfand für seinen Fortbestand in alle Ewigkeit gegeben.
So entspringt aus Seinen eigenen unermesslichen Ressourcen an Macht und Weisheit der Friede Gottes. Aber nicht allein aus dieser Quelle kommt der göttliche Friede, denn Friede ist das sichere Begleitmerkmal innewohnender Güte. Gott ist die Verkörperung aller Tugenden und aller Gnaden; folglich besitzt Er die selige Zufriedenheit und den Frieden der bewussten moralischen Vollkommenheit sowie innewohnende Weisheit und Macht.
Dennoch finden wir diesen Frieden Gottes in Koexistenz mit viel Unordnung und Schwierigkeiten. Als Vater zeigt Er uns, dass Er alle Seine intelligenten Geschöpfe – „jede Familie in den Himmeln und auf der Erde“ – mit Vaterliebe liebt und dass sie „um seines Willens wegen waren und erschaffen wurden“ (Eph. 3:15; Offb. 4:11). Er schuf sie nach Seinem Ebenbild – mit denselben geistigen und moralischen Eigenschaften, damit Er mit ihnen als Söhne und sie mit Ihm als Vater Gemeinschaft und Freundschaft haben können, damit so in gegenseitiger Gemeinschaft und Freundschaft der Schöpfer und die Schöpfung Freude, Glück und Zufriedenheit finden können. Diese Ähnlichkeit mit Gott umfasst nicht nur die gleichen geistigen Fähigkeiten, sondern auch deren freie Ausübung bei der Charakterbildung. Eine Schöpfung, die nicht in der Lage wäre, auf diese Weise einen Charakter zu bilden, wäre nicht Gottes Ebenbild. Und zum Zweck der Charakterentwicklung muss ihr die Alternative von Gut und Böse vor Augen gestellt werden. Die richtigen und falschen Handlungsprinzipien müssen unterschieden werden, und dem Einzelnen muss in dieser Angelegenheit die freie Wahl überlassen bleiben, damit sich die Freude Gottes in dem tugendhaften Charakter verwirklichen kann, der aus der freien Wahl der Gerechtigkeit hervorgeht.
Da die Liebe Gottes zu Seinen neu geschaffenen und unschuldigen Geschöpfen der Liebe eines irdischen Elternteils zu einem unschuldigen Kind ähnelt, wenn auch viel stärker ist, und da diese liebevolle Fürsorge und Sorge mit der Zeit nicht nachlässt, sondern aufmerksam die Entwicklung der Grundsätze und Früchte der Gerechtigkeit beobachtet, ist es offensichtlich, dass Gott wie ein irdischer Elternteil Freude oder Schmerz empfindet, je nachdem, ob Seine freien, intelligenten Geschöpfe den richtigen oder den falschen Weg wählen. Davon sind wir nicht nur durch diese Schlussfolgerung aus der Tatsache Seiner Vaterschaft überzeugt, sondern auch durch alle Schriftstellen, die von manchen Dingen sprechen, die Ihm verabscheuungswürdig, zuwider, hassenswert und verachtenswert sind und Ihm keine Freude bereiten; die sagen, dass Sein Zorn gegen sie brennt und dass Seine Entrüstung und Sein Grimm bis zu ihrer Vernichtung glühen; und darüber hinaus durch jene Schriftstellen, die von Seinem Wohlgefallen, Seiner Freude, Liebe und Wonne an anderen Dingen sprechen – an den Grundsätzen der Gerechtigkeit und denen, die ihnen gehorchen. Die Wertschätzung angenehmer Emotionen setzt notwendigerweise die Fähigkeit voraus, Emotionen gegenteiliger Art zu empfinden, denn Schmerz und Freude können zu Recht als Ebbe und Flut derselben Emotion betrachtet werden.
