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„DAS BAND DER VOLLKOMMENHEIT“
„Zu diesem allen aber zieht die Liebe an, die das Band der Vollkommenheit ist“ – Kol. 3:14.

Der Apostel sagt, dass Liebe das Band der Vollkommenheit ist; und Jesus sagte, dass Liebe die Erfüllung des göttlichen Gesetzes ist. Jedes intelligente Wesen, vom geringsten bis zum erhabensten, sehnt sich nach Liebe. Der Hund sehnt sich nach der Zuneigung seines Herrn und drückt seine Freude bei jedem Anzeichen dafür aus; ein Pferd und sogar eine Katze werden eure Zärtlichkeiten erwidern; die Vögel belohnen eure Liebe mit Freudenrufen; das lispelnde Kind belohnt eure Liebe mit Lächeln und Zärtlichkeiten. Die Jungen wollen geliebt werden; die Menschen mittleren Alters, die sich in der Hitze und im Streit des großen Lebenskampfes befinden, wollen den beruhigenden Trost liebevoller Anteilnahme; die Alten, die vom Streit der Jahre müde und erschöpft sind, wollen sich auf den starken Arm der Liebe stützen. Die Engel in all der Herrlichkeit ihres höheren Zustands wünschen sie sich; unser Herr Jesus wünscht sie; und unser himmlischer Vater wünscht sie. Wir werden ihrer nie überdrüssig; noch können wir zu viel von ihr bekommen.

Nicht nur das Schwache sehnt sich nach Liebe, auch das Starke und das Herrliche. Was ist das für ein begehrenswertes Gut, nach dem sich jeder Rang intelligenter Wesen so allgemein sehnt? Es ist eines jener Dinge, die mit der Feder nicht beschrieben werden können. Man kann darüber singen, reden, lesen und schreiben, und doch hat man nur eine vage Vorstellung von seiner Realität. Doch unterbrecht für einen Moment das Lesen, Schreiben und Reden und ruft euch die wenigen lebendigen Beispiele von Liebe in den Sinn, die euch zufällig auf eurem Weg begegnet sind. Könnt ihr euch in den langen vergangenen Jahren eurer sonnigen Kindheit an die Zärtlichkeit von Mutters Liebe erinnern, die eure Wangen mit Küssen bedeckte, die den Reichtum ihrer Zuneigung nicht einmal annähernd zum Ausdruck bringen konnten? Und erinnert ihr euch nicht an die Zärtlichkeit der Fürsorge eures Vaters, der geduldig schuftete und Opfer brachte und sich dann freute, in euch die Frucht seiner Arbeit zu sehen? Oder habt ihr vielleicht die Süße der ehelichen Liebe gekostet und in der Partnerin eures Lebens eine Gefährtin gefunden, die immer bereit ist, sich an eurem Wohlstand zu erfreuen, eure Lasten zu teilen und euch zu den wahrsten und höchsten Errungenschaften des Lebens zu ermutigen und anzuspornen?

Oder hat nicht in einer dunklen Stunde der Trauer und der Tränen eine zärtliche Hand eure schmerzerfüllte Stirn beruhigt, ein freundlicher Dienst hat eure Schwäche gestärkt, oder ein passendes Wort des Zuspruchs, des Rates und der Ermutigung euch mit neuem Eifer für den harten Kampf des Lebens erfüllt! Welches Leben war so fruchtlos und trostlos, dass nie ein solcher Sonnenstrahl den Weg erhellt hat? Solche Beispiele geben uns eine Vorstellung davon, was es heißt, geliebt zu werden.

Dann betrachtet noch einmal für einen Moment die Freude am Lieben – die Freude, euer eigenes liebes Kind zu lieben, oder die männliche Stärke eures edlen Ehemanns, oder die weibliche Anmut eurer hingebungsvollen Ehefrau, oder die zärtliche Süße eurer ehrwürdigen Mutter, oder die gereifte Pracht eures betagten Vaters, oder die gesegnete Gemeinschaft bewährter und treuer Freunde – die Gemeinschaft der Heiligen. Dann, über diese irdischen Lieben hinaus, haben einige die Süße jener göttlichen Liebe gekostet, die jede andere Liebe übertrifft. Bisher ist diese göttliche Liebe jedoch nur für diejenigen sichtbar, die an die göttlichen Verheißungen glauben und im Gehorsam gegenüber den göttlichen Geboten leben.

