R 1806
DURCH LEIDEN ZUR VOLLKOMMENHEIT

„Der in den Tagen seines Fleisches, da er sowohl Bitten als Flehen dem, der ihn aus dem Tod zu erretten vermochte, mit starkem Geschrei und Tränen dargebracht hat (und um seiner Frömmigkeit willen erhört worden ist), obwohl er Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam lernte; und, vollendet worden, ist er allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden, von Gott begrüßt als Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks“ – Hebr. 5:7-10.

Wir nehmen die Untersuchung dieser Schriftstelle gemäß den folgenden fünf Punkten vor: (1) In den Tagen Seines Fleisches; (2) Was Er fürchtete und wovon Er errettet wurde; (3) Er war ein Sohn; (4) In welchem Sinne Er vollendet wurde; und (5) Für wen Er der Urheber des ewigen Heils ist.

Diese Worte des Apostels geben uns einen Einblick in die Erfahrungen unseres lieben Herrn, die uns helfen, die Last zu würdigen, die Er in den Tagen Seines Fleisches für uns getragen hat. Wir beachten besonders diesen Ausdruck:

„IN DEN TAGEN SEINES FLEISCHES“,

denn es gibt einige, die behaupten, dass es in der Existenz unseres Herrn keinen Unterschied zwischen den Tagen, an denen Er im Fleisch war, und den Tagen, an denen Er nicht mehr im Fleisch war, geben kann; denn, so sagen sie, Sein Auferstehungsleben ist Seine menschliche Natur, Sein verherrlichtes Fleisch. Andere wiederum behaupten, dass Er vor Seinem menschlichen Leben nicht existierte. Das Gegenteil dieser beiden Vorstellungen ist jedoch nicht nur in dieser Aussage des Apostels beinhaltet, sondern auch in anderen Schriftstellen eindeutig zum Ausdruck gebracht, z.B.: „Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise an denselben teilgenommen“; Er „ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“; „Er, da er reich war, wurde um unseretwillen arm“. Dann sagte Er: „Mein Fleisch, das ich geben werde für das Leben der Welt“ (siehe Hebr. 2:14; Joh. 1:14; 2. Kor. 8:9; Joh. 6:51). Ja, Sein menschlicher Leib war der Leib Seiner Erniedrigung, der „für das Opfer bereitete Leib“ (Hebr. 10:4, 5), der geopfert wurde und der, nachdem er geopfert worden war, nie wieder zurückgenommen wurde: er wurde als Preis für unsere Erlösung gegeben. Deshalb lebt Er nicht mehr das Leben im Fleisch, das menschliche Leben, sondern nachdem Er dieses geopfert hat, ist Er jetzt hoch erhoben und lebt für immer als unser göttlicher Hoherpriester. „Wenn wir aber auch Christus nach dem Fleisch gekannt haben, so kennen wir ihn doch jetzt nicht mehr (so)“ – 2. Kor. 5:16.

Seine Erniedrigung war daher keine ewige Erniedrigung, sondern ihr folgte eine herrliche Erhöhung, sogar bis zur göttlichen Natur und zu dem herrlichen Leib, der zu dieser Natur gehört – „das Ebenbild des Vaters“ (Hebr. 1:3), der in einem Licht wohnt, zu dem kein Mensch kommen kann, das aber die treuen Nachfolger Christi eines Tages sehen werden; denn es steht geschrieben: „Wir werden ihm gleich sein, denn wir werden ihn sehen, wie er ist“ – nicht wie Er war. Dafür betete Er, als Er noch im Leib war, und sprach: „Vater, ich will, dass die, die du mir gegeben hast, auch bei mir seien, wo ich bin, damit sie meine Herrlichkeit schauen“ – Joh. 17:24.

Und doch ist unser Herr, obwohl verwandelt, derselbe Jesus; denn der Apostel sagt: „Der (ins Grab) hinabgestiegen ist, ist derselbe, der auch hinaufgestiegen ist über alle Himmel, damit er alles erfüllte“ (Eph. 4:10). Die Verwandlung Seiner Natur von der menschlichen zur göttlichen hat in diesem Fall Seine Identität nicht mehr zerstört als Seine Verwandlung von der geistlichen zur menschlichen Natur bei Seiner Menschwerdung. Von sich selbst sagte Er nach Seiner Auferstehung: „Ich bin der Lebendige, und ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit“ – Offb. 1:4, 18.