Diese Kundgebungen des Sinnes Gottes weisen deutlich auf eine emotionale Natur des göttlichen Wesens hin, was wir auch aus der Erkenntnis unserer eigenen emotionalen Natur schließen können, da der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen ist. Nein, liebe Freunde, Gott ist kein Gott stoischer Gleichgültigkeit, unempfindlich gegenüber den Emotionen von Freude und Schmerz; aber die vollkommene Ausgeglichenheit Seiner Eigenschaften bewahrt das Gleichgewicht des Friedens unter allen Umständen, ob unter Schmerzen oder unter Freuden.
Mit diesen Gedanken wollen wir nun die Umstände betrachten, unter denen der wunderbare „Friede Gottes“ fortwährend aufrechterhalten worden ist. Der tiefgreifende Plan Gottes in all Seinen Schöpfungswerken erforderte lange Zeit, um vollendet zu werden. Über die Zeitalter hinweg sah Er in Seinem Plan die Herrlichkeit einer intelligenten Schöpfung nach Seinem Ebenbild, gegründet in Gerechtigkeit und Seiner Gabe des ewigen Lebens würdig. Darin sah Er die gegenseitige Freude des Schöpfers und der Schöpfung voraus und begann mit friedlicher Geduld auf die herrliche Vollendung zu warten. Während sich der Plan entwickelte und die Zeit verging, ermöglichte die freie Willensentscheidung Seiner Geschöpfe, die von manchen missbraucht wurde, ihnen, einen bösen Charakter zu entwickeln, und auf diese Weise wurde Zwietracht in Seine Familie gebracht („jede Familie in den Himmeln und auf der Erde“ – alle Seine Geschöpfe, Engel und Menschen), und die Familie wurde gespalten, wobei einige an der Gerechtigkeit festhielten und andere sich dafür entschieden, Böses zu tun. Aber eine solche Erschwernis war eine der vorausgesehenen Notwendigkeiten des weitreichenden Plans, dessen herrliches Ergebnis nach dem göttlichen Urteil alle Kosten der Schwierigkeiten und Verluste, die Er vorausgesehen hatte, wert war.
Was für eine schreckliche Sache ist doch Zwietracht in der Familie! Wie oft bringt ein verlorener Sohn oder eine eigensinnige Tochter den Eltern graue Haare und Kummer bis ins Grab! Ach, der himmlische Vater weiß etwas von solchem Kummer; denn er sah Satan, einen Seiner Söhne (Jes. 14:12), einen Engel des Lichts, wie einen Blitz vom Himmel fallen (Lk. 10:18); und seit mindestens sechstausend Jahren steht dieser Sohn in offener und trotziger Rebellion gegen Gott und ist höchst aktiv und bösartig damit beschäftigt, weitere Rebellion und Bosheit anzustacheln. Er sah, wie viele Engel ihren ersten Stand verließen und sich mit Satan verbündeten, und dann sah Er auch, wie die ganze Menschheit in Sünde fiel. Hat jemals ein menschlicher Vater eine solche Verschwörung – so bösartig und voller Hass – in seiner Familie entstehen sehen? Sicherlich nicht. Dann hat Gott es für notwendig erachtet, die unangenehme Pflicht der Erziehung zu erfüllen. In Seiner Gerechtigkeit musste Er die illoyalen Söhne verleugnen und mit ihnen wie mit Feinden umgehen; und obwohl Seine väterliche Liebe die ganze Zeit darauf ausgerichtet war, die Verführten und Gefallenen zu segnen, wenn die Erlösungspläne die Reumütigen wieder in Seine Gunst zurückbringen würden, musste die Liebe verhüllt bleiben, solange nur strenge, unerbittliche Gerechtigkeit offenbar werden konnte. Dies war keine erfreuliche Pflicht, noch war das Verhalten der Sünder Ihm wohlgefällig.