Lasst uns jetzt mit diesen Illustrationen dafür, was es heißt, zu lieben und geliebt zu werden, unsere Vorstellungskraft nutzen, um den Bereich dieser edlen Tugend zu erweitern. Sehen wir nicht, dass sie, wenn sie in allen Herzen herrscht, genau das sein wird, was der Apostel sagt, nämlich „das Band der Vollkommenheit“ und die größte aller christlichen Tugenden? In der Tat zeigt er, dass wir, selbst wenn wir alle anderen Tugenden in uns vereinen, ohne diese eine Tugend wie tönendes Erz und wie schallende Zimbeln [1. Kor. 13:1] wären. Tatsächlich wäre das Anlegen der anderen Tugenden, außer wenn es durch diese Tugend angeregt wird, bloße Heuchelei und Scheinheiligkeit. Doch mit dieser Tugend, auch wenn die anderen in gewissem Maße fehlen, würde sich das Herz als treu erweisen, auch wenn das Fleisch schwach sein mag, den Geboten der Liebe zu folgen.

Der Herr sagt viel über diese Tugend, wenn Er erklärt, dass Liebe die Erfüllung des Gesetzes ist; oder mit anderen Worten, dass wir, wenn wir vollkommen lieben würden, das ganze Gesetz Gottes leicht und natürlich einhalten könnten. Aber hier liegt unsere Schwierigkeit: Wir können nicht vollkommen lieben. Nun, der Herr weiß, dass wir das nicht können, aber Er möchte, dass wir uns bemühen, mehr und mehr zu lieben und tatsächliche Fortschritte in diese Richtung zu machen. Auch Paulus zeigt uns, wie sich die Liebe im Herzen im äußeren Leben offenbart. Das muss uns kaum gesagt werden, denn die Sprache der Liebe ist natürlich und ihre Impulse sind spontan; und doch, weil wir in der Liebe noch nicht vollkommen sind, macht Paulus' Beschreibung die Absurdität deutlich, etwas Liebe zu nennen, das diesen Namen nicht verdient. Er sagt: „Die Liebe ist langmütig, ist gütig (sie ist selbst gegenüber den Undankbaren und Unheiligen gütig und bemüht sich, ihnen durch ihr Beispiel einen besseren Weg zu zeigen); die Liebe neidet nicht (sie freut sich vielmehr über den Erfolg eines anderen), die Liebe tut nicht groß, sie bläht sich nicht auf (es gibt keinen Stolz in der Liebe, sie erfreut sich nicht an Zurschaustellung und eitlem Ruhm; sie ist eher bescheiden und zurückhaltend), sie gebärdet sich nicht unanständig (sie ist in all ihren Handlungen mit ihrem Bekenntnis vereinbar), sie sucht nicht das Ihre (sie ist nicht auf Eigennutz bedacht, sondern mehr auf das Interesse und den Segen anderer), sie lässt sich nicht erbittern (sie bemüht sich, die Schwächen anderer gebührend zu berücksichtigen), sie rechnet Böses nicht zu (ist langsam darin, böse Motive zu unterstellen, und darauf bedacht, jede gute Absicht zu sehen und zu fördern), sie freut sich nicht über die Ungerechtigkeit, sondern sie freut sich mit der Wahrheit (sie hat weder Freude daran, schlechte Nachrichten zu hören oder zu erzählen, noch an Schlechtigkeit jeglicher Art, sondern erfreut sich an Gottes Wahrheit und an ihrer Frucht der entwickelten Heiligkeit).

„Sie erträgt alles (sie berücksichtigt die Schwächen des Fleisches), sie glaubt alles (sie glaubt an die siegreiche Kraft der Liebe, die den Schwachen und Irrenden im Kampf gegen die Sünde hilft); … sie erduldet alles (sie erduldet die notwendigen Vorwürfe und Prüfungen des Glaubens und der Geduld in dem sorgfältigen Bestreben, die Schwachen aufzubauen und zu stärken)“ [1. Kor. 13:4-7].

Das Kind Gottes, das sich fleißig bemüht, den Geist der Liebe zu offenbaren und zu pflegen, wird in der Tat seinem gesegneten Meister immer mehr ähneln. Welchen Widerspruch der Sünder gegen Sich Selbst ertrug Er! Wie geduldig ertrug Er die Schwächen und Unzulänglichkeiten Seiner Jünger! Und wie treu lehrte Er sie und führte sie, Seine Fußstapfen zu folgen! Da war das vollkommene Vorbild jener sich selbst aufopfernden Liebe, die uns zur Nachahmung gegeben wurde.