Mit dankbaren Herzen nehmen wir die Aussagen der Schrift an, dass der Sohn Gottes tatsächlich Fleisch geworden ist; und wir danken Gott auch, dass Seine Tage im Fleisch gezählt und wenige waren. Mit Ihm, wie mit uns, waren es „wenige Tage und voller Drangsal“ [Hi. 14:1]. Besonders nach Seiner Weihung zum Opferwerk waren es Tage der Bedrängnis, der Trauer, der Enttäuschung und der Not, Tage, die Ihn oft zum Thron der himmlischen Gnade führten, um in der Stunde der Not Hilfe zu finden. Es war daher die Gewohnheit unseres Herrn, nach den arbeitsreichen Tagen des Dienstes oft den Ort des Gebets aufzusuchen. Die Berge und Wüsten waren Seine Kammern, und nicht selten verbrachte Er die ganze Nacht im Gebet.

Aus diesen Zeiten der verborgenen Gemeinschaft mit Gott schöpfte Er geistliche Kraft, Trost und Zuversicht. Es waren Zeiten kostbarer Gemeinschaft, in denen Er dem Vater Sein Herz öffnen konnte wie niemand anderem, in denen Er Ihm alle Seine Sorgen, Lasten und Furcht anvertrauen konnte und in denen der Vater sich Ihm in Zeichen liebevoller Zustimmung und aufrichtender Gnade offenbarte.

WAS ER FÜRCHTETE UND WOVON ER ERRETTET WURDE

Was, sagt jemand überrascht, hatte unser Herr Furcht? Ja, die obigen Worte des Apostels weisen auf den großen seelischen Kampf hin, den der Herr „in den Tagen seines Fleisches“ zugunsten von uns durchlitten hat. Dieser Konflikt begann mit den Versuchungen in der Wüste unmittelbar nach Seiner Taufe und erreichte seinen Höhepunkt im Garten Gethsemane, wo Er, wahrscheinlich wie nie zuvor, „da er sowohl Bitten als Flehen dem, der ihn aus dem Tod zu erretten vermochte, mit starkem Geschrei und Tränen dargebracht hat (und um seiner Frömmigkeit willen erhört worden ist)“.

Das was der Herr fürchtete, war nicht, dass die Liebe oder die Verheißungen Gottes versagen würden. Er wusste, dass „ohne Glauben aber ist es unmöglich, ihm wohlzugefallen“, dass Gott ein Gott ist, den Bund hält, und dass Sein gesamtes Handeln und Wirken auf den ewigen Prinzipien der Wahrheit und Gerechtigkeit beruht, von denen auch nur die geringste Abweichung moralisch unmöglich wäre. Aber Er wusste auch, dass der Plan der menschlichen Erlösung vollständig davon abhängig war, dass der gesalbte Hohepriester jedes Jota und jedes Strichlein des Gesetzes, das Ihn betraf, befolgte, wie es im vorbildlichen Dienst der Stiftshütte [siehe Die Stiftshütte Seite 80] gezeigt wurde. Das Opfer musste nicht nur dargebracht werden, sondern es musste genauso dargebracht und geopfert werden, wie es vorgeschrieben war. Hätte der vorbildliche Hohepriester Aaron zu irgendeinem Zeitpunkt die Anweisungen für das Opfer nicht befolgt (siehe 3. Mo. 9:16), hätte er irgendeinen Teil der Anweisungen vergessen oder ignoriert oder hätte er etwas durch seine eigenen Ideen ersetzt, hätte er das Blut dieses unvollkommenen Opfers nicht auf den Sühnedeckel sprengen dürfen; sein Opfer wäre nicht angenommen worden: Er wäre gestorben und hätte niemals herauskommen und das Volk segnen können – 3. Mo. 16:2, 3.