Bedenke die Liebe, gegen die diese Abtrünnigen gesündigt haben: Obwohl alle guten und vollkommenen Gaben von Gott kommen, wurden Seine Gnaden verachtet, Seine Liebe verschmäht, Seine gerechte Autorität bekämpft und missachtet, Sein Charakter verleumdet, falsch dargestellt, abscheulich und hassenswert, ungerecht und sogar verachtenswert gemacht. Und doch bleibt „der Friede Gottes“ trotz alledem bestehen, obwohl Er seit sechstausend Jahren diesen Widerspruch der Sünder gegen Sich selbst erträgt. Und dennoch, o wundersame Gnade! ist Seine Liebe überreich; und es steht geschrieben, dass Er die Welt so sehr geliebt hat, dass Er Seinen eingeborenen Sohn für sie hingegeben hat, als sie noch Sünder waren; und dass durch Ihn auch das Gericht (die Prüfung) über die gefallenen Engel kommen wird, mit Ausnahme Satans, des Anführers und Anstifters der ganzen Verschwörung – des Vaters der Lüge – Joh. 3:16; Röm. 5:8; 1. Kor. 6:3; Jud. 6; Hebr. 2:14; Offb. 20:10, 14.
Dieses Geschenk der göttlichen Liebe war ein weiterer Hinweis darauf, wie viel unseren himmlischen Vater Sein großer und wunderbarer Plan gekostet hat. Er musste nicht nur mit ansehen, wie ein großer Teil Seiner Familie in Sünde fiel, sondern ihre Erlösung kostete Ihn auch das Opfer Seines liebsten Schatzes und die Unterwerfung dieses Geliebten unter die erbärmlichste Demütigung, Schande, das Leiden und den Tod. Wieder hilft uns das Bild der elterlichen Liebe, den Preis dieser Manifestation der Liebe Jehovas zu begreifen. Mit welch zärtlichen und sehnsüchtigen Gefühlen der Liebe muss Er dieses Opfer Seines geliebten Sohnes dargebracht haben, an dem Er Wohlgefallen hatte. Zu all den Gnaden Seines Charakters, die sich seit dem Tagesanbruch Seines Daseins manifestiert hatten, kam jetzt die weitere Gnade der völligen Unterwerfung unter den göttlichen Willen hinzu, selbst wenn der vorgezeichnete Weg einer des Schmerzes und der Demütigung war.
Ah, ließ der Vater Ihn ohne das geringste Gefühl von Trauer auf diese Gnadenmission gehen? Hatte Er keinen Anteil an den Schmerzen der Vaterliebe, als die Pfeile des Todes das Herz Seines geliebten Sohnes durchbohrten? Als unser lieber Herr sagte: „Meine Seele ist sehr betrübt bis zum Tod“ [Mt. 26:38], und dann: „Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber; doch nicht wie ich will, sondern wie du willst“ [Mt. 26:39], hat das keine mitfühlende Saite im Herzen des Ewigen zum Klingen gebracht? Ja, wahrlich: Die uneingeschränkte Liebe des Vaters teilte mitfühlend den Schmerz des Erlösers. Der im göttlichen Wort gelehrte Grundsatz, dass wahre Liebe mit denen weint, die weinen, und sich mit denen freut, die sich freuen, wird auch im göttlichen Charakter veranschaulicht. Der unsterbliche Jehova konnte nicht selbst für uns sterben, da Seine göttliche Natur gegen den Tod immun ist. Und selbst wenn Er hätte sterben können, hätte es keine höhere Macht gegeben, die Ihn aus dem Tod hätte auferwecken können, und die gesamte Schöpfung wäre für immer ohne einen Herrscher verlassen worden, und es hätte nur Unheil und Verderben folgen können. Aber Gott konnte und wollte unter großen Opfern für Seine liebevolle, väterliche Natur den kostbarsten Schatz Seines Herzens opfern, und so offenbarte Er (1. Joh. 4:9) die große Liebe, mit der Er Seine irregeführte und gefallene Schöpfung liebte. Wenn dieses Opfer Ihn nichts gekostet hätte, wenn es Seinem Sinn unmöglich gewesen wäre, selbst unter solchen Umständen schmerzhafte Gefühle zu empfinden, dann wäre die Hingabe Seines Sohnes kein Ausdruck der Liebe gewesen; denn was nichts kostet, ist kein Ausdruck von etwas.
