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DER GERECHTE WIRD AUS GLAUBEN LEBEN
„,Mein Gerechter aber wird aus Glauben leben‘; und: ,Wenn er sich zurückzieht, wird meine Seele kein Wohlgefallen an ihm haben‘. Wir aber sind nicht von denen, die zurückweichen zum Verderben, sondern von denen, die glauben zur Gewinnung des Lebens“ – Hebr. 10:38, 39.

In diesen Worten des Apostels liegt eine feierliche Bedeutung, die der nachdenkliche Christ nicht übersehen wird. Die Angesprochenen sind keine weltlichen Menschen, sondern geweihte Gläubige, gerechtfertigt durch den Glauben an Christus als ihren Erlöser. Durch den Glauben sind sie vom Tod zum Leben hinübergegangen; für sie ist das Alte vergangen und alles ist neu geworden; sie sind Neue Schöpfungen in Christus Jesus; sie sind Söhne und Erben Gottes und Miterben Jesu Christi, wenn sie mit Ihm leiden und in Seine Fußstapfen der Selbstaufopferung, sogar bis zum Tod, treten. Sie sind erneut zu einer Hoffnung des ewigen Lebens gezeugt, zu einem unverweslichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbteil, einem Erbteil in das sie jedoch nicht unmittelbar eingehen, das aber im Himmel für sie aufbewahrt wird [1. Petr. 1:4].

Die Verheißungen Gottes, die dieser Klasse gemacht wurden, sind überaus groß und kostbar, und wenn man wahrhaftig an sie glaubt, können sie das Leben kraftvoll beeinflussen; aber wenn man sie nicht annimmt, ist es offensichtlich, dass sie keine Macht über das Leben haben können. Und mehr noch, wenn man ihnen nicht vollständig glaubt, wenn man sie sich nicht persönlich zu eigen macht, sind sie nicht anwendbar, und niemand kann irgendetwas von ihnen erhoffen. Dies wird in den obigen Worten des Apostels deutlich angedeutet: „Mein Gerechter aber wird aus Glauben leben“. Es genügt nicht, dass wir den ersten Impuls des Lebens aus dem Glauben erhalten. Nachdem wir mittels desselben vom Tod zum Leben durchgedrungen sind, müssen wir fortfahren, geistliche Nahrung zu erhalten und aufzunehmen, damit wir dadurch wachsen. Wir müssen durch den Glauben wandeln und der Führung des Heiligen Geistes durch das Wort der Wahrheit folgen [Manna vom 15. März – 1. Teil; Hervorhebung von uns].

In diesem Weg des Glaubens liegen viele Vorrechte der Gegenwart sowie Zukunftsaussichten. Es ist der Weg, auf dem wir uns der Gemeinschaft und der beständigen Gegenwart unseres Herrn Jesus und unseres himmlischen Vaters erfreuen können, auf dem wir eine innige persönliche Gemeinschaft mit ihnen haben können und auf dem wir auch das Zeugnis des Heiligen Geistes für unsere Annahme und fortwährende Anerkennung als Söhne Gottes haben können, sowie den Trost der Heiligen Schrift, die Gemeinschaft der Heiligen und die gesegnete Inspiration, Hilfe und Ermutigung durch alle Gnadenmittel. Diese gegenwärtigen Vorrechte, zusammen mit den herrlichen Hoffnungen, die sie in uns wecken und lebendig halten, sind die Speise, die wir zu essen haben und von der die Welt nichts weiß, und die uns befähigt, ein neues Leben getrennt von der Welt zu führen – getrennt von ihrem Geist und ihrer Gemeinschaft. Das ist es, was es bedeutet, im Glauben zu wandeln. Es bezeichnet einen Weg des Lebens, der der üblichen Ordnung der Welt völlig zuwiderläuft, die darin besteht, im Schauen und nach den Wünschen des Fleisches zu leben. Die Menschen der Welt schauen auf die Dinge, die sie sehen. Sie richten über ihre relativen Werte, aber nur in Bezug auf zeitliche Interessen, wobei sie ihre ewigen Interessen und die Ansprüche des Schöpfers an sie völlig ignorieren. Da ihnen der Glaube an das göttliche Wort fehlt, fehlt ihnen auch eine wesentliche Hoffnung, die über die Gegenwart hinausgeht; und nach ihrem eigenen Urteil über den relativen Wert irdischer Güter und ihrer Hoffnung, diese zu gewinnen, üben sie sich in ihrem Streben und überlassen die Fragen der Zukunft und der gegenwärtigen Verantwortung gegenüber Gott praktisch außer Betracht.