So sehen wir, dass der Hohepriester, als Er das große Werk der Erlösung auf sich nahm, nicht nur die Entscheidung über Leben und Tod der ganzen Menschheit in sich trug, sondern auch über Sein eigenes Leben. Bildlich gesprochen nahm Er auch Sein eigenes Leben in Seine Hände. Kein Wunder also, dass der Herr unter der Last Seiner Verantwortung Furcht empfand. Die Anspannung der großen Prüfungen, denen Er ausgesetzt war, war selbst für die vollkommene menschliche Natur ohne die Hilfe der göttlichen Gnade zu groß. Und deshalb geschah es, dass Er so oft einen Ort des Gebets suchte. Man bedenke den großen Kampf der Leiden, den Er durchstehen musste – die subtilen und trügerischen Versuchungen in der Wüste [siehe R1688], die Widersprüche der Sünder gegen Ihn selbst und die niederträchtige Undankbarkeit derer, die Er retten wollte; man bedenke auch Seine Armut, den Verlust Seiner Freunde, Seine Mühen und Seine Erschöpfung, Seine Heimatlosigkeit, Seine bitteren und unerbittlichen Verfolgungen und schließlich Seinen Verrat und Seinen Todeskampf. Sicherlich waren die Prüfungen der Ausdauer und des Gehorsams gegenüber den genauen Anforderungen des Opfergesetzes unter diesen Umständen die entscheidendsten Prüfungen. Welche Sorgfalt hat dies im Herrn bewirkt, denn Er fürchtete, dass Er, nachdem Ihm die Verheißung gegeben worden war, in die Ruhe einzugehen, die dem Versöhnungstag folgt, und die Herrlichkeit zu erlangen, die darauffolgt, die Anforderungen Seines Amtes als Priester, ein annehmbares Opfer darzubringen, nicht erfüllen könnte. Ebenso sagt der Apostel (Hebr. 4:1), sollten wir Furcht haben, dass, wenn uns die Verheißung gegeben ist, in Seine Ruhe einzugehen, irdendeiner von uns sie nicht erlangen könnte.

Als der Herr in die letzte Nacht Seines irdischen Lebens eintrat, da kam Ihm mit aller Kraft die Frage in den Sinn: Habe Ich bisher alles in voller Übereinstimmung mit dem Willen Gottes getan? Und kann Ich jetzt, da Ich die Qualen vor Augen habe, die Mich erwarten, den bitteren Kelch bis zur Neige trinken? Kann ich nicht nur die körperlichen Qualen ertragen, sondern auch die Schmach und Schande und die grausamen Spottrufe? Und kann ich das alles so vollkommen tun, dass es in Meiner eigenen Gerechtigkeit vor Gott gänzlich annehmbar ist? Kann Ich es ertragen, Meine Jünger zerstreut und verzagt zu sehen, Mein Lebenswerk scheinbar zerstört, Meinen Namen und die Sache Gottes mit Schande bedeckt und Meine Feinde triumphierend und prahlerisch?

Das war der letzte Konflikt unseres Herrn. Zweifellos waren die Mächte der Finsternis in dieser schrecklichen Stunde sehr beschäftigt und nutzten die Umstände, Seine Schwäche und Seine Müdigkeit aus, um Seine Hoffnung zu erschüttern und Seinen Sinn mit Furcht zu erfüllen, dass Er doch scheitern würde oder das Werk nicht annehmbar vollbracht hätte und dass eine Auferstehung daher keineswegs sicher sei. Kein Wunder, dass selbst das vollkommene menschliche Herz angesichts solcher Betrachtungen verzagte und dass eine Qual der Gefühle große Tropfen blutigen Schweißes hervorbrachte. Aber gab Er der Entmutigung nach und gab Er das Ringen auf, als die entscheidende Prüfung über Ihn kam? Nein, Er brachte diese menschlichen Ängste zu Seinem himmlischen Vater, „zu dem, der ihn aus dem Tod zu erretten vermochte“, damit Sein menschlicher Wille durch göttliche Gnade gestärkt werde, um voranzugehen und Sein Opfer für Gott annehmbar zu vollenden – um Sich freiwillig wie ein Lamm zur Schlachtbank führen zu lassen und wie ein Schaf vor Seinen Scherern stumm zu sein und Seinen Mund nicht zu Seiner Verteidigung zu öffnen – Jes. 53:7.