Unser Herr Jesus zeigte auch Sein großes Mitgefühl für den Vater in der falschen Darstellung Seines Charakters, die Er seit Zeitaltern so geduldig ertragen hat. Es war das einzige Bestreben Seines Lebens, den Vater zu verherrlichen und unter den Menschen die falsche Darstellung Seines herrlichen Charakters zu berichtigen – den Menschen Seine Güte, Sein Wohlwollen, Seine Liebe und Gnade zu zeigen und sie dazu zu führen, den barmherzigen Gott zu lieben, der sie so sehr liebte, dass Er sie suchte und für ihre ewige Erlösung sorgte, obwohl sie noch Sünder waren.
Ja, es gab große Unruhe in der zerrütteten Familie Gottes – Unruhe, an der der Herr keine Freude hatte (Ps. 5:4); aber dennoch wurde „der Friede Gottes“ nie gestört. Im vollen Bewusstsein Seiner eigenen moralischen Vollkommenheit, Seiner unfehlbaren Weisheit, Seiner mächtigen Kraft und in voller Anerkennung der Gerechtigkeit und mit der tiefsten und innigsten Liebe zur Schönheit der Heiligkeit hat Er geduldig und friedlich, ja sogar freudig inmitten der Trübsal sechstausend Jahre lang den Widerspruch der Sünder gegen Sich ertragen. Aber während des siebten Millenniums wird es gemäß dem göttlichen Vorsatz das freudige Vorrecht unseres Herrn Jesus sein, allen Schöpfungen im Himmel und auf Erden den herrlichen Charakter des Vaters vollständig zu offenbaren. Dann wird der Vater Sich an der Größe Seines vollendeten Werkes und an dem ewigen Frieden und Glück Seiner Familie im Himmel und auf Erden erfreuen, die „unter einem Haupt vereint“ sein wird (Eph. 1:10). Diese gesegnete Vollendung wird jedoch erst dann verwirklicht sein, wenn die unverbesserlichen gefallenen Söhne Gottes, die wegen ihrer Liebe zur Ungerechtigkeit und ihrer Unbelehrbarkeit verstoßen und enterbt wurden, vernichtet worden sind. Dies wird die letzte unangenehme Pflicht des Schöpfers und Vaters aller sein, der ausdrücklich erklärt, dass es eine traurige Pflicht ist, aber dennoch eine Pflicht, die Er im Interesse der universellen Gerechtigkeit und des Friedens mit aller Kraft erfüllen wird. Hört Ihn: „So wahr ich lebe, spricht der Herr, HERR, ich habe kein Gefallen am Tod des Gottlosen, sondern dass der Gottlose von seinem Weg umkehre und lebe! Kehrt um, kehrt um von euren bösen Wegen! Denn warum wollt ihr sterben, Haus Israel?“ – Hes. 33:11.
So sehen wir, dass „der Friede Gottes“ mit großer Unruhe und mit Kummer und Schmerz jeder Art vereinbar ist; denn er hängt nicht von äußeren Umständen ab, sondern vom richtigen Gleichgewicht des Sinnes und von den Zuständen eines vollkommenen Herzens. Einen solchen Frieden – den Frieden Gottes – genoss auch unser Herr Jesus inmitten aller Unruhen und Wirren Seines ereignisreichen irdischen Lebens. Und dies bringt uns zur Betrachtung des letzten Vermächtnisses unseres Herrn Jesus an Seine Jünger, als Er im Begriff war, die Welt zu verlassen, wie es in den folgenden Worten ausgedrückt ist:
DER LETZTE WILLE UND DAS TESTAMENT UNSERES HERRN
„Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht wie die Welt gibt, gebe ich euch. Euer Herz werde nicht bestürzt, sei auch nicht furchtsam“ – Joh. 14:27.
