R 1759
DER DIENST DES BÖSEN – Ps. 130.

Das Leben jedes Menschen hat sein Licht und seine Schatten, seine Zeiten der Freude und seine Tiefen der Trauer. Diese bilden die Kette und den Schuss der Erfahrung, und das Gewebe des Charakters, das aus dem aktiven Webstuhl des Lebens entspringt, wird fein und schön oder grob und schlicht sein, je nach der Geschicklichkeit und Sorgfalt, mit der der Einzelne die Fäden der Erfahrung aufnimmt und zu einem Ganzen verwebt. In jedem Leben überwiegen unter der gegenwärtigen Herrschaft der Sünde und des Bösen die dunklen Schatten, und zwar in einem solchen Ausmaß, dass die Heilige Schrift die Menschheit in ihrem gegenwärtigen Zustand treffend als „seufzende Schöpfung“ beschreibt. Auch der Christ ist von diesen Verhältnissen, die auf der ganzen Welt lasten, nicht ausgenommen, denn „auch wir seufzen in uns selbst, erwartend die Sohnschaft: die Erlösung unseres Leibes“ (Röm. 8:22, 23).

Aber während wir auf die Erlösung warten, haben die täglichen Erfahrungen des Lebens eine höchst wichtige Aufgabe für uns, und die Art und Weise, wie wir sie aufnehmen und nutzen, sollte uns eine Angelegenheit von tiefstem Interesse sein; denn je nachdem, wie wir sie nutzen, bringt uns das Glück oder die Not und Prüfung eines jeden Tages einen Segen oder einen Fluch. Die Erfahrungen, die wir gewöhnlich als glücklich betrachten, bergen oft subtile Gefahren. Wenn der Reichtum zunimmt oder die Freunde zahlreicher werden, findet das Herz fast unmerklich seine Befriedigung in irdischen Dingen; wenn aber andererseits Kummer und Enttäuschung spürbar werden, wenn der Reichtum schwindet, die Freunde uns verlassen und die Feinde uns Vorwürfe machen, ist die natürliche Versuchung groß, zu verzagen und zu verzweifeln.

Hier wird ein wichtiger Teil des großen Kampfes im Leben eines Christen genannt. Er muss die natürlichen Neigungen der alten Natur bekämpfen und vertrauensvoll in der Stärke des großen Anführers seiner Errettung auf den Sieg hoffen. Er darf den schmeichelhaften und irreführenden Einflüssen des Wohlstandes nicht unterliegen, und auch nicht unter den Bürden des Unglücks ermatten. Er darf nicht zulassen, dass die Prüfungen des Lebens sein Gemüt verbittern und verhärten, ihn verdrießlich oder mürrisch oder bitter und unfreundlich machen. Er darf auch nicht zulassen, dass sich Stolz, Prahlerei oder Selbstgerechtigkeit entwickeln und nähren an den zeitlichen Gütern, die ihm die Vorsehung des Herrn zugedacht hat, um seine Treue als Verwalter auf die Probe zu stellen [Manna vom 30. Mai, Hervorhebung von uns].

Zwar können und werden oft Kummer und Leiden wie eine Flut über uns hereinbrechen, aber der Herr ist unser Helfer in all diesen Dingen. Eine Seele, die nie die Erziehung durch Kummer und Not erfahren hat, hat auch nie gelernt, wie kostbar die Liebe und Hilfe des Herrn sind. In Zeiten überwältigender Trauer, wenn wir uns dem Herrn nähern, kommt Er uns besonders nahe. So erlebte es der Psalmist, als er in tiefer Not zum Herrn schrie und von Seiner Gerechtigkeit sprach: „Aus den Tiefen rufe ich zu Dir, HERR. Herr, höre auf meine Stimme! Lass Deine Ohren aufmerksam sein auf die Stimme meines Flehens“ [Ps. 130:1, 2]. Da er seine eigenen Unzulänglichkeiten spürte, sich nach vollständiger Befreiung von jeder Unvollkommenheit sehnte und die großzügigen Vorkehrungen des göttlichen Erlösungsplans durch Christus prophezeite, fügte er hinzu: „Wenn du, Jah, achtest auf die Ungerechtigkeiten (und sie uns zurechnest): Herr, wer wird bestehen? Doch bei dir ist Vergebung, damit du gefürchtet (verehrt) werdest “ (Ps. 130:3, 4).