Und Seine Gebete zum Vater waren nicht vergeblich: und „erhört worden ist“. Obwohl Seine Worte wenige waren, weil keine Worte die Gefühle Seiner Seele ausdrücken konnten, trat Sein geprüfter Geist die ganze Zeit mit unaussprechlichen Seufzern für Ihn ein. (Röm. 8:26). Und Gott sandte einen Engel, um Ihn zu trösten und Ihm beizustehen, um Ihm weiterhin die göttliche Gunst zu versichern und Ihm so neuen Mut, Kraft des Sinnes und Beständigkeit des Mutes zu geben, alles zu ertragen, was vor Ihm lag, sogar bis zum Tod. Mit dieser Hilfe der göttlichen Gnade schritt unser lieber Herr von diesem Augenblick an mit unerschrockenem Mut voran, um das Werk zu vollenden, das Ihm aufgetragen war. Ruhig konnte Er jetzt zu Seinen geliebten, aber müden und verwirrten Jüngern kommen und sagen: „So schlaft denn fort und ruht aus“ [Mt. 26:45]. Die Bitterkeit des seelischen Kampfes war jetzt vorbei, und das Licht des Himmels, das in Seine Seele schien, hatte die tiefe Finsternis vertrieben, die wie ein Leichentuch über Ihm gelegen hatte und Ihn bis zum Tod betrübt hatte. Ja, Er ist „erhört worden“, die Furcht war ganz von ihm genommen, und stark durch die Kraft, die Gott Ihm gab, fühlte Er, dass Er das annehmbare Opfer darbringen konnte, dass Er dabei jedes Jota und jeden Strich der Forderung des Gesetzes erfüllen würde und dass daher Seine Erlösung aus dem Tod, Seine Auferstehung, gewiss war.

Diese Furcht seitens des Herrn war keine sündige Furcht: Es war eine Furcht, wie sie auch uns, die wir danach streben, in Seinen Fußstapfen zu wandeln, auferlegt ist, damit wir nicht versäumen, die kostbaren Verheißungen zu verwirklichen, die uns unter positiven und unveränderlichen Bedingungen gewährt worden sind (Hebr. 4:1). Es war eine Furcht, die nicht aus Zweifeln an der Fähigkeit und Bereitschaft des Vaters, alle Seine Verheißungen zu erfüllen, entstand, sondern aus der Erkenntnis der gerechten Grundsätze, die in jedem Fall den Handlungsweg des Vaters bestimmen müssen, aus dem unerbittlichen Gesetz, das die Belohnung des ewigen Lebens und der Herrlichkeit gerechterweise an die Erfüllung Seines Opferbundes knüpfte, während Er gleichzeitig erkannte, dass Er selbst als Mensch, obwohl vollkommen, Sein Herz und Sein Fleisch versagen würden, wenn sie nicht durch göttliche Gnade gestärkt würden. Der Psalmist drückte diese Furcht vor dem Herrn und die Quelle, aus der Seine Hilfe kam, aus, als er sagte: „Vergeht mein Fleisch und mein Herz – meines Herzens Fels und mein Teil ist Gott auf ewig“ (Ps. 73:26). Es war eine kindliche Furcht, eine Furcht, die völlig vereinbar war mit Seiner Beziehung zu Gott als anerkannter Sohn; „und lernte,

OBWOHL ER SOHN WAR,

an dem, was Er litt, den Gehorsam“ [Vers 8 REB]. Seine fortwährende Anerkennung durch Jehova als Sohn war eine Garantie für Seine Vollkommenheit, und zu irgendeinem Zeitpunkt zu sündigen hätte bedeutet, diese Beziehung zu verlieren. Nach dem gleichen Prinzip werden wir, die Kirche, als Söhne Gottes anerkannt, weil uns durch den Glauben die Gerechtigkeit Christi zugerechnet wird.