So schenkte unser Herr in der letzten Nacht Seines irdischen Lebens Seinen geliebten Jüngern mit überströmender Barmherzigkeit und Zärtlichkeit Seinen Abschiedssegen, Sein Vermächtnis des Friedens. Es war das reichste Vermächtnis, das Er hinterlassen konnte, und es war von unschätzbarem Wert. Es war die Verheißung jener Seelenruhe, jener Ausgeglichenheit und Gelassenheit, die Er selbst besaß – der Friede Gottes. Es war derselbe Friede, dessen der Vater sich immer selbst erfreut hat, selbst inmitten all der Unruhen, die das Zulassen des Bösen mit sich gebracht hat; aber er stammte nicht aus derselben Quelle. In Jehova war dieser Friede in Ihm selbst, weil Er in sich selbst die Allmacht der Kraft und Weisheit erkannte; während der Friede Christi nicht in Ihm selbst, sondern in Gott begründet war, durch den Glauben an Seine Weisheit, Kraft und Gnade. Wenn also auch wir „den Frieden Gottes“, den Frieden Christi – „meinen Frieden“ – haben wollen, muss er wie der Seine durch den Glauben in Gott begründet sein.
Ja, der Friede Christi war ein unschätzbares Vermächtnis; doch wie schnell brach die Sturmwolke des Unheils, die sich schon damals sehr dunkel zusammenbraute, in ihrer ganzen Wucht über den Köpfen eben jener Jünger zusammen, an die diese Worte direkt gerichtet waren. Sie folgte fast unmittelbar auf das gnädige Vermächtnis und versetzte ihre Herzen in Bestürzung, Verwirrung und Unruhe und erschütterte ihren Glauben bis ins Mark. Wo war da noch Frieden? Während der Herr diese Worte sprach, war der verräterische Judas unterwegs, um seinen mörderischen Auftrag zu erfüllen, dann folgte die Qual in Gethsemane und die Angst und Bestürzung unter den Jüngern, als sie begannen, das Schicksal ihres geliebten Herrn zu begreifen. Bald vertiefte sich ihre fast atemlose Ungewissheit in noch furchtbarere Vorahnungen, als Er allein vor Seinen gnadenlosen Anklägern und Verfolgern in der Halle des Pilatus und im Vorhof des Herodes stand, während sie machtlos waren, Ihn zu schützen; und dann kam das tragische Ende, die Schrecken der Kreuzigung.
Wo war unter solchen Umständen der versprochene Friede – als sie alle, von Furcht und Schrecken überwältigt, Ihn verließen und flohen; und als Petrus, obwohl er Ihn verteidigen wollte, so von Furcht erfüllt war, dass er dreimal seinen Herrn verleugnete und mit Flüchen erklärte, er habe Ihn nie gekannt? Nun, der Friede war noch nicht gekommen; denn, wie der Apostel Paulus sagt: „Denn wo ein Testament ist, da muss der Tod dessen eintreten, der das Testament gemacht hat. Denn ein Testament (ein Vermächtnis) ist gültig, wenn der Tod eingetreten ist, weil es niemals Kraft hat, solange der lebt, der das Testament gemacht hat“ (Hebr. 9:16, 17). Aber sobald die tragische Szene vorbei war und der Schrei „Es ist vollbracht“ ihre Ohren erreichte, gibt es, so seltsam es auch erscheinen mag, Beweise dafür, dass Frieden in ihre Herzen Einzug hielt. Der verdunkelte Himmel, die bebende Erde, die zerreißenden Felsen, der zerrissene Vorhang im Tempel – all das sprach zu ihnen eine Botschaft des Trostes, die die Welt nicht empfangen konnte.
Für die Welt (Juden und Heiden, die beide an dem Verbrechen beteiligt waren) war die Sprache dieser Ereignisse die des göttlichen Zorns und der Empörung gegen sie. Und als Furcht über das Volk kam und der Lärm und die Aufregung dieses schrecklichen Tages nachließen, schlugen sie sich an die Brust und kehrten in ihre Häuser zurück; die schuldigen Verschwörer, die ihr Werk vollbracht hatten, schlichen sich davon, um sich, wenn möglich, vor dem Zorn Gottes zu verstecken; Judas, von Gewissensbissen geplagt, ging hinaus und erhängte sich; und der römische Hauptmann und die, die bei ihm waren, fürchteten sich sehr und sagten: „Wahrhaftig, dieses war Gottes Sohn“ [Mt. 27:54]. Aber für die Jünger des Herrn sprachen diese Ereignisse eine ganz andere Sprache. Die Sache ihres gesegneten Meisters war ihre Sache und Gottes Sache; und diese übernatürlichen Erscheinungen waren für sie ein Beweis, dass Gott dieser Angelegenheit nicht gleichgültig gegenüberstand; und obwohl sie durch den Schleier der Finsternis Seine heilsvollen Pläne nicht erkennen konnten, gab ihnen dieses Geschehen doch einen Hauch von Hoffnung.