Aber so ist es nicht bei einem wahren Kind Gottes. Es wandelt im Glauben und nicht im Schauen. Es schaut nicht auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare (2. Kor. 4:18), und behält immer im Sinn, dass das Sichtbare zeitlich, unsicher und unbefriedigend ist, während das Unsichtbare ewig ist, den Treuen sicher und von unschätzbarem Wert. Es lebt nicht für die Gegenwart, sondern für die Zukunft – für die Dinge, die dem Auge des Glaubens in den Verheißungen Gottes offenbart werden, die alle Ja und Amen in Christus Jesus für diejenigen sind, die glauben. In diesem Leben des Glaubens sind die Motive, Hoffnungen, Ziele, Ambitionen und Freuden alle von höherer, edlerer Art als die der Welt; aber sie sind solche, die ganz und gar vom Glauben abhängen. Wenn der Glaube des Christen umgestürzt wird, muss er notwendigerweise in diesem Maße aufhören, das Leben des Glaubens zu leben; das heißt, er wird aufhören, von denselben Motiven usw. angetrieben zu werden, die sein Glaube zuvor inspiriert hat. Und wenn seine geistliche Sicht durch Untreue getrübt wurde, sodass er den Wert geistlicher Dinge nicht mehr sehen oder richtig einschätzen kann, sind die Welt, das Fleisch und der Teufel nach wie vor damit beschäftigt, ihm Verlockungen und Täuschungen zu präsentieren, um ihn immer weiter von Gott wegzuführen, in dessen Gunst allein das Leben liegt.

Die Ermüdung, Gutes zu tun, und der Wunsch nach den Belohnungen der Untreue sind die ersten Schritte, sich vom Weg des Glaubens und auch von der Gunst Gottes zurückzuziehen. Im Licht unserer Bibelstelle ist dieser Rückzug eine äußerst ernste Angelegenheit. Die Andeutung in Vers 39 ist, dass es ein Zurückziehen in die Verdammnis, in die Zerstörung ist – „,Wenn er sich zurückzieht, so wird meine Seele kein Wohlgefallen an ihm haben‘. Wir aber sind nicht von denen, die sich zurückziehen zum Verderben, sondern von denen, die glauben zur Gewinnung des Lebens [griech.: zum Besitz der Seele]“.

Das Zurückziehen kann anfangs nur eine sehr kleine Abweichung vom schmalen Weg der Opferung sein - vielleicht nur ein Zurückschauen mit einem Seufzen nach Dingen, die hinter uns liegen, eine kleine Verringerung der Geschwindigkeit in dem vor uns liegenden Wettlauf. Dann folgt eine geringe Neigung, mit der Wahrheit zugunsten der Wünsche der gefallenen Natur Kompromisse zu machen. Auf diese Weise wird der Weg für die List des Versuchers geebnet, der flink unsere Schwachstellen entdeckt und sie in der für unsere Situation am besten geeigneten Art und Weise auszunutzen versucht. Schwer zu erkennende Irrtümer wirken auf unser Urteilsvermögen ein; angenehme Verlockungen, die einen Schein von Gerechtigkeit haben, werden der fleischlichen Gesinnung angeboten, und fast unmerklich vergisst die Seele ihre „erste Liebe“ für den Herrn und ihren ersten Eifer für Seinen Dienst und wird von der Wahrheit und ihrem Geist abgetrieben. Sie wird nicht länger vom heiligen Geist Gottes geleitet [Manna vom 8. April; Hervorhebung von uns].