Und doch, obwohl Er ein anerkannter Sohn und somit vollkommen und ohne Sünde war, spricht der Apostel von Ihm, dass Er vollkommen gemacht [vollendet] wurde – dass Er in gewisser Weise durch einen Prozess der Erfahrung – der Erfahrung von Demütigung und Leiden – vervollkommnet wurde. In welchem Sinne, fragen wir uns dann, wurde Er vervollkommnet? Die Antwort ist in den Worten der Schriftstelle beinhaltet: „und lernte …, an dem, was er litt, den Gehorsam, und vollendet worden [in dieser Lektion], ist er“ usw. Obwohl Er ein anerkannter Sohn Gottes war, an dem der Vater immer Wohlgefallen hatte, und obwohl Er niemals auch nur im Geringsten die liebsten Hoffnungen dieses gerechten Vaters enttäuscht hatte; obwohl Er den Vater immer als die Quelle Seines Seins und als den Ursprung aller Weisheit, Güte und Gnade anerkannt hatte und als das überlegene Wesen, dem Er die tiefste Dankbarkeit für das Leben und all Seine vielfältigen Segnungen schuldete, in dem auch alle Weisheit und Ehre und Herrlichkeit und Macht wohnten, und dessen vollkommener Wille daher das höchste Gesetz, der Ausdruck der vollkommensten Gerechtigkeit und Wahrheit, der tiefsten Weisheit und der tiefsten Liebe und Gnade war; dem daher zu allen Zeiten und unter allen Umständen der treueste und liebevollste Gehorsam gebührte; und obwohl Er ein Sohn war, der immer den Willen des Vaters erkannt und mit Freude getan hatte; so wurde Er doch nicht als vollkommen angesehen im Sinne dieses gefestigten und bewährten Charakters, der die notwendige Voraussetzung für das priesterliche Amt war, zu dem Er berufen war. Für dieses Amt musste Er sich ohne jeden Zweifel durch die strengsten Prüfungen bewähren, und zwar vor vielen Zeugen, damit alle die feste Grundlage erkennen konnten, auf die sie ihre Hoffnungen bauen konnten. Zu diesem Zweck wurde Sein Sinn für Loyalität einer schweren Prüfung unterzogen, der Er in Gethsemane begegnete. Möglicherweise war sich selbst unser Herr nicht der Stärke Seines gerechten Charakters bewusst, bis Er dieser letzten Prüfung gegenüberstand. Dort wurde Er bis zum Äußersten geprüft und bewährt, und unter dieser feurigen Prüfung erlangte Sein Charakter, der stets in vollem Maße der Prüfung standgehalten hatte, durch göttliche Gnade Seine herrliche Vollkommenheit.

So lernte Er durch Leiden den Gehorsam gegenüber dem vollkommenen Willen Gottes bis hin zur tiefsten Selbstverleugnung; und Gott ließ dies zu, weil eine solche Prüfung notwendig war, sowohl für die Entwicklung als auch für die Offenbarung jener Vollkommenheit des Charakters, die der hohen Erhöhung würdig sein würde, zu der Er berufen war.

Man sollte immer im Sinn behalten, dass Vollkommenheit des Seins und Vollkommenheit des Charakters zwei unterschiedliche Dinge sind. Die Vollkommenheit des Seins ist das Werk Gottes, während die Vollkommenheit des Charakters das Werk der intelligenten Schöpfung ist, das in Gehorsam gegenüber dem göttlichen Gesetz und unter göttlicher Führung und Aufsicht vollbracht wird. Adam war ein vollkommenes Wesen, unschuldig, frei und herrlich in seiner ursprünglichen Schönheit; aber bei der Arbeit der Charakterbildung versagte er bald und verlor dadurch seine Vollkommenheit. Der Charakter kann ohne Prüfung nicht vollständig entwickelt werden. Er ist wie eine Pflanze: zuerst ist er sehr zart; er benötigt reichlich des Sonnenscheins der Liebe Gottes, häufiges Bewässern mit den Schauern Seiner Gnade, viel Pflege durch angewandte Erkenntnis über Seinen Charakter als eine gute Grundlage für den Glauben und als Anregung zum Gehorsam. Wenn er sich unter diesen günstigen Umständen entwickelt hat, ist er für die beschneidende Hand der Züchtigung bereit und auch in der Lage, einige Schwierigkeiten zu ertragen. Und nach und nach, je nachdem wie sich die Charakterstärke entwickelt hat, dienen die dafür angewandten Prüfungen nur dazu, noch mehr Stärke, Schönheit und Gnade zu entwickeln, bis er schließlich gefestigt, entwickelt, gegründet, vollendet ist - durch Leiden [Manna vom 20. Januar, Hervorhebung von uns].

Im Falle unseres Herrn bewahrte diese wertvolle Pflanze des Charakters, die in ihrer Kindheit vollkommen war, ihre Vollkommenheit durch alle Prüfungen hindurch, denen sie ausgesetzt war, bis sie schließlich in ihrer Vollkommenheit vollendet wurde, gefestigt, gestärkt und verankert. Dies bringt uns zum letzten Thema unserer Schriftstelle, nämlich:

FÜR WEN IST CHRISTUS DER URHEBER DES EWIGEN HEILS?

„und, vollendet worden, ist er allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden, von Gott begrüßt als Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks“.