Drei Tage später wurde die Hoffnung durch die Nachricht von Seiner Auferstehung neu belebt, die ihnen durch Sein Erscheinen in ihrer Mitte bestätigt wurde, und erneut vierzig Tage später durch Seine Himmelfahrt nach Seinem abschließenden Rat und Segen und der Verheißung Seiner Wiederkunft und der Anweisung, in Jerusalem zu bleiben, um den verheißenen Tröster, den heiligen Geist der Sohnschaft, nicht viele Tage danach (zu Pfingsten) zu empfangen. Dann begann sich der Friede Christi, das reiche Vermächtnis des Herrn, zu verwirklichen, und die Tage des Wartens, des Gebets und der Erwartung waren Tage des beständigen Friedens – eines Friedens, der wie ein Strom floss. Als aber am Pfingsten der verheißene Tröster kam, fand der Strom ihres Friedens ein tieferes Bett, und ihre Freude kannte keine Grenzen mehr.
Aber dieses Erbe des Friedens wurde nicht nur der frühen Kirche hinterlassen: Es ist das gesegnete Erbe der gesamten Kirche bis zum Ende des Zeitalters. Der Herr hat an jenem Tag Seine Gedanken für uns alle offenbart, als Er in Seinem Gebet sagte: „Aber nicht für diese allein bitte ich, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben“ [Joh. 17:20].
Man beachte, dass der verheißene Friede nicht der kurzlebige Friede der Welt war, dessen man sich manchmal für eine kurze Zeit erfreut – solange das Glück lächelt, Freunde reichlich vorhanden sind und die Gesundheit hält, der aber schnell verschwindet, wenn Armut eintritt, Freunde weggehen, die Gesundheit nachlässt und der Tod die Schätze des Herzens raubt; sondern „mein Friede“, der Friede Gottes, dessen sich Christus selbst durch den Glauben erfreute, der, obwohl Er reich war, um unseretwillen arm wurde, der einen Freund nach dem anderen verlor und in Seiner letzten Stunde von den wenigen, die Ihm geblieben waren, verlassen wurde – der Friede, der trotz Verlust, Verfolgung, Hohn und Verachtung und sogar inmitten der Qualen des Kreuzes Bestand hatte. Dieser Friede ist etwas, das keine der Wechselfälle des gegenwärtigen Lebens zerstören kann und das kein Feind uns entreißen kann.
Welch ein reicheres Vermächtnis hätte der Herr Seinem geliebten Volk hinterlassen können! Angenommen, Er hätte Seine Energien während Seines irdischen Lebens darauf verwendet, Geld anzuhäufen, und Er hätte auf diese Weise ein immenses Vermögen angehäuft, das Er Seinen Jüngern hinterlassen hätte, um das große Werk des Zeitalters voranzutreiben, wenn Er von ihnen genommen worden wäre – Geld, um die Reisekosten der Apostel zu bezahlen und die zahlreichen Ausgaben zu bestreiten, die mit der Aufnahme der Arbeit an verschiedenen Orten verbunden waren, wie die Miete von Vortragsräumen, die Bezahlung der Gehälter der reisenden Brüder usw. usw. – wie schnell wäre alles verschwunden, und wie armselig wäre unser Erbe heute! Denn „der Mensch der Sünde“ hätte es sicherlich auf irgendeine Weise in seine Hände bekommen, und kein Rest dieses Vermächtnisses hätte dieses Ende des Zeitalters erreicht. Aber Gott sei gepriesen, Sein reiches Vermächtnis des Friedens ist für Sein Volk noch immer reichlich vorhanden.