Nun gut, sagt einer, während er dieses schöne Gesetz der Liebe betrachtet, ich würde gerne vollständig von einem so edlen Prinzip angetrieben werden, aber manche Menschen sind so abscheulich bösartig, dass ich sie nicht lieben kann. Aber bist du sicher, dass du solche Menschen nicht lieben kannst? Sind es nicht vielmehr die Sünden, die du nicht magst und die von jedem Herzen verachtet werden sollten, das Gott und der Gerechtigkeit wirklich treu ist? Du sagst, es sei schwer, zwischen beiden zu unterscheiden; und so ist es vielleicht manchmal, wenn angeborene Charakterfehler gefördert und gepflegt wurden und man sich sogar damit brüstet, wie es oft der Fall ist. Hier ist eine Methode, die wahre Stellung deines eigenen Herzens gegenüber solchen zu überprüfen. Würdest du ihnen gern Güte erweisen und ihnen nach bester Fähigkeit helfen, den Irrtum ihres Weges zu erkennen und ihn zu überwinden? Kannst du lieblich für sie beten und geduldig ihre Schwäche, ihre Unkenntnis und ihren Mangel an Entwicklung ertragen und versuchen, ihnen durch ein edles Beispiel einen vorzüglicheren Weg zu zeigen? Wenn das zutrifft, dann ist es die Sünde, die du verabscheust, nicht aber der Sünder. Du solltest die Sünde hassen, aber niemals den Sünder. Solange Gottes untrügliches Urteil nicht erklärt hat, dass die Sünde und der Sünder unzertrennlich miteinander verbunden sind, kann die Liebe ihren Einfluss auf unsere Mitmenschen ausüben [Manna vom 21. März; Hervorhebung von uns].

Die Liebe ist jedoch je nach der Würdigkeit des Objekts, auf das sie sich richtet, sowohl in der Art als auch im Grad unterschiedlich. Es gibt eine Liebe der Bewunderung, eine Liebe de Mitgefühls und eine Liebe des Mitleids. Die erste ist die höchste Art der Liebe und wird nur dem zuteil, der wirklich liebenswert und der Bewunderung würdig ist. In dieser Hinsicht beanspruchen unser himmlischer Vater und unser Herr Jesus unsere höchste und innigste Zuneigung; und alle guten, edlen und wahren Eigenschaften unserer Mitmenschen können, in dem Maße, wie sie dem herrlichen Ebenbild Gottes nahekommen, auch an dieser Liebe der Bewunderung teilhaben. Von derselben Art ist die Liebe der kindlichen Unschuld; und von derselben Art sollte die Liebe des ehelichen Glücks sein. Der auserwählte Lebenspartner sollte in diesem höchsten Sinne ein Geliebter sein; und auch die elterliche und kindliche Zuneigung sollte auf derselben Grundlage beruhen, und dann wäre die innigste irdische Beziehung der himmlischen verwandt.

Die Liebe des Mitgefühls können wir dem Schwächsten entgegenbringen, der sich mühsam den Berg der Schwierigkeiten hinaufquält, um ein besseres Leben zu erreichen; und liebevoll können wir solchen Menschen die mitfühlende, helfende Hand reichen. Wenn wir auf diesem Weg einigen um ein oder zwei Schritte voraus sind und wenn wir den Aufstieg mit etwas weniger Schwierigkeiten bewältigen, dann sollten wir Gott danken und unsere bessere Ausgangsposition nutzen, um den Schwächeren zu helfen.

Dann ist da noch die Liebe des Mitleids für diejenigen, die so tief in Unwissenheit und Sünde verstrickt sind, dass sie nicht einmal den Blick himmelwärts erheben können, um die erste Inspiration für ein besseres Leben zu erhaschen. Würden wir die Erniedrigten tatsächlich verachten oder denen, die bereits durch den Fall so verletzt sind, noch einen weiteren Schmerz zufügen? Aber nein: Liebe bedauert die Verächtlichsten, fühlt mit den Schwächsten und freut sich über das Wahrhaftigste, Reinste und Schönste auf Erden und im Himmel. So liebte unser gesegneter Herr unseren allherrlichen himmlischen Vater über alles; so liebte Er Seine ergebenen Jünger mit zärtlichster Sympathie; und so liebte Er alle gefallenen Söhne und Töchter der adamitischen Rasse mit wunderbarem Mitleid, sogar so sehr, dass Er Sein Leben gab, um sie zu erlösen. Lasst uns Seinem Beispiel nacheifern und in Seine Fußstapfen treten.

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