Dieser einleitende Satz „und, vollendet worden“ gibt viel Anlass zum Nachdenken – und das, wie zuvor gezeigt, durch die schmerzhafte Erziehung durch Leiden. So vollkommen gemacht, ist Er jetzt geeignet, das Amt eines Hohenpriesters, eines Mittlers zwischen Gott und den Menschen, auszuüben. Dieses Amt, so wird erklärt, wird Er zugunsten aller Menschen ausüben, die Ihm gehorchen. Die Ungehorsamen und Eigenwilligen, die die gerechten Wege des Herrn nicht lieben und kein Verlangen haben, auf ihnen zu wandeln, werden keinen Vorteil aus Seiner Mittlertätigkeit ziehen; aber denen, die Ihm gehorchen, wird Er „ein barmherziger und treuer Hoherpriester“ sein, „denn worin er selbst gelitten hat, als er versucht wurde, vermag er denen zu helfen (beistehen, trösten, erleichtern), die versucht werden“ [Hebr. 2:17, 18].

Ah, deshalb wurde Er zuerst durch Leiden zur Vollkommenheit gebracht. Der himmlische Vater wusste, durch welche Leiden, Schmach, Schande und Trauer Seine geliebten Nachfolger während des gesamten Evangelium-Zeitalters gehen mussten. Sein allwissendes Auge sah den Scheiterhaufen, die Fackeln, die Folterbank und die tausend grausamen Verfeinerungen, mit denen die satanische Verschlagenheit die Kirche auf ihrer Reise durch diese Wüste in das verheißene Land bekämpfen würde. Er wusste im Voraus, wie die feurigen Pfeile der Bösen, nämlich bittere Worte, sie verwunden würden (Ps. 64:3, 4) und deshalb „war es ihm (Jehova) angemessen, … den Urheber ihrer Errettung durch Leiden vollkommen zu machen“ (Hebr. 2:10). Er wurde in jeder Hinsicht wie wir versucht, doch ohne Sünde, damit wir wissen, dass wir einen Hohenpriester haben, der unsere Schwächen nachempfinden kann, und so können wir mit Zuversicht vor den Thron der Gnade treten, um Barmherzigkeit zu erlangen und Gnade zu finden, damit wir Hilfe finden in der Zeit der Not (Hebr. 4:15, 16). Ach, wie umsichtig und weise hat unser himmlischer Vater die Interessen Seines ganzen Volkes vorausgesehen und bedacht! Durch diese Einblicke in Seinen Charakter und Sein Handeln können wir erkennen, wie wahr die Worte unseres Herrn an Seine Jünger waren: „Der Vater selbst liebt euch“ [Joh. 16:27].

Aber abgesehen von dem Prozess der Vervollkommnung für das Amt der Priesterschaft – durch Leiden – gibt es die Tatsache der Vollkommenheit unseres Hohenpriesters, die wir zu unserem Trost, unserer Zufriedenheit und unserer Ermutigung betrachten sollten. Er ist jemand, der, obwohl Er von Sünde umgeben war und in jeder Hinsicht versucht wurde, zu sündigen, „keine Sünde tat, noch wurde Trug in seinem Mund gefunden“ [1. Petr. 2:22]. Er war „heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern“ [Hebr. 7:26], doch Er kannte unsere Leiden und trug unsere Schmerzen. Durch bittere Erfahrungen wurde Er als unser Hoherpriester vervollkommnet – um für uns zu vermitteln (1), indem Er Gott ein annehmbares Opfer darbrachte, das unsere Erlösung rechtlich möglich machte; (2), indem Er sich verpflichtete, uns zu reinigen, zu läutern und zu heiligen, bis auch wir vor Gott bewährt und untadelig dastehen – eine herrliche Kirche, ohne Flecken, Falten oder Ähnliches.

Die absolute Vollkommenheit unseres großen Hohenpriesters, sowohl persönlich als auch im Amt, und die Tatsache, dass Er von Gott für dieses Amt ordiniert wurde, ist die stärkste Forderung und der stärkste Ansporn für die Kirche, Ihm zu gehorchen, so wie die Vollkommenheit und das Amt des himmlischen Vaters für unseren Herrn der allgenügende Grund für Seinen Gehorsam gegenüber dem Vater waren. Gott hat keinen Neuling über uns eingesetzt, auch keinen, der von Selbstsucht oder anderen niederen Motiven getrieben ist, sondern Er hat uns einen großen Hohenpriester gegeben, dessen alle Gebote weise und gut sind und in Liebe dazu bestimmt, uns von Gnade zu Gnade zu führen, bis auch wir, wie Er, vollendet, gestärkt und gefestigt sind.