Der verheißene Friede ist nicht einer, den die Welt immer erkennen und schätzen kann, denn wer ihn besitzt, wie der Herr selbst und wie auch der himmlische Vater, mag einen stürmischen Weg gehen müssen. Dass dies für alle Treuen so sein muss, bis die Absichten Gottes in der Zulassung des Bösen erfüllt sind, wird uns deutlich vorgezeichnet, aber mit der Zusicherung, dass dieser Friede durch alle Stürme hindurch bestehen bleibt: „… damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Drangsal“ [Joh. 16:33].
Wenn wir die Grundlage und Sicherheit dieses beständigen Friedens kennen wollen, der die schwersten Stürme des Lebens überstehen kann, brauchen wir nur auf die Lehre und das Beispiel des Herrn und der Apostel zu schauen. Was war es, das sie so festhielt und ihnen solchen Seelenfrieden gab, während sie litten? Es war ihr Glaube – ihr Glaube an die Liebe, Macht und Weisheit Gottes. Sie glaubten, dass Gott, was Er verheißen hatte, auch erfüllen konnte, dass Sein gerechter und gütiger Plan kein Fehlschlagen kennen konnte; denn durch den Mund Seiner Propheten hatte Er verkündet: „Mein Ratschluss soll zustande kommen, und all mein Wohlgefallen werde ich tun. … Ich habe geredet und werde es auch kommen lassen; ich habe entworfen und werde es auch ausführen“. „Der Herr der Heerscharen hat es beschlossen, und wer wird es vereiteln?“ (Jes. 46:10-11; 14:27). Auf die Zusicherungen Gottes vertrauten sie. In Ihm war ihr Glaube verankert, und es war ihnen gleich, wie heftig die stürmischen Wellen auch tobten oder wie sehr sie von den Stürmen des Lebens hin und her geworfen wurden, solange ihr Anker fest am Thron Gottes hielt.
Die Sprache des Glaubens unseres Herrn war: „Gerechter Vater! Und die Welt hat dich nicht erkannt; aber ich habe dich erkannt“ [Joh. 17:25]. Er war von Anfang an beim Vater gewesen, hatte Seine Liebe und Güte erkannt, hatte Seine Macht gesehen und Seine Gerechtigkeit und liebevolle Güte und väterliche Fürsorge über all Seinen Werken bemerkt. Und so steht geschrieben: „Durch seine Erkenntnis wird mein gerechter Knecht die Vielen zur Gerechtigkeit weisen, und ihre Ungerechtigkeiten wird er auf sich laden“ (Jes. 53:11). Die Erkenntnis, die Er vom Vater hatte, gab Ihm einen festen Grund für den Glauben an alle Seine Absichten für die Zukunft. Deshalb konnte Er im Glauben wandeln und tat es auch. Und dieser Glaube befähigte Ihn, alle Hindernisse zu überwinden und sogar den Sieg über den Tod zu erringen. So steht es auch zu unserer Unterweisung geschrieben: „Dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: unser Glaube“ [1. Joh. 5:4] – der Glaube an Gott, der in unserem Fall auf dem Zeugnis unseres Herrn vom Vater gegründet ist; und weiter steht geschrieben: „Ohne Glauben aber ist es unmöglich, ihm wohlzugefallen“ [Hebr. 11:6]. Nur durch einen beständigen, unerschütterlichen Glauben wird der Friede Gottes – der Friede Christi – bei Seinem Volk bleiben. Als der Herr bei Seinen Jüngern war und sie in Ihm die Manifestation des Vaters sahen, war ihr Glaube fest und sie hatten Frieden in Ihm, wie Er sagte: „Als ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen“ [Joh. 17:12]. Aber erst nachdem Er sie verlassen hatte, war ihr Glaube in Gott verankert. Nach Pfingsten erlebten sie denselben Frieden, den Christus genossen hatte – den gesegneten Frieden, der aus der Erkenntnis kam, dass Gott sie als Söhne und Erben und Miterben Christi anerkannte, wenn sie Ihm treu in Seinen Fußstapfen folgen würden.