Tatsächlich gibt es nur wenige Kinder Gottes, die noch nie in diese Richtung versucht wurden; denn wir alle haben den Schatz der neuen Natur „in irdenen Gefäßen“ [2. Kor. 4:7], und zwischen der neuen und der alten Natur herrscht ein ständiger Krieg; und nur durch ständige Wachsamkeit kann die neue Natur die alte in Schach halten. In dem mühsamen lebenslangen Kampf brauchen wir oft die züchtigende Hand unseres Vaters, die uns führt und auf dem Weg hält. „Denn wer ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt?“ [Hebr. 12:7]. Durch Unterweisung, Erziehung und Erfahrung führt Er uns weiter, und wenn es unsere Gesinnung ist, uns vom Geist leiten zu lassen – die Unterweisung dankbar anzunehmen, die Erziehung demütig zu akzeptieren und aus der Erfahrung sanftmütig zu lernen, dann wird der Herr Freude daran haben, uns von Gnade zu Gnade und von Sieg zu Sieg zu führen. Nur still dazustehen und sich auf die Defensive zu beschränken, ist sehr ermüdend und führt zu keinem Sieg. Um den Sieg zu erlangen, müssen wir nicht nur die Waffenrüstung Gottes anlegen, sondern wir müssen auch Helden in dem Kampf sein und einen Angriffskrieg gegen die Gelüste des Auges, des Fleisches und des Hochmuts des Lebens und gegen alle Feinde der Gerechtigkeit und Reinheit führen. Liebe - Liebe für den Herrn, für die Wahrheit und die Gerechtigkeit - muss unsere Antriebsfeder sein, sonst werden wir niemals siegreich sein. Nur die Liebe allein erhält uns treu, sogar bis in den Tod, und dass wir für das Erbteil der Heiligen tauglich sind. Wo feurige Liebe das Herz regiert bedeutet dies, dass das Herz dem Herrn völlig unterworfen ist und neun Zehntel des Kampfes bereits gewonnen sind. Aber selbst dann müssen wir uns in der Liebe Gottes erhalten, wie es der Apostel sagt (Judas 21), in Wachsamkeit, im Gebet und im Eifer. Und da, wo Liebe überreichlich vorhanden ist, wird auch Gnade überreichlich vorhanden sein [Manna vom 9. April; Hervorhebung von uns].

Durch solch treuen Gehorsam gegenüber der Wahrheit und das ernsthafte Bestreben, sich an ihre Grundsätze zu halten, werden der Weg und die Wahrheit immer wertvoller, und unsere willigen Füße werden mit Freude auf die Pfade der Gerechtigkeit und des Friedens geführt – in das ewige Leben.

Das Leben aus dem Glauben ist eine individuelle Angelegenheit, sowohl des Herzens als auch des Kopfes. Es ist weit mehr als eine Annahme von Doktrinen, die wir für schriftgemäß und deshalb für wahr halten. Es ist eine Aneignung dessen, was sich für uns als die Wahrheit erwiesen hat, so dass ihre Grundsätze unsere Grundsätze und ihre Verheißungen unsere Inspiration werden [Manna vom 15. März – 2. Teil; Hervorhebung von uns]. Das ist es, was es bedeutet, „glauben zur Gewinnung des Lebens“ [Hebr. 10:39]. „Denn so viele durch den Geist Gottes geleitet werden, diese sind Söhne Gottes“ [Röm. 8:14]. Und wie wir auch erkennen mögen, dass wir allein nicht in der Lage sind, die Welt, das Fleisch und den Teufel in diesem scheinbar ungleichen Kampf zu überwinden, so sollten wir uns doch zu unserer Ermutigung daran erinnern, dass derjenige, der ein gutes Werk in uns begonnen hat, es auch bis zur Vollendung weiterführen wird, wenn wir uns demütig Seiner Führung und Erziehung unterwerfen. Die Verheißung unseres Herrn ist es, dass Er nicht zulassen wird, dass wir über unsere Kraft hinaus versucht werden. Lasst uns an unserem Glauben und unserem Vertrauen in Sein sicheres Wort der Verheißung festhalten – an der Wahrheit in Gerechtigkeit und Treue festhalten, dann werden wir nicht zu denen gehören, die sich zurückziehen und sich um irdische Dinge kümmern.

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