Wie gesegnet sind solche Zusicherungen, wenn die Seele sich ihrer Schwächen und ihrer Unfähigkeit, dem vollkommenen Gesetz der Gerechtigkeit gerecht zu werden, schmerzlich bewusst ist. Wenn das Herz aufrichtig und treu ist, rechnet Gott uns unsere Schwächen nicht an. Sie werden uns nicht zugerechnet, sondern durch Christus, auf dessen Verdienst wir vertrauen und dessen Gerechtigkeit unser herrliches Kleid ist, frei vergeben – und so gekleidet können wir mit demütiger Kühnheit sogar vor den König der Könige und Herrn der Herren treten.

Wenn Gott also die Schwächen unseres Fleisches ignoriert und uns als Neue Schöpfung in Christus annimmt und mit uns Gemeinschaft hat, sollten auch Seine Kinder einander so betrachten und einander nicht die Schwächen des Fleisches vorhalten, die alle demütig bekennen und durch Gottes Gnade täglich zu überwinden suchen. „Wenn Gott für uns ist, wer ist gegen uns?“ [Röm. 8:31]. Anders verhält es sich jedoch, wenn die Schwächen des Fleisches gepflegt, genehmigt und gerechtfertigt werden, damit die Fehler fortgesetzt werden können. Dann werden sie uns tatsächlich vorgeworfen, und wenn wir uns nicht schnell „selbst beurteilen“, wird der Herr uns richten und züchtigen – 1. Kor. 11:31, 32.

„Ich warte auf den HERRN“, fährt der Psalmist fort, „meine Seele wartet; und auf sein Wort harre ich. Meine Seele harrt auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen, die Wächter auf den Morgen“ [Verse 5, 6]. Wie notwendig ist dieses geduldige Warten auf den Herrn! Inmitten von Sorgen, Verwirrungen, Schwierigkeiten und Schwächen können wir uns daran erinnern, dass alle widerstreitenden Unstimmigkeiten des Lebens zum Guten mitwirken für diejenigen, die den Herrn lieben, für die, die nach seinem Vorsatz berufen sind [Röm. 8:28]. Aber um die Vollendung dieses Vorhabens Gottes für uns zu erreichen, müssen wir „warten“ und während wir geduldig warten, als gute Soldaten die Härten ertragen. „Vertraue still dem Herrn und harre [demütig] auf ihn, er wird handeln“ [Ps. 37:5, 7]. Die Zeit ist ein wichtiges Element in allen Plänen Gottes. Deshalb dürfen wir nicht enttäuscht sein, wenn sich unser Ausharren im Prüfstand befindet, wobei die Segnungen, nach denen wir uns sehnen, auf sich warten lassen. Gott ließ sich Zeit, um die Welt zu gestalten und sie als Wohnstätte für die Menschen einzurichten, Zeit (6000 Jahre), um der Welt die notwendige Erfahrung mit dem Bösen zu geben, Zeit (4000 Jahre), um die Ankunft Christi als Erlöser der Welt vorzubereiten, und Zeit (2000 Jahre), um die Kirche und den Rest Seines Volkes des Evangelium-Zeitalters auf die Teilnahme an Seiner herrlichen Herrschaft vorzubereiten. Eine bestimmte Zeit ist auch erforderlich, um die persönlichen Angelegenheiten Seines Volkes zu regeln und zu ordnen. Gott hat nicht vergessen, auch wenn es scheint, dass die Antworten auf unsere Gebete lange auf sich warten lassen. Ihm, der sieht, wie der Sperling auf die Erde fällt, und der die Haare auf unseren Köpfen gezählt hat, ist der leiseste Ruf oder das geringste Bedürfnis Seines unscheinbarsten Kindes nicht gleichgültig [Manna vom 4. Januar, Hervorhebung von uns].

„MEHR ALS DIE WÄCHTER AUF DEN MORGEN“

„Meine Seele harrt auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen, die Wächter auf den Morgen“ [Vers 6].