Die Erziehung, durch die Er zu diesem herrlichen Ziel führt, muss notwendigerweise, zumindest in gewissem Maße, eine Erziehung des Leidens sein, wie Er sie selbst erfahren hat. Und da die Kirche nicht nur zur Vollkommenheit in der Gerechtigkeit berufen ist, sondern auch dazu, als Glieder Seines Leibes mit Christus am priesterlichen Amt teilzuhaben, ist es auch ihre Aufgabe, Ihm auf dem Weg der Erniedrigung und des Opfers bis zum Tod zu folgen. Ihm jetzt, in diesem Zeitalter, zu gehorchen, bedeutet all dies; denn dies ist der Wille Gottes und der Wille Christi, nämlich unsere Heiligkeit – 1. Thes. 4:3.

Indem wir uns diesem großen Hohenpriester voll und ganz unterwerfen, hat die Kirche die vollste Gewissheit Seiner Liebe, Seiner vollkommenen Integrität in Charakter und Absichten, Seiner überlegensten Weisheit und Gnade, und dass Er in allen Dingen von den reinsten und erhabensten Prinzipien der Tugend, Liebe und Güte geleitet wird. Nie hat Er sich von dem genauesten Weg der Vollkommenheit abbringen lassen, obwohl Er den heftigsten Versuchungen ausgesetzt war. Jede Äußerung und jedes Zeugnis Seines Charakters erweckt vollstes Vertrauen, so dass Gehorsam Ihm gegenüber einen Fortschritt auf dem Weg zur Vollkommenheit bei jedem Schritt bedeutet. Und denen, die auf diese Weise nachfolgen, ist Er der Urheber des ewigen Heils. Lob sei Gott für einen solchen Hohenpriester – herrlich in Seiner Vollkommenheit und herrlich in Seinem Amt, mitfühlend mit unseren Schwächen, aber selbst ohne Schwächen, ohne Mängel, ohne Sünden. Wäre er ein unvollkommener Mensch mit nur einigen überlegen Qualitäten, aber wie wir selbst anfällig für Irrtümer, Fehlurteile oder von Selbstsucht oder minderwertigen politischen Erwägungen geleitet, oder jemand, der mit einem Balken im eigenen Auge den Splitter aus unserem Auge entfernen will, dann könnten wir wohl Furcht haben, uns Seiner Führung anzuvertrauen, und uns fragen, warum der Allmächtige uns einen solchen Hohenpriester gegeben hat. Aber unser Hoherpriester ist nicht so. Seine Vollkommenheit wird von Jehova selbst bezeugt, und Seine große Liebe zu uns hat sich auf tausendfache Weise gezeigt, vor allem dadurch, dass Er sich für uns hingegeben hat.

Vor Seiner Inkarnation waren die Beweise der Loyalität unseres Herrn gegenüber dem Willen Gottes – der immer das Gesetz der Gerechtigkeit war – die Taten Seines freudigen Dienstes in Zusammenarbeit mit Gott bei den Werken der Schöpfung und in den damit zusammenhängenden Dingen. Die Erniedrigung zu menschlichen Beschaffenheiten war ein Schritt hinab von diesem erhabenen Dienst, doch wurde dieser Schritt freudig und bereitwillig unternommen. Dann folgten die Prüfungen Seines irdischen Lebens, und zuletzt kam die schwere Prüfung in Gethsemane und auf Golgatha. Hier wurde Seine Treue zu Gott auf die Probe gestellt, die Ihn alles kosten würde, was Er hatte. Darüber hinaus konnte Er auf nichts hoffen, außer auf die Barmherzigkeit und Liebe Gottes, dessen Weisheit, Liebe und Macht Er Seinen Geist anvertraute (Lk. 23:46). Es war in der Tat eine Feuerprobe, und obwohl Er zu dieser Zeit offensichtlich nicht die Notwendigkeit jedes einzelnen Aspekts erkennen konnte (Mt. 26:39, 42, 44), wusste Er dennoch, dass die Liebe Gottes zu groß war, um Seinen geliebten Sohn unnötigen Schmerzen auszusetzen, und deshalb vertraute Er Ihm, wo Er zu dieser Zeit Seine unergründlichen Wege nicht nachvollziehen konnte.
R1806-1808