Darin liegt auch die Grundlage unseres Friedens. Ganz gleich, wie heftig die Stürme des Lebens uns auch treffen mögen, wir dürfen niemals unseren Anker loslassen und uns treiben lassen, sondern müssen immer daran denken, dass „der feste Grund Gottes steht“ [2. Tim. 2:19], dass „Schild und Tartsche seine Wahrheit ist“ [Ps. 91:4], dass „er, was er verheißen hat, auch zu tun vermag“ [Röm. 4:21], ungeachtet unserer menschlichen Unvollkommenheiten und Schwächen; dass wir darüber hinaus die zugerechnete Gerechtigkeit Christi, unseres Bürgen und Fürsprechers, haben; und dass „der Vater selbst uns liebt“ [Joh. 16:27] und „er unser Gebilde kennt und eingedenk ist, dass wir Staub sind“ [Ps. 103:14], und so Mitleid mit den Söhnen Seiner Liebe hat und sehr barmherzig und gnädig ist. Was könnte Er uns mehr sagen, als Er uns gesagt hat, um unseren Glauben zu sichern und unsere Herzen zu festigen und zu stärken, damit wir inmitten der Prüfungen und Konflikte des schmalen Weges des Opfers geduldig ausharren?
Es gibt nichts, was einen Christen in der Gegenwart seiner Feinde mehr benachteiligt, als das Loslassen des Ankers des Glaubens, auch wenn es nur vorübergehend ist. Ein Augenblick genügt, und Finsternis beginnt sich unvermeidlich um ihn herum auszubreiten. Er kann den Glanz des Angesichts seines Vaters nicht sehen, denn „ohne Glauben aber ist es unmöglich, ihm wohlzugefallen“. Und während er versucht, sich wieder an den Anker zu klammern, greifen ihn die Mächte der Finsternis heftig mit Zweifel und Furcht an, die im Allgemeinen auf seinen menschlichen Unvollkommenheiten beruhen. Er sollte stets im Sinn behalten, dass sie durch das Kleid der Gerechtigkeit Christi bedeckt sind.
Wenn der Friede Gottes in unseren Herzen regieren soll, dürfen wir unseren Anker niemals loslassen und nicht zulassen, dass selbst Satans ärgster Kampf unseren Mut niederschlägt. Die Sprache unserer Herzen sollte immer sein: „Selbst wenn er mich tötete, will ich auf ihn vertrauen“ [Manna vom 5. Juni, Hervorhebung von uns]. Mit diesem Glauben bleibt der Friede Gottes, der Friede, den der Meister uns hinterlassen hat, für immer bestehen. So wird der Friede Gottes, der alles Verstehen übersteigt, unsere Herzen und unseren Sinn durch Christus Jesus bewahren; denn es steht auch geschrieben: „Den festen Sinn bewahrst du in Frieden, in Frieden; denn er vertraut auf dich“ [Jes. 26:3].
Inmitten des christlichen Kampfes sollen unsere Herzen ermutigt und unser Sinn fest bleiben, nicht nur durch die Gewissheit, dass alle göttlichen Absichten erfüllt werden, sondern auch durch Verheißungen persönlicher Gnade wie diese:
„Wie ein Vater sich über die Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten. Denn er kennt unser Gebilde, ist eingedenk, dass wir Staub sind“ [Ps. 103:13, 14]. “Könnte eine Frau ihren Säugling vergessen ... Sollten selbst diese vergessen, ich werde deiner nicht vergessen. Siehe, in meine beiden Handflächen habe ich dich eingezeichnet“ [Jes. 49:15, 16]. „Der Vater selbst liebt euch“, und „Es hat eurem Vater wohlgefallen, euch das Reich zu geben“ [Lk. 12:32]. „Sein Wohlgefallen sind die im Weg Vollkommenen“ [Spr. 11:20]. „Ergötze dich an dem HERRN: So wird er dir geben die Bitten deines Herzens“ [Ps. 37:4] – den Frieden Gottes, der allen Verstand übersteigt, selbst inmitten von Sturm und Unwetter.
R1832-1835