Die „Brüder“ sind nicht in Finsternis über den Tagesanbruch des Millennium-Morgen, weil sie vom Tröster darüber belehrt worden sind (siehe 1. Thess. 5:4), und weil in ihren Augen des Glaubens der Morgenstern (der Bringer des Tages – Christus) bereits erschienen ist, und sie freuen sich über das inspirierte Zeugnis, dass, obwohl „am Abend Weinen einkehrt (wegen der Vorherrschaft der Sünde), am Morgen (des großen Tages des Herrn) Jubel da ist“ [Ps. 30:6]. Und während der Tagesanbruch des neuen Tages, „der Tag Christi“, immer deutlicher wird, können und werden viele neben den „Brüdern“ Zeichen sehen, dass „die Nacht weit vorgerückt ist und der Tag nahe ist“ [Röm. 13:12]; und nach und nach, ungeachtet der dunklen Wolken und des schrecklichen Sturms der Drangsal, die die Zeichen des Morgens vor ihnen vorübergehend verbergen werden, wird die ganze Welt – sogar die noch schlafende nominelle Kirche – zu der Erkenntnis erwachen, dass „endlich der Morgen anbricht“.

Aber viele von denen, die jetzt aus der Sicht des Sozialismus, Nationalismus usw. auf den Morgen warten, warten nicht auf den Herrn – tatsächlich kennen sie den Herrn nicht, da Sein Charakter und Sein Königreich von denen, die behaupteten, Seine Mundstücke zu sein, so traurig falsch dargestellt wurden. Sie freuen sich auf den Morgen, weil er das goldene Zeitalter der menschlichen Gleichheit, der allgemeinen Bildung, der verminderten Arbeit und der vermehrten Vorrechte, Annehmlichkeiten und Luxusgüter einleitet. „Alle ihre Gedanken sind: Es ist kein Gott!“ [Ps. 10:4], wenn sie nach dem Morgen Ausschau halten. Aus einer mehr oder weniger egoistischen Sichtweise heraus und ohne sich von der göttlichen Offenbarung leiten zu lassen – denn niemand kennt die Gedanken Gottes außer dem, der den Geist Gottes hat (1. Kor. 2:11, 12) – erkennen sie nicht das wahre Ziel und Hauptmerkmal des kommenden Zeitalters des Segens und verteidigen lediglich die Interessen der Massen gegenüber den gegenwärtigen besonderen Vorteilen der Reichen. Sie sehen nicht die größten Segnungen des Tages, der anbricht, nämlich dass er zusammen mit irdischen Annehmlichkeiten und Vorrechten den großen Segen einer Prüfung für das ewige Leben mit sich bringen wird, dass es der Tag des Weltgerichts sein wird, an dem entschieden wird, wer unter diesen günstigen Verhältnissen einen Charakter entwickeln wird, der mit dem Charakter Gottes in Übereinstimmung steht.

Aber bei den „Brüdern“ ist es anders. Sie schätzen zwar die kommenden irdischen Segnungen nicht weniger, aber, auf klügere Weise, den Herrn, Seinen Charakter und das Werk, das der große Arzt für die Menschen vollbringen wird – als Prophet, Priester und König – diese gewichtigeren und wertvolleren Betrachtungen überwiegen bei weitem die irdischen Wohltaten, die mit der Herrschaft Seines Königreiches einhergehen werden. Ja, die „Brüder“ warten auf den Herrn selbst und sehnen sich danach, den König in Seiner Schönheit zu sehen – ausgezeichnet vor Zehntausenden, den Lieblichen [Hl. 5:10, 16]. Ja, wahrlich, unsere Seelen „harren auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen“.

Dann soll ganz Israel auf den Herrn harren (Verse 7, 8), denn beim Herrn ist Gnade, Gnade nicht nur im Umgang mit unseren Schwächen, sondern auch darin, dass Er uns vor übermächtigen Prüfungen bewahrt und in jeder Not Gnade schenkt, die hilft – denen, die im Glauben und Gehorsam am Weinstock bleiben. „Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht alle seine Wohltaten!“ [Ps. 103:2].